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Reaktionen an der Börse : Wie wirkt sich die Europawahl auf die Märkte aus?

Rumänen halten eine große EU-Flagge bei einer Wahlkundgebung der 2020 USR Plus Allianz zur Wahl des Europäischen Parlaments. Bild: dpa

Politische Börsen haben kurze Beine. Doch langfristig könnte die Europawahl für die Aktienmärkte weitreichende Folgen haben. Denn auch die künftige Geldpolitik der EZB könnte davon abhängen.

          Die Europawahl, die am Sonntag endet, wurde im Wahlkampf immer wieder als „Schicksalswahl für Europa“ bezeichnet. Weil von einem möglichen politischen Erdbeben die Rede ist, stellt sich für viele Anleger die Frage, welche Auswirkung die Wahl auf die Märkte in Europa haben wird.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Vor der letzten Europawahl vor fünf Jahren stand der deutsche Leitindex Dax kurz vor der 10.000-Punkte-Marke und notierte auch ein halbes Jahr später auf einem ähnlich hohen Stand. Der Dax stieg in diesem Zeitraum lediglich um 1 Prozent an. Auch der Eurostoxx 50, der die Aktienkurse der 50 größten börsennotierten Unternehmen in Europa abbildet stand sechs Monate nach der Wahl lediglich 0,7 Prozent höher. Schlechter verlief es hingegen für den italienischen, den französischen und den britischen Markt.

          Dort notierten die Indizes etwas tiefer. Eine pauschale Aussage lässt sich anhand der Entwicklungen aber nicht treffen. Der Eurostoxx 50 stieg nach den Wahlen 1999 und 2009 beispielsweise um mehr als 10 Prozent an. Zwar änderten sich die Mehrheitsverhältnisse zwischen den Wahlen von 1994 und 1999 zugunsten der Konservativen, was von den Märkten oft als positiv gewertet wird. 2009 blieben die Verhältnisse aber mehr oder minder unverändert.

          Kurzfristig keine großen Veränderungen

          Zumindest in den vergangenen Wahlen im Jahr 2014 musste die Europäische Volkspartei (EVP), als eigentlicher Sieger der Wahl, einen Verlust von 7 Prozent verschmerzen und kam mit 29,4 Prozent noch nicht einmal auf ein Drittel aller Stimmen. Dagegen entfielen rund 19 Prozent der Stimmen auf euroskeptische, rechtsradikale und andere nicht etablierte Parteien. Nach den diesjährigen Wahlen könnten Links- und Rechtspopulisten Umfragen zufolge sogar bis zu einem Drittel aller Sitze im Parlament belegen.

          Werden die Märkte darauf stärker reagieren als in den Wahlen von 2014, in denen die Reaktionen überschaubar waren? Man müsse dafür zunächst die kurz- von den langfristigen Folgen der Europawahl unterscheiden, sagt Shamik Dhar, Chefvolkswirt des großen amerikanischen Vermögensverwalters BNY Mellon Investment Management und ehemaliger Chefvolkswirt des britischen Außenministeriums. „Kurzfristig werden die Auswirkungen auf den Anleihe- und Aktienmarkt begrenzt sein“, stellt Dhar fest.

          Der Markt habe schon eingepreist, dass die Parteien des rechten und linken Randes auf Kosten der etablierten Parteien stark zulegen werden und dass die beiden größten Parteien, die EVP und die Sozialdemokratische Partei Europas (SPE), ihre Mehrheit verlieren werden. Für Investoren werde sich kurzfristig wenig ändern, erklärt auch Jean-Marie Mercadal, Chefanlagestratege des französischen Vermögensverwalter OFI. „Schon seit Monaten sind Investoren in Europa untergewichtet.“ Viele stünden dem europäischen Markt sehr skeptisch gegenüber und hätten ihre Positionen schon vor einiger Zeit verkauft.

          Anleihemarkt vor großer Herausforderung

          Die langfristigen Auswirkungen der Wahl sind aus Sicht von Dhar dagegen ernst zu nehmen: „Es ist klar, dass wir vor einem dramatischen politischen Umbruch stehen.“ Die Wahl wirke sich langfristig aber auch auf die einzelnen Mitgliedstaaten aus. So könne sie zu einer Gefahr für den italienischen Markt werden, sagt Mercadal. Sollten die Rechtspopulisten der Lega in Italien starke Zuwächse verzeichnen, werde die aktuelle Koalition in Italien nicht mehr lange halten. „Das kann zu neuen Spannungen am italienischen Bond-Markt führen.“ Die Risikoaufschläge zwischen den deutschen und italienischen Staatsanleihen könnten dann noch weiter auseinandergehen.

          Gewinnen die Populisten in Frankreich mehr Stimmen, könne das den Präsidenten Emmanuel Macron dazu bringen, seinen veränderten wirtschaftlichen Kurs noch weiter zu verschärfen, sagt Mercadal. „Macron hat erst angefangen, das Land wirtschaftlich konkurrenzfähig zu machen, um dann innerhalb von zwei Jahren seine Politik komplett zu verändern.“ Das werde sich auch auf den französischen Markt auswirken, wo die Risikoaufschläge schon aktuell „viel zu niedrig für die eigentlichen Fundamentaldaten sind“.

          Eine andere Entscheidung, die aus der Wahl folgen werde, könnte langfristig aber viel bedeutender für die Märkte sein als die Europawahl selbst, meint Mercadal. Sollte die EVP die meisten Sitze im Parlament erhalten und der EU-Kommissionspräsident Manfred Weber heißen, dann sei die Aussicht auf einen deutschen EZB-Präsidenten nicht mehr so wahrscheinlich. Falls der neue Kommissionspräsident jedoch kein Deutscher werde, steige die Wahrscheinlichkeit eines deutschen EZB-Präsidenten.

          Sollte der neue EZB-Chef einen anderen Kurs fahren als der derzeitige Notenbankchef Mario Draghi und beispielsweise die Zinsen anheben, stehe der Anleihemarkt in Europa vor einer großen Herausforderung: „Sollten die Zinsen steigen, wird vieles kollabieren“, sagt Mercadal. Die EZB müsse daher pragmatisch bleiben und weiter eine hohe Verschuldung unterstützen. Falls dies nicht der Fall sei, könne das dazu führen, dass bei den nächsten Europawahlen die Populisten die Mehrheit bekämen. Das passiere, wenn sich zu viele Menschen abgehängt fühtlen, sagt er. „Die einzige Organisation, die das verhindern kann, ist die EZB.“ Daher gebe es die „hohe Wahrscheinlichkeit“, dass die Schulden nie zurückgezahlt werden und man sich in einem Japan-Szenario befinde, in dem Zinsen über Jahrzehnte hinweg niedrig blieben.

          Eines der größten Risiken dieser Wahl und des möglichen Erstarkens der populistischen Parteien sei aber die Gefahr für den Euro, warnt Dhar. Der Euro bleibe so lange verwundbar, wie die Risikoteilung zwischen den Ländern nicht ideal sei. „Aber das impliziert einen Transfer der Hoheit über die Steuer- und Bankpolitik einzelner Länder nach Brüssel – etwas, dem sich nationalistische Kräfte wahrscheinlich widersetzen werden.“

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