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Technische Analyse : Wie der Brexit britische Aktien nach unten zieht

  • -Aktualisiert am

Der Kurs vieler britischer Aktien leiden unter dem Brexit. Bild: Reuters

Das schwache Pfund hat dem britischen Aktienmarkt zwar Unterstützung gegeben, aber das reicht bei weitem für die Aktienkurse auf der Insel nicht aus.

          Lange bevor „Fake News“ und „alternative Fakten“ Teil unseres Wortschatzes wurden, hatten die Apologeten des Brexits den Briten bereits ein X für ein U vorgemacht. Die EU sei an allem schuld, und ohne EU werde alles viel besser. Ich weiß nicht, ob es mir lieber wäre, wenn die Herren Farage und Johnson solchen Blödsinn aus Egoismus, voller Überzeugung oder aus knirschender Dummheit behauptet hätten. In allen Fällen dürften sie kein Amt von Bedeutung mehr bekleiden.

          Als am Dienstag und Mittwoch der vergangenen Woche verlautbart wurde, dass eine Einigung im Brexit-Streit zwischen Großbritannien und der Euro erzielt worden sei, geschah etwas fast kaum noch für möglich Erachtetes: Der Dax schlug sich an diesen beiden Tagen per Saldo signifikant besser als der amerikanische Leitindex Dow Jones. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen: An dem Tag, an dem so etwas wie eine mögliche Einigung darüber erzielt worden war, wie man Europa am besten einvernehmlich schwächt, genau an dem Tag zeigt der Dax dem Dow die Hufe.

          Ich stelle mir für einen Moment vor, Europa wäre sich nicht nur nach langen zähen Verhandlungen darüber einig geworden, wie es sich am besten selbst klein machen kann, sondern Europa wäre sich in wirklich wichtigen Fragen richtig einig geworden (Armee, Haushaltsdisziplin, Euro-Budget, Steuer-Harmonisierung, Migration und noch vieles mehr): Europa wäre eine Macht – und ihre Finanzmärkte wären es auch. So sind wir halt ein Haufen uneiniger Staaten mit einer schwachen Währung, in den Seilen hängenden Aktienmärkten und unsicheren Zukunftsperspektiven. Wer nicht mit einer ordentlichen Portion Optimismus ausgestattet ist, muss verzweifeln.

          FTSE100

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          Damit zum wichtigsten Aktienbarometer des Vereinigten Königreiches: In den Monaten nach der Entscheidung für den Brexit legte sich das britische Pfund eine sagenhafte Schwäche zu und trieb damit den FTSE 100 zwar nicht unbedingt durch die Decke, aber immerhin zu neuen Höhen. Eine Zeitlang konnte man glauben, dass alles nicht so heiß gegessen werden wird, wie es gekocht wurde, und man eine Einigung finden würde, die zwar Brexit heißt, aber nicht unbedingt einer ist. Als sich die Erkenntnis durchsetzte, dass man auf der Insel Brexit sagt und das auch genauso meint, wurden beiderseits die Bandagen härter und der FTSE 100 ging konsequent in die Knie. Das wäre nicht gar so schlimm. Kurse steigen und fallen nun einmal. Als Anleger muss man das schon mal aushalten.

          Es könnte weiter bergab gehen

          Das Problem zeigt der abgebildete Chart: Nachdem der FTSE 100 es irgendwann im Jahr 2017 geschafft hatte, die bisherigen Hochs aus den Jahren 2000 und 2007 bei zirka 6700 bis 6900 Punkten signifikant hinter sich zu lassen und sich damit ausgezeichnete Perspektiven für weitere Gewinne zu eröffnen, zog er sich auch schon wieder zurück. Das war und ist nicht gut. Wer seine Chancen so leichtfertig verballert, der hat meistens ein größeres Problem. Zwar könnte man diese Entwicklung, isoliert betrachtet, noch als einen „Backtest“ und damit als Bestätigung des Ausbruchs begreifen. Aber um zu diesem Ergebnis zu kommen, müsste man die Augen schon vor fast allen anderen technischen Indikationen verschließen.

          Mittlerweile ist der Index wieder an den durch die historischen Bestmarken aus dem Jahr 2000 und 2007 markieren Unterstützungszone zwischen 6700 und 6900 Punkten angekommen. Zwei Dinge wären nun ziemlich verblüffend: zum einen das sofortige Durchreichen des Index noch unter den grün eingezeichneten langfristigen Aufwärtstrend und zum anderen das völlige Ausbleiben dieses Rückfalls. Für den erstgenannten Fall sind die Unterstützungen zu gut und damit die dort wahrscheinlich aufkommende Aufnahmebereitschaft der Investoren zu groß – für den zweiten Fall ist die technische Verfassung zu schlecht. Die Prognose kann deshalb für mich nur lauten: Der FTSE 100 wird rund um den Bereich zwischen 6700 und 6900 Punkten erst einmal etwas zur Ruhe kommen – aber danach weiter fallen. Mittel- und langfristig sind dabei Kurse auch noch unter 6000 Punkten alles andere als aus der Welt.

          Sollte es allerdings zu einem externen Schock kommen, dann könnte der Index auch sofort richtig abstürzen – oder wie weiland der Phönix aus der Asche auferstehen. Ein harter, ungeordneter Brexit wäre wohl der Anlass für den erstgenannten Fall und wider alle Ankündigungen ein zweites Referendum der Anlass für eine Jubelarie des FTSE 100. Um hier nicht eine Prognose von totaler Beliebigkeit zu präsentieren, die sich nach allen Seiten absichert und deshalb immer irgendwie richtig ist: Die Wahrscheinlichkeit für Fall 1 ist derzeit deutlich größer als die für ein Referendum 2. Zum Schluss könnte ich an die Einleitung anknüpfen und noch ein paar Worte über die Großkopferten auf der Insel verlieren. Ich erspar es uns. Es ist alles gesagt.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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