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Radioaktiver Abfall : Der Atomfonds

Castor-Behälter warten in Jülich auf den endgültigen Ort ihrer Bestimmung. Bild: dpa

Wer zahlt für den radioaktiven Müll? Hoffentlich am Ende nicht der Steuerzahler. Wir haben in Berlin schon einmal nachgefragt.

          5 Min.

          Was macht man mit 24 Milliarden Euro? Seit Juni dieses Jahres muss Anja Mikus, 59, darauf eine schlüssige Antwort finden. Die erfahrene Anlagemanagerin, früher in Diensten von Union Investment und Allianz, steht seit einigen Monaten an der Spitze eines Fonds mit abschreckendem Namen: „Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung“. In der Öffentlichkeit hat sich der Name „Atomfonds“ eingebürgert, doch beide Bezeichnungen verschleiern, worum es in Wahrheit geht: Deutschland hat nun erstmals in seiner Geschichte einen Staatsfonds, so wie so unterschiedliche Länder wie Norwegen und Singapur schon seit Jahrzehnten. Diesen Fonds zu leiten, ist eine der spannendsten und zugleich schwierigsten Tätigkeiten, die es derzeit in der deutschen Finanzszene gibt. Mikus selbst sagt dazu: „Diese Aufgabe wahrzunehmen ist ein besonderes Privileg und eine große Verantwortung.“

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das klingt nach dem, was man so sagt, wenn man ein neues Amt antritt, doch in diesem Falle sind die Worte richtig gewählt. Anja Mikus trägt in der Tat eine große Verantwortung. In der Satzung des Fonds ist festgehalten, worum sie sich zu kümmern hat: „Zweck ist die Finanzierung der Kosten für die sichere Entsorgung der entstandenen und zukünftig noch entstehenden radioaktiven Abfälle aus der Kernenergie in Deutschland zu sichern.“ Das Juristendeutsch lässt nicht erkennen, dass es sich dabei um eine Jahrhundertaufgabe im wahrsten Sinne des Wortes handelt. Denn der Fonds soll mittels einer klugen Anlagepolitik in die Lage versetzt werden, bis zum Ende dieses Jahrhunderts Auszahlungen zu leisten.

          Um die Hintergründe zu verstehen, muss man ein wenig zurückblicken. Im Jahr 2011 kam es in Japan zum schwersten Atomunglück der jüngeren Geschichte. Der Reaktorunfall von Fukushima hatte auch im fernen Deutschland Folgen: Hals über Kopf beschloss Bundeskanzlerin Angela Merkel den Atomausstieg, spätestens im Jahr 2022 soll das letzte deutsche Atomkraftwerk vom Netz gehen. Nur mit Mühe gelang es der Bundesregierung, all das zu regeln, was mit einer solch gravierenden Änderung verbunden ist: Den Atomkonzernen Eon, RWE, ENBW und Vattenfall brach in Deutschland von heute auf morgen das Geschäftsmodell weg – wie stark konnte und sollte man sie in dieser Situation an den Kosten des Abrisses der Reaktoren und der Lagerung des Atommülls beteiligen?

          Es dauerte bis zum Ende des vergangenen Jahres, bevor sich Politik und Konzerne endlich einigten: Die Firmen sollten 24 Milliarden Euro (ihre Rückstellungen für den Atommüll plus einen Risikozuschlag) an einen neu zu schaffenden Staatsfonds zahlen, der mit diesem Geld nun die Zwischen- und Endlagerung des Atommülls finanzieren muss. Die Verantwortung hierfür liegt nun also alleine beim Staat. Darum ist es in unser aller Interesse, dass der Fonds eine erfolgreiche Anlagestrategie verfolgt. Denn sonst müssten die Steuerzahler ran.

          Anja Mikus, die Chefin des Atomfonds, muss 24 Milliarden Euro anlegen.
          Anja Mikus, die Chefin des Atomfonds, muss 24 Milliarden Euro anlegen. : Bild: Andreas Pein

          Aber ist es wirklich eine so gute Idee, den Staat diese Milliarden verwalten zu lassen? Lassen sich doch ohne Mühe etliche Beispiele finden, wo der Staat nicht gerade findig mit Geld umgegangen ist. Der Start des Atomfonds verlief nicht problemlos. Schon die Überweisung der 24 Milliarden an den Fonds Anfang Juli stellte die Computer der Banken angesichts der Höhe der Summe vor technische Probleme. Außer Mikus und zwei weiteren Vorständen gab es zudem kein Personal, anfangs hatte man noch nicht einmal Räume. Mittlerweile hat der dreiköpfige Vorstand vier Mitarbeiter eingestellt und Büros im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin bezogen. Insgesamt 25 Mitarbeiter sollen es im Laufe des kommenden Jahres werden. „Wir sind nicht nur der erste deutsche Staatsfonds, sondern auch ein Start-up“, sagt Mikus. „Noch ist viel Aufbauarbeit zu leisten.“

          Wie investiert man in Niedrigzinszeiten 24 Milliarden Euro?

          Trotz des holprigen Starts trifft aber eine Kritik gerade nicht zu. Es ist mitnichten so, dass in Berlin nun ein paar bräsige Beamte über die Anlage von riesigen Geldsummen entscheiden. An der Spitze des Fonds stehen Profis: Anja Mikus hat jahrzehntelang für große deutsche Fondsgesellschaften dreistellige Milliardenvermögen verantwortet, auch die anderen Vorstandsmitglieder Victor Moftakhar und Jürgen Seja hatten Führungspositionen in der Finanzbranche inne. Das stimmt hoffnungsfroh. Allerdings unterliegt der Fonds, für den man die Rechtsform einer Stiftung gewählt hat, der politischen Kontrolle. Das Stiftungskuratorium setzt sich aus Vertretern verschiedener Ministerien und aus Bundestagsabgeordneten zusammen, es handelt sich sozusagen um den Aufsichtsrat. Prominentestes Mitglied ist derzeit der Grüne Jürgen Trittin.

          Das Kuratorium hat weitreichende Befugnisse, es muss laut Satzung auch die Anlagestrategie grundsätzlich genehmigen. Dies ist ein Manko der deutschen Konstruktion: Es ist leider zu befürchten, dass sich Gremien, die mit Vertretern aller Bundestagsparteien besetzt sind, in der Welt der Geldanlage nicht sonderlich gut zurechtfinden. Zumal der deutsche Staatsfonds noch eine weitere Besonderheit aufweist. Anders als Norwegens Fonds, der ständig neue Zuflüsse erhält, müssen Mikus und ihre Kollegen mit dem Geld auskommen, das sie zur Verfügung haben. Zuschüsse vom Bund sind nicht vorgesehen.

          Wie also investiert man 24 Milliarden Euro in Zeiten, in denen alle händeringend nach lukrativen Anlageideen suchen? Sicher nicht auf einen Schlag, bislang sind etwa zehn Prozent des Fondsvermögens angelegt. Wobei auch das gewaltigen 2,4 Milliarden Euro entspricht. Gegenüber der F.A.S. macht Fondschefin Mikus erstmals öffentlich, welche Leitlinien der Fonds bei seinen Investments verfolgt. Natürlich legt man das Geld nicht in Aktien oder Anleihen von Kernkraftbetreibern an, alles andere wäre auch ein schlechter Witz.

          Davon abgesehen, ist aber erst mal keine Anlageform ausgeschlossen: Der Fonds darf klassisch in Aktien und Anleihen aus allen Weltregionen investieren, auch spekulative Anlagen wie Hochzinsanleihen sind zugelassen. Sogar Immobilien, Infrastrukurprojekte und nicht-börsennotierte Firmenbeteiligungen stehen dem Fonds offen. In der Finanzsprache ausgedrückt, ist dies Streuung im größtmöglichen Stil.

          Der Atomfonds darf aber nicht einfach sein ganzes Kapital in hochriskante Wertpapiere stecken. Ein Teil der Gelder muss stets sicher angelegt sein, schon allein um die jährlichen Auszahlungen zu gewährleisten, um die jetzt schon laufende Zwischenlagerung zu finanzieren. Wäre die Anlagepolitik restriktiver, würde der Fonds zudem wohl kaum auf die Rendite kommen, die er nach Einschätzung von Experten erreichen muss. In einem Gutachten hatte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein auf Grundlage der damaligen Rückstellungen schon 2015 festgestellt: Rund vier Prozent Rendite pro Jahr sind nötig, wenn das Geld bis zum Ende des Jahrhunderts halten soll. Dies dürfte in ähnlicher Form für den Atomfonds gelten. Es ist ein ambitioniertes Ziel in Niedrigzinszeiten.

          Nachhaltige Anlagestrategie nicht nur aus Gutmenschentum

          Die Strategie hält darum eine echte Überraschung bereit. „Von vornherein ist in unseren Anlagerichtlinien festgehalten, dass wir die Gelder gemäß nachhaltiger Kriterien anlegen“, sagt Anja Mikus. Das ist für die Investmentbranche eine kleine Revolution: der erste Staatsfonds, der von Beginn an nachhaltig investiert. Natürlich ist der Begriff schwammig. Aber Anja Mikus und ihre Kollegen haben festgelegt, was im Falle des Atomfonds darunter zu verstehen ist: Sie beteiligen sich nur an Unternehmen, die „den grundsätzlichen Werten unserer Gesellschaft in Bezug auf Menschenrechte, Arbeitsrechte, Umweltschutz und Vermeidung von Korruption“ folgen. Die Firmen, die zu den jeweils schlechtesten 25 Prozent in einer Branche gehören (das lässt sich heute beispielsweise mit Hilfe spezialisierter Ratingagenturen feststellen), sortieren sie aus.

          Dies hat nichts mit Gutmenschentum zu tun, sondern ist aus Sicht von Mikus nötig, um die eigenen Renditen nicht zu gefährden: „Fehlverhalten von Unternehmen kostet den Anleger in der Regel viel Geld.“ Vernachlässigt ein Unternehmen beispielsweise Umweltstandards, kann dies nicht nur zu Strafzahlungen führen, sondern auch zu erheblichen Kursverlusten der Aktie. Welche Firmen man im Zweifel ausschließen würde, will Mikus zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht öffentlich machen.

          Der erste deutsche Staatsfonds ist darum in vieler Hinsicht eine Besonderheit: Er legt seine Gelder politisch korrekt an. Und er wird von einer Frau geleitet, was in der Finanzszene eine Seltenheit ist. Mikus hofft, in ihrer neuen Position „anderen Frauen ein Stück weit ein Vorbild und Motivation zu sein“. Wenn sie ihre Sache gut macht, wird dieser Wunsch ganz sicher in Erfüllung gehen. Ganz nebenbei wäre das auch für alle Steuerzahler die beste Lösung.

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