https://www.faz.net/-gv6-9d3xg

Vorbilder für Tesla? : Wie sich Unternehmen von der Börse verabschiedet haben

  • -Aktualisiert am

Dell war einst der führende Computerhersteller der Welt. Bild: AP

Tesla erwägt, sich von der Börse zu verabschieden. Das wäre der mit Abstand größte Rückkauf eines Unternehmens überhaupt – würde aber einigen spektakulären Beispielen folgen.

          3 Min.

          Falls Tesla sich tatsächlich von der Börse verabschiedet, wäre das wohl der größte Rückzug aller Zeiten. Das von Elon Musk ausgegebene Kursziel von 420 Dollar würde einer Gesamtbewertung von 82 Milliarden Dollar entsprechen – eine gigantische Summe. Das Volumen dieses sogenannten „Delistings“ wäre einmalig in der Geschichte. Und auch wenn es gerade in Mode ist, Konzernabspaltungen an die Börse zu bringen: In den letzten Jahren ist es immer wieder vorgekommen, dass Unternehmen an die Börse gegangen sind und sich später wieder zurückgezogen haben.

          Einer der größten, aber auch kuriosesten Fälle ist der des Computerherstellers Dell. Der von Michael Dell 1984 im texanischen Austin gegründete Computerhersteller ging nach vier Jahren zum ersten Mal an die Börse. Das Unternehmen verkaufte Aktien für zurückgerechnet 10 Cent pro Aktie, auf dem Höhepunkt der Kursentwicklung im Jahr 2000 waren diese mehr als 53 Dollar je Stück wert.

          Unternehmen von Aktionären zurückgekauft

          Doch mit Eintreten der Dotcom-Blase stürzte der Kurs im selben Jahr um zwei Drittel ab. In den folgenden Jahren kaufte Dell viele kleinere Unternehmen zu, doch zumindest der Aktienkurs erreichte nie wieder das Niveau, das er Ende der 1990er Jahre einmal hatte. Im Kerngeschäft mit Personalcomputern schwächelte das Unternehmen, den Trend zum Smartphone-Geschäft verschlief Dell viel zu lange.

          Im Jahr 2013 zog Gründer Michael Dell die Reißleine. Zusammen mit dem Finanzinvestor Silver Lake kaufte er das Unternehmen von den freien Aktionären zurück – für 24 Milliarden Dollar. Einer der Hauptgründe für den Milliardär Dell war wohl die Absicht, das Unternehmen unbeachtet vom Kapitalmarkt und unbeeinflusst von anderen Aktionären umstrukturieren zu können.

          Schuldenberg musste finanziert werden

          Verabschiedet sich ein Unternehmen von der Börse, entfallen aus Unternehmenssicht lästige Pflichten wie eine aufwendige externe Buchhaltung, die regelmäßige Offenlegungspflicht über Quartalszahlen oder Aktionärspflege. Außerdem steht ein Unternehmen dann nicht mehr unter Druck, kurzfristig Erfolge vorweisen zu müssen.

          Michael Dell sagte einmal in einem Interview, der Rückzug von der Börse sei für ihn eine phantastische Sache gewesen. Unbeachtet von kritischen Aktionären konnte er dann auch ein spektakuläres Manöver einfädeln: 2015 übernahm Dell für 67 Milliarden Dollar EMC, einen Spezialisten für Datenspeichersysteme. Es war die bis dahin teuerste Übernahme in der Technologiebranche.

          Doch auch wenn Dell sich nicht vor seinen Aktionären rechtfertigen musste: Durch den Rückzug von der Börse und den Kauf von EMC schleppt Dell heute einen Schuldenberg von 46 Milliarden Dollar mit sich herum. Die Trumpsche Unternehmsreform traf das Unternehmen besonders hart, da Zinszahlungen nur noch eingeschränkt von den Steuern abgezogen werden können. Schätzungen zufolge lagen Dells jährliche Aufwendungen für Zinsen zu Jahresbeginn bei 2 Milliarden Dollar.

          Und was macht man, wenn man dringenden Finanzierungsbedarf hat? Man denkt über einen Börsengang nach. Vor wenigen Wochen gab der einst größte Computerhersteller der Welt bekannt, über den Umweg der Tochtergesellschaft VMware an die Börse zurückzukehren – für einen geschätzten Börsenwert von 22 Milliarden Dollar.

          Ähnlich kurioser Fall in Deutschland

          In Deutschland gibt es eine ähnliche kuriose Börsengeschichte eines Unternehmens: die des Batterieherstellers Varta, eines der ältesten deutschen Industriebetriebe, der heute in Baden-Württemberg sitzt. Von 1890 an konnte man Aktien des Unternehmens an der Börse kaufen, zwischenzeitlich stieg die Quandt-Familie ein. Doch im Jahr 2000 wurde Varta nach schwierigen Jahren zerschlagen. Was übrig blieb, wurde 2007 als Varta AG vom österreichischen Investor Michael Tojner übernommen – der dann auch das Unternehmen von der Börse nahm. So hatte er die Möglichkeit, das Unternehmen auf die beiden Geschäftsbereiche Microbatterien und Energiespeicher für Wind- und Solaranlagen zu konzentrieren.

          Im Herbst vergangenen Jahres wagte die Varta AG dann ihr Comeback an der Börse. Das Ziel: Investitionen in die deutsche Produktion von Batteriezellen finanzieren. In einem boomenden Umfeld übertraf der Börsengang die Erwartungen bei weitem. Die Aktie war um ein Vielfaches überzeichnet, das Unternehmen zog das Listing schließlich um fast eine Woche vor – nachdem es den Börsengang ein Jahr zuvor wegen des „ungünstigen Marktumfelds“ noch abgesagt hatte. Insgesamt brachte er dem Unternehmen 233 Millionen Euro ein. Davon flossen 150 Millionen Euro an Varta selbst, der Rest an Tojner, der auch heute noch die Mehrheit am Unternehmen hält.

          Gänzlich von der Börse verabschiedet hat sich hingegen die Douglas Holding aus Hagen. Bis vor wenigen Jahren waren noch Marken wie Hussel Süßwaren, Christ Juweliere, die Thalia-Buchhandlungen und die Modekette Appelrath Cüpper unter ihrem Dach versammelt. Seit dem Delisting 2013 hat sich die Gruppe zunächst unter der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Advent, mittlerweile unter der CVC-Gruppe zu einer reinen, in Europa führenden Parfümeriegruppe entwickelt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Aufregung um Schiedsrichter : Strafanzeige nach dem Spitzenspiel

          Dem atemraubenden Duell zwischen Dortmund und Bayern folgt ein Abstieg in die Abgründe des Sports. Ein BVB-Profi erinnert daran, dass Schiedsrichter Felix Zwayer einst in den Hoyzer-Skandal verwickelt war. Das könnte Folgen haben.
          Straße in Leicester: Die besseren Tage sind schon lange her.

          Abgehängter englischer Norden : Johnsons blühende Landschaften

          Mit seinem „Levelling up“-Programm will der englische Premierminister Boris Johnson die Angleichung der Lebensverhältnisse für die Menschen im Norden Englands erreichen. Kann das klappen?
          Winfried Kretschmann (Grüne), Ministerpräsident von Baden-Württemberg

          Grüner Landesparteitag : Kretschmann beendet Nachfolge-Debatte

          Die Grünen im Südwesten vertagen auf ihrem Parteitag ihre wichtigste Zukunftsfrage. Und der Parteirat bleibt für Ministerpräsident Winfried Kretschmann ein Ort des linken Widerspruchs.