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Technische Analyse : Halbleiteraktien stoßen an ihre Grenzen

  • -Aktualisiert am

Produktion eines neuen 300mm Wafer bei Infineon. Bild: Infineon

Innerhalb von 10 Jahren hat sich der Branchenindex SOX verachtfacht. Wie lange hält noch der Aufwärtstrend bei Hightech-Aktien?

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          Wenn man mich vor 30 oder gar 40 Jahren auf „Halbleiter“ angesprochen hätte, wäre es mir wohl so ergangen wie vielen Prag-Reisenden zu Zeiten der Donaumonarchie: Ein böhmisches Dorf nach dem anderen. Bestenfalls hätte ich mich vielleicht noch gefragt, welchen Zweck wohl halbe Leitern erfüllen könnten. Und wahrscheinlich wäre ich mit dieser totalen und absoluten Unkenntnis nicht allein gewesen. Halbleiter spielten damals in unserem Alltag zwar partiell wie beispielsweise in den ersten PC schon eine Rolle. Aber kaum einer wusste um ihre Bauweise und Funktion.

          Die Zeiten haben sich geändert. Selbst Kinder in der Grundschule können mit Halbleitern etwas anfangen. Kein Wunder: Ohne Halbleiter geht heute einfach überall so gut wie gar nichts mehr. Kein Kuchen würde gebacken werden, kein Feld bestellt, Autos würden nicht fahren, und Fliegen wäre vor allem eines: lebensgefährlich. Diese Dinger sind etwa als Teil von winzigen Sensoren und Prozessoren heute einfach überall verbaut. Wahrscheinlich wäre nicht einmal der Kaffee, den ich gerade trinke, zu einem Kaffee geworden, wenn auch nur einer dieser Winzlinge den Dienst quittiert hätte. Und selbst dieser Beitrag wäre wohl niemals geschrieben und in dieser Zeitung veröffentlicht worden.

          Die Zeiten der Intel-und Texas-Instruments-Aktien

          Kein Wunder, dass die Aktien der Intels und Texas-Instruments dieser Welt in den vergangenen Jahren einen gigantischen Aufschwung erlebt haben. Wer meint, dass der Tec-Dax schon das Nonplusultra in den vergangenen zehn Jahren gewesen wäre, der sollte sich einmal den wohl am meisten beachteten Halbleiteraktien-Index der Welt, den „Philadelphia Semiconductor Index“, anschauen: Der hat sich in dieser Zeit fast verachtfacht – selbst die knappe Versiebenfachung des Tec-Dax kann da nicht mithalten.

          Analytisch besonders bemerkenswert ist nun, dass der kurz SOX genannte Index in den vergangenen Wochen wieder dort angekommen ist, wo er auch im Jahr 2000 schon einmal gewesen ist: Auf seinen bisherigen Höchstständen um die 1340 Punkte. Traditionell sind diese Allzeithochs massive Widerstände. Mit Sicherheit blickt nicht jeder auf den Chart und denkt dabei, dass er auch mal wieder Gewinne realisieren sollte. Doch mancher dürfte sich daran erinnern, dass er damals besser verkauft hätte, und nun versuchen, diesen Fehler kein zweites Mal zu machen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Abgabeneigung rund um die 1340 Punkte größer ist als sie das auf tieferen Niveaus war, ist deshalb in meinen Augen hoch.

          Ich gehe davon aus, dass die Zeit für eine wahrscheinlich breiter angelegte Konsolidierung oder auch Korrekturphase gekommen ist. Sie muss nicht unbedingt heute oder morgen beginnen, und sie wird den Philadelphia Halbleiterindex wahrscheinlich auch nicht dauerhaft in die Knie zwingen. Aber gerade dann, wenn ein Chart erreicht hat, was nur zu erreichen war, und er gleichzeitig an einem markanten Widerstand angekommen ist, dann ist im Regelfall das Chance-Risiko-Verhältnis nicht mehr ideal.

          Aufwärtstrends fallen nicht einfach in sich zusammen

          Bei einem Chart wie dem des SOX, der im letzten Jahr so gut wie keine Pause auf dem Weg nach oben kannte, fällt es schwer, das Niveau zu bestimmen, auf das die Bären ihn drücken könnten. Aber man wird wohl keinen großen Fehler machen, wenn man als Konsolidierungspotential 10 bis 15 Prozent annimmt und mit Kursen um 1100 Punkten rechnet – der ersten tragfähigen Unterstützung.

          Gut ins Bild passt, dass auch der in den vergangenen Monaten mit faszinierender und analytisch kaum noch zu fassender Stringenz und Konsequenz nach oben strebende Dow Jones langsam an seine Grenzen zu stoßen scheint. Die Entwicklung vom vergangenen Dienstag mit einem Tageshoch bei rund 26 100 Punkten folgte ein Tagestief bei 25 700 Punkten und ein Schluss bei 25 800 Punkten hat viel von einem „Reversal“, einer zumindest kurzfristigen Trendumkehr. Ganz klar: Ein einzelnes, wenig begeisterndes Signal macht noch lange keine Trendwende oder gar eine Baisse. Aber Kursmuster wie dieses potentielles „Reversal“ sind aus technisch-analytischer Sicht vor allem in einem völlig „überkauften“ Markt sehr beachtenswert. Mir würde es heute schon deshalb schwerfallen, in den Kanon der allgemeinen Sorglosigkeit einzustimmen.

          Dennoch bleibt zum Schluss eine gute Nachricht: Aufwärtstrends, wie sie sowohl beim SOX wie auch beim Dow Jones in den vergangenen Monaten zu beobachten waren, fallen nicht einfach in sich zusammen. Es braucht im Normalfall vor allem Zeit, bis die Anleger anfangen, sich grundsätzlich neu zu orientieren. Und die dürfte noch nicht gekommen sein. Das gilt vor allem so lange, wie die Schaltkreise, die halbleiterbasierten wie die humanneuronalen, halbwegs normal funktionieren. Davon gehen wir einfach mal aus.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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