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Langfristige Anleiherendite : Amerikas Banken machen an der Börse Boden gut

  • -Aktualisiert am

König der Wall Street: Jamie Dimon, Chef von J.P. Morgan Chase & Co. Bild: Reuters

Der Anstieg der langfristigen Anleiherenditen beflügelt Finanzaktien. Doch gleichzeitig senken Großbanken ihre Prognosen für das Zinsgeschäft.

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          Bankaktien an der Wall Street haben in den vergangenen Tagen eine fulminante Aufholjagd begonnen. Gemessen am KBW Nasdaq Bank Index, legten die Finanztitel in den vergangenen fünf Handelstagen um mehr als 6 Prozent zu – fast sechsmal so stark wie der breit gefasste Aktienindex S&P 500. Der Grund für die kräftigen Kursgewinne: Die Rendite amerikanischer Staatsanleihen war seit Mitte der vergangenen Woche von 1,46 Prozent auf zuletzt 1,79 Prozent gestiegen. Damit wächst die Hoffnung auf steigende Zinseinnahmen der Banken, weil sich Kredite an Firmen- und Privatkunden, etwa Darlehen für Immobilien, am langfristigen Zinsniveau orientieren.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Mit dem Anstieg der langfristigen Anleiherenditen schrumpfte auch deren Renditeabstand zu Papieren mit sehr kurzer Laufzeit. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen liegt allerdings immer noch unter der von dreimonatigen Anleihen. Diese ungewöhnliche Konstellation, eine sogenannte „inverse Zinsstrukturkurve“, war in der Vergangenheit häufig Indikator für einen Wirtschaftsabschwung. Normalerweise liegt das Zinsniveau längerlaufender Papiere über dem von Kurzläufern.

          Die latenten Rezessionsängste hatten sich zuletzt negativ auf die Aktienkurse amerikanischer Banken ausgewirkt, die in der Regel sensibel auf konjunkturelle Trends reagieren. Trotz der Aufholjagd in dieser Woche hinkt der KBW Nasdaq Bank Index dem S&P 500 in diesem Jahr hinterher. Der Bank-Index hat um etwas mehr als 17 Prozent zugelegt, der S&P 500 ist um 20 Prozent geklettert.

          Der kräftige Kursanstieg der Bankaktien in dieser Woche stand allerdings im Gegensatz zu den Prognosen von Spitzenmanagern auf einer New Yorker Investorenkonferenz. Die meisten Banken kalkulieren angesichts der in diesem Jahr insgesamt stark gefallenen Zinsen mit schwächer als bisher erwarteten Zinseinnahmen. „Unsere Nettozinseinnahmen werden ein wenig niedriger sein als wir zuletzt gedacht haben“, sagte Jamie Dimon, der Vorstandsvorsitzende von JP Morgan Chase, der größten amerikanischen Bank. Noch Mitte Juli hatte JP Morgan Zinseinnahmen von 57,5 Milliarden Dollar avisiert. „Ich bin für dieses Jahr näher an 57 Milliarden“, sagte Dimon auf der Konferenz. Manager von Wells Fargo und der Citigroup, gemessen an der Bilanzsumme die Nummer 3 und Nummer 4 der Branche, nahmen ihre Prognosen ebenfalls um jeweils rund einen Prozentpunkt zurück. Wells Fargo rechnet jetzt mit einem Rückgang der Zinseinnahmen um 6 Prozent. Die Citigroup kalkuliert nur noch mit einem Wachstum um 3 Prozent bis 4 Prozent. Die Bank of America, hinter JP Morgan das zweitgrößte Kreditinstitut, hielt an ihren bisherigen Prognosen fest. Alle vier amerikanischen Großbanken hatten im zweiten Quartal die Erwartungen der Analysten für die Zinseinnahmen verfehlt.

          Zinsgeschäft könnte unter Druck geraten

          Für Banken ist der Abstand zwischen kurzfristigen und langfristigen Zinsen sehr wichtig. Banken zahlen für Kundeneinlagen, etwa auf Sparkonten, niedrige Zinsen und verleihen dieses Geld langfristig zu höheren Zinsen. Schrumpft dieser Abstand, gerät das Zinsgeschäft unter Druck. Dimon bereitet sich bereits auf Zeiten vor, in denen die Zinsen in den Vereinigten Staaten wie in einigen europäischen Ländern auf Null oder sogar in den negativen Bereich fallen. Der JPMorgan-Chef betonte zwar, dass er aktuell nicht mit Nullzinsen rechnet. Sollte das dennoch eintreten, erwägt die Bank, ihren Kunden höhere Gebühren in Rechnung zu stellen.

          Die amerikanische Notenbank hatte die Leitzinsen Ende Juli auf eine Spanne von 2 Prozent bis 2,25 Prozent zurückgenommen. An den Finanzmärkten wird mit einer weiteren Zinssenkung bei der Notenbanksitzung in der kommenden Woche gerechnet. Die amerikanischen Anleihe- und Aktienmärkte stehen im Bann der globalen Wirtschaftsentwicklung, deren Aussichten stark vom Ausgang des seit Monaten schwelenden Handelskonflikts zwischen den Vereinigten Staaten und China abhängen – den beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Eskalationen, etwa in Form von Strafzöllen, führten regelmäßig zu fallenden Aktienkursen und Anleiherenditen, weil die Rezessionsängste zunahmen. Die Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen steigt üblicherweise in Zeiten hoher Verunsicherung an den Märkten, weil die Papiere sehr sicher sind. Der Renditeanstieg und die fallenden Kurse in der vergangenen Woche folgten auf eine Deeskalation des Konflikts. Wertpapierhändler gaben sich vor den für Oktober angesetzten amerikanisch-chinesischen Gesprächen verhalten optimistisch. Auch gelten die Verluste als normale Gegenreaktion nach deutlich gestiegenen Kursen.

          Zudem scheinen sich die amerikanischen Verbraucher nach Einschätzung der Spitzenbanker trotz der immer wieder aufkommenden Sorgen um eine konjunkturelle Abkühlung in guter Verfassung zu befinden. Das ist relevant, weil das amerikanische Wirtschaftswachstum zu rund zwei Dritteln vom privaten Konsum abhängt. Firmenkunden agierten angesichts der globalen Unwägbarkeiten allerdings mit Zurückhaltung. Neben dem amerikanisch-chinesischen Handelskonflikt drücken auch der bevorstehende Ausstieg Großbritanniens aus der EU (Brexit) und die Proteste in Hongkong auf die Stimmung. „Die Leute sind ein bisschen weniger willens, Wetten einzugehen“, sagte Tom Montag, der das operative Geschäft der Bank of America verantwortet.

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