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Ökonomen rechnen vor : Die Staatsverschuldung treibt den Zinssatz

Christian von Weizsäcker Bild: Marcus Kaufhold

Warum sind die Zinsen eigentlich so niedrig? Um Staatspleiten abzuwenden, lautet eine immer wieder gegebene Antwort. Forscher nennen nun einen anderen Grund.

          Nach einer verbreiteten Vorstellung verhindert die hohe Staatsverschuldung ein höheres Zinsniveau. Denn, so lautet das Argument, höhere Zinsen würden manche Länder in den Staatsbankrott treiben.

          Es könnte aber auch ganz anders sein: Demnach drückt die hohe Staatsverschuldung durchaus den Zins nach oben, nur wird diese Entwicklung mehr als konterkariert durch Einflüsse aus der Privatwirtschaft, die den Zins mächtig nach unten drücken. Ohne den Staat wäre der Zins dann noch viel niedriger, als er heute schon ist.

          Diese Schlussfolgerung, die in Deutschland seit langem der Ökonom Carl-Christian von Weizsäcker vertritt, findet sich in einer neuen Arbeit von Lukasz Rachel und Lawrence H. Summers, die dieser Tage auf einer Konferenz der Denkfabrik Brookings in Washington vorgetragen wurde. Sie gelangen zu dem Ergebnis, dass in den vergangenen Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten die Finanz- und Sozialpolitik den langfristigen Zins um etwa 2,5 Prozentpunkte nach oben gedrückt hat.

          Hierzu hat zum einen der Aufbau der Staatsverschuldung beigetragen, aber auch staatliche Angebote in der Sozialpolitik, die Menschen in ihrem Vertrauen auf Absicherung davon abhalten, private Ersparnisse aufzubauen. Als Beispiel nennen Rachel und Summers das amerikanische Gesundheitssystem.

          Immaterielles Kapital?

          Warum ist der Zins in den Industrienationen dennoch so niedrig? Rachel und Summers erklären den Rückgang der vergangenen Jahrzehnte vor allem mit der demographischen Entwicklung, dem Rückgang des Produktivitätswachstums sowie der wachsenden Ungleichheit von Einkommen und Vermögen.

          Manche amerikanischen Ökonomen sehen daneben im starken Wachstum sogenannten immateriellen Kapitals einen Grund für den niedrigen Zins. Gemeint sind Investitionen in Patente, Software, Markenrechte oder Forschung und Entwicklung, die anders als traditionelle Sachinvestitionen in Fabriken und Maschinen wenig Kapital brauchen.

          Eine Internetplattform für ein Handelsunternehmen kostet weniger Geld als die Ölplattformen eines großen Mineralölkonzerns. Nach Ansicht mancher Forscher sind in den vergangenen Jahren die Unternehmen in den Industrienationen zu Netto-Sparern geworden.

          Der von anderen Ökonomen vorgetragenen Positionen, eine starke Nachfrage nach sicheren Kapitalanlagen aus Schwellenländern trage stark zum Rückgang des langfristigen Zinses in den Industrienationen bei, stehen Rachel und Summers skeptisch gegenüber. Sie denken, dass aus der Privatwirtschaft entstandene Einflüsse den langfristigen Zins seit dem Jahre 1970 um 7 Prozentpunkte gedrückt haben.

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