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Analyse des Nasdaq 100 : Abwärtstrend „ante Portas“?

  • -Aktualisiert am

Logo des Nasdaq Bild: Reuters

Einen Crash wie im letzten Frühling wird es nicht geben. Eine ausgedehnte Kurskorrektur des amerikanischen Technologieindex Nasdaq 100 ist jedoch möglich.

          3 Min.

          Ja – die Märkte sind schon deutlich gestiegen. Ja – ihre Verfassung ist auch aus technischer Sicht nicht mehr völlig taufrisch und auch: Ja! – es gibt wirklich belastende Faktoren. Zum Beispiel darf man den jüngsten Renditeanstieg mit Sicherheit nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber warum um alles in der Welt muss mancherorts gleich wieder der dickste Knüppel aus dem Sack geholt und ein anstehender „Crash“ verkündet werden?

          Wirklich ernst kann ich das nicht mehr nehmen. Wenn alle Crashs, die in den vergangenen Jahrzehnten angekündigt wurden, wirklich eingetreten wären, würden wir längst wieder mit Fred Feuerstein und Betty Geröllheimer in einer Höhle Kaninchen grillen. Meistens ging und geht es um Aufmerksamkeit, Clicks, Lese- und Werbezeit – aber kaum um eine nüchterne analytische Auseinandersetzung mit dem Thema. Ein Beitrag, dessen Überschrift fünf Buchstaben „C“, „R“, „A“, „S“ und „H“ in dieser Reihenfolge enthält, wird einfach viel eher gelesen als einer, über dem das weit weniger effektheischende Wort „Abwärtstrend“ steht.

          Ein Crash ist kein Meteoriteneinschlag

          Am Anfang einer objektiven Crash-Analyse sind zwei grundsätzliche Fragen zu klären: Was ist genau ein Crash? Und wann ist mit einem zu rechnen? Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Wenn viele über einen Crash sprechen und schreiben, ist die Gefahr für ein solch urgewaltiges Ereignis sehr klein. Alle Ereignisse seit der Jahrtausendwende, die ich als solche einstufen würde, Ansagen der ewigen Berufs-Crash-Propheten ausgeklammert, wurden nicht angekündigt. Das war so beim Platzen der Internetblase in den Jahren 2000 bis 2003, der Finanzkrise 2008 und beim Corona-Crash im Jahr 2020. Die Auswahl zeigt es schon: Für mich muss ein Crash schon etwas sehr Existentielles sein, damit er sich diesen Namen verdient. Und dabei habe ich nur das Ausmaß der Verluste und nicht etwa auch die zeitliche Komponente beurteilt: Kann ein Crash überhaupt ein Crash sein, wenn er sich drei Jahre Zeit lässt?

          Sei dem, wie es sei. Viel wichtiger ist heute die Frage, ob bald ein vierter Kursrutsch ansteht, den man „Crash“ nennen könnte. Die Einleitung legt schon nahe, dass ich darauf mit einem „Nein!“, etwas vorsichtiger ausgedrückt mit einem „Unwahrscheinlich!“ antworten möchte. Eine ausgedehnte Korrektur, die den amerikanischen Technologieindex Nasdaq 100 in Bereiche zwischen 11.000 und 12.000 Punkte zurückführt, könnte allerdings schon auf der Agenda stehen.

          Die Argumente für diese Einschätzung sind nicht unbedingt sensationell neu. Die Stärke der technischen Analyse liegt ja gerade darin, dass sie das Rad nicht ständig neu erfinden will, sondern prüft, was in der Vergangenheit gut funktioniert hat, und diese Erkenntnisse auf das Hier und Heute anwendet.

          Der erste Punkt: Trends sind das „A“ und „O“ an den Finanzmärkten. Deshalb kann der Bruch des Aufwärtstrends seit den Corona-Tiefs keine Freude bereiten. Ein Zweites: Korrekturen und nachhaltige Trendwenden kündigen sich meist mit Warnsignalen an. Zum Beispiel wird der Markt dünner. Immer weniger Aktien tragen den Aufschwung mit. Das war zuletzt der Fall. Und ein dritter, besonders unangenehmer Punkt: Der in der unteren Hälfte im Chart eingeblendete „MACD“ auf Wochenbasis, ein Feld-, Wald- und Wiesen-Indikator, aber eben auch ein sehr robuster, zeigt eine „negative Divergenz“: Er konnte die Hochs des Nasdaq 100 bei knapp 13.900 Punkten nicht mehr nachvollziehen. Mit einem Hinweis wie diesen auf eine spürbar nachlassende Dynamik im Aufwärtstrend ist im Regelfall nicht zu spaßen. Unter dem Strich wird man anerkennen müssen, dass das Verhältnis von Chancen und Risiken schon mal besser war. Auch die Entwicklung in der zurückliegenden Woche zeigt wohl, dass sich viele diesem Problem bewusstgeworden sind und es manch einen juckt, auch mal im größeren Stil Kasse zu machen.

          Nachsatz 1: Das Wort „Crash“ transportiert zumindest subkutan immer die Botschaft des totalen Ausgeliefertseins. Es steht auf einer Stufe mit Tsunamis, Erdbeben und Meteoriteneinschlägen: etwas, dem man nicht ausweichen kann, dem man hilflos ausgeliefert ist und das man nur hinnehmen kann. Das aber ist so falsch, wie es nur falsch sein kann. Allen sogenannten Crashs konnte man locker entkommen: Man musste einfach nur verkaufen. Dafür gab es immer Zeit und, auch nicht ganz unwichtig, Käufer. Sollte meine relativ entspannte Prognose also falsch sein, wäre das zwar mit Sicherheit keine Glanzleistung. Aber es wäre eben auch nichts, was einen Privatanleger aus den Latschen hauen oder gar schon jetzt den totalen Untergang seines gesamten Depots fürchten lassen muss. Ein Crash ist gerade eben kein Meteoriteneinschlag. Man entgeht ihm ganz einfach durch verkaufen. Und dafür würde wahrscheinlich auch dieses Mal Zeit sein. Nachsatz 2: Unter rund 11.000 Punkten müsste ich diesen Beitrag wohl neu schreiben – und oberhalb von 14.000 Punkten auch.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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