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Radioaktiver Abfall : Der Atomfonds

Das Kuratorium hat weitreichende Befugnisse, es muss laut Satzung auch die Anlagestrategie grundsätzlich genehmigen. Dies ist ein Manko der deutschen Konstruktion: Es ist leider zu befürchten, dass sich Gremien, die mit Vertretern aller Bundestagsparteien besetzt sind, in der Welt der Geldanlage nicht sonderlich gut zurechtfinden. Zumal der deutsche Staatsfonds noch eine weitere Besonderheit aufweist. Anders als Norwegens Fonds, der ständig neue Zuflüsse erhält, müssen Mikus und ihre Kollegen mit dem Geld auskommen, das sie zur Verfügung haben. Zuschüsse vom Bund sind nicht vorgesehen.

Wie also investiert man 24 Milliarden Euro in Zeiten, in denen alle händeringend nach lukrativen Anlageideen suchen? Sicher nicht auf einen Schlag, bislang sind etwa zehn Prozent des Fondsvermögens angelegt. Wobei auch das gewaltigen 2,4 Milliarden Euro entspricht. Gegenüber der F.A.S. macht Fondschefin Mikus erstmals öffentlich, welche Leitlinien der Fonds bei seinen Investments verfolgt. Natürlich legt man das Geld nicht in Aktien oder Anleihen von Kernkraftbetreibern an, alles andere wäre auch ein schlechter Witz.

Davon abgesehen, ist aber erst mal keine Anlageform ausgeschlossen: Der Fonds darf klassisch in Aktien und Anleihen aus allen Weltregionen investieren, auch spekulative Anlagen wie Hochzinsanleihen sind zugelassen. Sogar Immobilien, Infrastrukurprojekte und nicht-börsennotierte Firmenbeteiligungen stehen dem Fonds offen. In der Finanzsprache ausgedrückt, ist dies Streuung im größtmöglichen Stil.

Der Atomfonds darf aber nicht einfach sein ganzes Kapital in hochriskante Wertpapiere stecken. Ein Teil der Gelder muss stets sicher angelegt sein, schon allein um die jährlichen Auszahlungen zu gewährleisten, um die jetzt schon laufende Zwischenlagerung zu finanzieren. Wäre die Anlagepolitik restriktiver, würde der Fonds zudem wohl kaum auf die Rendite kommen, die er nach Einschätzung von Experten erreichen muss. In einem Gutachten hatte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein auf Grundlage der damaligen Rückstellungen schon 2015 festgestellt: Rund vier Prozent Rendite pro Jahr sind nötig, wenn das Geld bis zum Ende des Jahrhunderts halten soll. Dies dürfte in ähnlicher Form für den Atomfonds gelten. Es ist ein ambitioniertes Ziel in Niedrigzinszeiten.

Nachhaltige Anlagestrategie nicht nur aus Gutmenschentum

Die Strategie hält darum eine echte Überraschung bereit. „Von vornherein ist in unseren Anlagerichtlinien festgehalten, dass wir die Gelder gemäß nachhaltiger Kriterien anlegen“, sagt Anja Mikus. Das ist für die Investmentbranche eine kleine Revolution: der erste Staatsfonds, der von Beginn an nachhaltig investiert. Natürlich ist der Begriff schwammig. Aber Anja Mikus und ihre Kollegen haben festgelegt, was im Falle des Atomfonds darunter zu verstehen ist: Sie beteiligen sich nur an Unternehmen, die „den grundsätzlichen Werten unserer Gesellschaft in Bezug auf Menschenrechte, Arbeitsrechte, Umweltschutz und Vermeidung von Korruption“ folgen. Die Firmen, die zu den jeweils schlechtesten 25 Prozent in einer Branche gehören (das lässt sich heute beispielsweise mit Hilfe spezialisierter Ratingagenturen feststellen), sortieren sie aus.

Dies hat nichts mit Gutmenschentum zu tun, sondern ist aus Sicht von Mikus nötig, um die eigenen Renditen nicht zu gefährden: „Fehlverhalten von Unternehmen kostet den Anleger in der Regel viel Geld.“ Vernachlässigt ein Unternehmen beispielsweise Umweltstandards, kann dies nicht nur zu Strafzahlungen führen, sondern auch zu erheblichen Kursverlusten der Aktie. Welche Firmen man im Zweifel ausschließen würde, will Mikus zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht öffentlich machen.

Der erste deutsche Staatsfonds ist darum in vieler Hinsicht eine Besonderheit: Er legt seine Gelder politisch korrekt an. Und er wird von einer Frau geleitet, was in der Finanzszene eine Seltenheit ist. Mikus hofft, in ihrer neuen Position „anderen Frauen ein Stück weit ein Vorbild und Motivation zu sein“. Wenn sie ihre Sache gut macht, wird dieser Wunsch ganz sicher in Erfüllung gehen. Ganz nebenbei wäre das auch für alle Steuerzahler die beste Lösung.

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