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Asiatische Märkte : Wie geht Tokio gegen den Aktienkursverfall und die Yen-Stärke vor?

Ein Bildschirm zeigt die Entwicklung des Nikkei 225 und die Entwicklung des Yen im Vergleich zum Dollar. Die Börsen in Asien haben zum Wochenauftakt unter dem Eindruck des Ölpreisverfalls und der Sorgen über das Coronavirus teils deutlich nachgegeben. Bild: dpa

Die Angst vor dem Coronavirus und die Turbulenzen am Ölmarkt lassen die Aktienkurse in Tokio einbrechen. Zugleich wertet der Yen drastisch auf. Analysten spekulieren über drei mögliche Reaktionen der Regierung.

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          Mit einem Minus von 5,1 Prozent des Nikkei-Index gehört der japanische Aktienmarkt zu den großen Verlierern des Kurssturzes am Wochenbeginn. Schlechter schnitt am Montag nur der Aktienmarkt in Australien ab, der besonders stark von dem Preisverfall für Rohöl betroffen war. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Coronavirus-Epidemie und über die Turbulenzen am Ölmarkt ließen die Anleger Zuflucht im Yen suchen. Die japanische Währung wertete zeitweise mehr als 3 Prozent gegenüber dem amerikanischen Dollar auf und rückte mit einem Kurs von 101,5 Yen je Dollar nahe an die Marke von 100 Yen je Dollar. Das belastete die Aktienkurse zusätzlich.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der Nikkei-Index begann den Handelstag mit einem Minus von mehr als 6 Prozent und verlor letztlich mehr als 1000 auf 19699 Punkte. Zum ersten Mal seit Anfang September lag der Index wieder unter der psychologisch wichtigen Marke von 20.000 Punkten. Noch härter als den Nikkei-Index traf es den breiter angelegten Topix, der 5,5 Prozent auf 1080 Punkte einbüßte.

          Die Gründe für den Kurseinbruch spiegeln sich in den Verlierern und Gewinnern am Aktienmarkt in Tokio. Das Ölunternehmen Inpex verlor 13 Prozent auf 766 Yen. Der Schwermaschinenbauer IHI, der auch Ölraffinerien baut, gab 12,9 Prozent auf 1784 Yen ab. Am besten schnitt dagegen im Kreis der Nikkei-225-Unternehmen Nichirei ab, dessen Anteilsschein um 2,5 Prozent auf 2833 Punkte zulegte. Nichirei stellt Tiefkühlkost her und profitiert von den Ängsten der Japaner vor der Ausbreitung des Coronavirus.

          Volkswirte erwarten Schrumpfung von bis zu 0,8 Prozent

          Zu der negativen Grundstimmung in Tokio trug bei, dass revidierte Wirtschaftsdaten die japanische Wirtschaft am Ende des vergangenen Jahres noch schlechter aussehen lassen als zuvor bekannt. Das reale Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im Zeitraum von Oktober bis Dezember um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal und damit noch mehr als die zuvor gemeldeten 1,6 Prozent. Der Wachstumseinbruch ist die direkte Folge der Erhöhung der Konsumsteuer von 8 auf 10 Prozentpunkte im vergangenen Oktober.

          Der Ausbruch des neuen Coronavirus belastet nun auch die weiteren Monate. Volkswirte erwarten für das aktuelle Quartal eine Schrumpfung um 0,5 Prozent (Goldman Sachs) oder 0,8 Prozent (Morgan Stanley MUFG), wobei die Prognosen mit der sich global ausbreitenden Virusepidemie fast im Wochentakt herabgesetzt werden. Auch für das Gesamtjahr zeichnet sich zunehmend eine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung ab.

          In Tokio drehen sich die Spekulationen, wie die Regierung auf die sich verschlechternden Wirtschaftsaussichten reagieren wird. Am Dienstag wird das Kabinett von Ministerpräsident Shinzo Abe aller Voraussicht nach Pläne für ein neues Konjunkturpaket vorlegen. Dabei dürfte es wie von Abe schon angedeutet vor allem um Hilfen für Unternehmen gehen, die durch den Nachfrageeinbruch oder durch zeitweise unterbrochene Handelsbeziehungen nach China oder Südkorea besonders belastet werden. Schon im Dezember, als die miserable Lage der Wirtschaft nach der Erhöhung der Konsumsteuer klar wurde, hatte die Regierung ein Fiskalpaket von 13,2 Billionen Yen (110 Milliarden Euro) beschlossen, um die Wirtschaft zu stützen.

          NIKKEI

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          Spekuliert wird zudem über eine geldpolitische Intervention der Bank von Japan, die in der kommenden Woche regulär über die Geldpolitik beraten wird. Die Zentralbank hatte Anfang März die Märkte mit einer verbalen Erklärung versucht, die Märkte zu beruhigen. Auf die Zinssenkung der amerikanischen Federal Reserve (Fed) hat Japan aber noch nicht reagiert. Der Spielraum für eine Zinssenkung in Japan ist auch gering, weil der kurzfristige Zins von der Zentralbank schon bei minus 0,1 Prozent gehalten wird. Die positiven Wirkungen einer marginalen Zinssenkung auf die Wirtschaft schätzen die Ökonomen etwa von Morgan Stanley MUFG eher gering ein.

          Doch gilt ein Wechselkurs von 100 Yen je Dollar in Umfragen unter Marktbeobachtern als rote Linie, deren Unterschreiten eine Zinssenkung durch die japanische Notenbank hervorrufen wird. Die Wirkungen einer kleinen Zinssenkung durch die Japaner auf den Wechselkurs sind aber fraglich, weil an den Finanzmärkten schon weitere Zinssenkungen durch die amerikanische Federal Reserve erwartet werden.

          Für die Bank von Japan könnte es deshalb attraktiver sein, ihre Geldpolitik noch weiter quantitativ zu lockern, also Wertpapiere anzukaufen, um Geld in den Markt zu pumpen. In diese Richtung hat sich die Notenbank in den ersten Tagen des März schon bewegt. Schon zweimal, am zweiten und am sechsten März, kaufte sie handelbare Fondsanteile (ETF) im Rekordvolumen von 100 Milliarden Yen (840 Millionen Euro) und stützte so die Aktienkurse.

          Goldman Sachs und Morgan Stanley MUFG erwarten, dass die Bank von Japan in diese Richtung weitergeht und in den kommenden Wochen verstärkt ETF-Wertpapiere kaufen wird, ohne das für das Gesamtjahr vorgegebene Ankaufsvolumen von rund 6 Billionen Yen zu verändern. Eine solche Ankaufpolitik könnte ausgleichen, dass die Zentralbank seit Oktober ihre monatlichen Käufe gemessen an der Zielmarke verlangsamt hatte.

          Staatlicher Pensionsfonds könnte mehr ausländische Anleihen halten

          Eine dritte Spekulation gegen eine weitere Aufwertung des Yen richtet sich auf den staatlichen Pensions-Investitionsfonds (GPIF), der wegen seines Anlagevolumens von 160 Billionen Yen auch als „der Wal“ bezeichnet wird. Am Devisenmarkt wird gemutmaßt, dass der Anlagefonds im April seine Investitionsstrategie ändere und ausländischen Anleihen mehr Gewicht einräume.

          Als Zielmarke setzt der Fonds bisher einen Anteil von 35 Prozent japanische Anleihen und 15 Prozent ausländischer Anleihen. Eine Spekulation geht dahin, dass der Forderung im Vorgriff auf eine Korrektur der Investitionsstrategie schon jetzt ausländische Anleihen kaufen und so den Yen schwächen könne. Mit dem derzeitigen Verfall der Anleihezinsen zum Beispiel auf amerikanische Staatspapiere sind solche Käufe aktuell freilich teuer.

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