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Frankreichs Börse : Wenn Analysten grau-schwarz oder gelb sehen

Über die Konsequenzen der „Gelbwesten“-Proteste für die Börse in Paris gehen die Meinungen auseinander. Bild: dpa

Die gute Stimmung an der Börse in Paris ist verflogen. Nicht nur die „Gelbwesten“-Proteste belasten. Aktienanalysten bleiben vorsichtig in ihren Einschätzungen, einig sind sie sich aber in einer Sache.

          Voller Zweifel startet Frankreich ins Börsenjahr 2019. Das Vorjahr, das für den Vorzeigeindex CAC-40 den schärfsten Wertverlust seit 2011 brachte, will man ganz schnell vergessen, doch seine Tiefausläufer scheinen auch das neue Jahr zu erreichen. An der politischen Front bleibt die Lage angespannt, weil die hartnäckige Protestbewegung der „Gelbwesten“ die Regierung weiter unter Druck setzt und damit Zweifel an den verbleibenden Reformaussichten in Frankreich weckt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Gleichzeitig stimmt das internationale Umfeld nicht freudiger. Der Brexit, Sorgen vor einer Rezession in den Vereinigten Staaten und vor einem Wachstumseinbruch in China – all das gepaart mit Befürchtungen vor einem zunehmenden Protektionismus: Ein Drehbuch für einen Film über ein schwarzes Börsenjahr würde wohl kaum anders aussehen. So bleiben die Aktienanalysten überaus vorsichtig in ihren Einschätzungen. Ihre Beschreibungen über den möglichen Verlauf des angebrochenen Jahres reichen von „kompliziert“ bis „sehr schwankend“.

          Roland Kaloyan, Stratege für europäische Aktien bei der Société Générale (SG), erwartet beispielsweise den CAC-40 Ende dieses Jahres bei 4500 Punkten – rund 200 Punkte unter dem aktuellen Stand. „Der wichtigste Grund ist, dass der amerikanische Markt zurückgeht“, sagt Kaloyan; eine Rezession in den Vereinigten Staaten Anfang oder Mitte 2020 sei möglich. „Zudem rechnen wir mit einem Wachstumsrückgang in China in diesem Jahr, der sich ebenfalls im Jahr 2020 fortsetzen wird“, meint der Aktienstratege der SG.

          Die großen Konzerne im CAC-40, die viel exportieren oder in den großen Auslandsmärkten stark investiert sind, können sich diesem Druck nicht entziehen. Laurent Denize, Fondsmanager bei der französischen Bank Oddo BHF Asset Management, meint indes, „dass alles in die eine wie in die andere Richtung laufen kann“. Dennoch bemüht man sich um so viel Optimismus wie möglich. Zweckoptimismus?

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          Oddo hält es zu Beginn dieses Jahres jedenfalls für möglich, dass der CAC-40 Ende 2019 um 8 bis 10 Prozent höher liege als Anfang Januar. Allerdings werde es noch eine Weile dauern, bis den Aktienmärkten wieder Vertrauen eingehaucht werde. Viel hänge davon ab, wie die Handelsgespräche zwischen China und den Vereinigten Staaten verlaufen und wie sich der Brexit realisiere, meint Denize.

          Konsequenzen der „Gelbwesten“-Proteste für die Börse

          Neben dem Brexit warten in Europa weitere Ungewissheiten: Wie verlaufen die Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai, wer wird Nachfolger von Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank? Werden die italienischen Staatsschulden den Euro einem weiteren Stresstest unterziehen? Sollten sich Sorgen vor börsenfeindlichen Entwicklungen nicht bewahrheiten, könnte sich der CAC-40 im ersten Halbjahr 2019 durchaus über die 5000-Punkte-Grenze zurückarbeiten, meinen einige Analysten in Paris. Doch danach könnte es auch schnell wieder bergab gehen.

          Über die Konsequenzen der „Gelbwesten“-Proteste für die Börse gehen die Meinungen auseinander. Von November 2019 an waren bereits spezifische Belastungen für direkt betroffene Unternehmen zu beobachten: Die Papiere des Hotelkonzerns Accor verloren an Wert, weil die Buchungen und allgemein der Tourismus leiden. Der Autobahnbetreiber Vinci geriet ebenfalls unter Druck, weil er mit empfindlichen Gebührenverlusten konfrontiert ist. Carrefour hatte mit Kursrückgängen zu kämpfen, weil das Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel durch die Blockaden in Mitleidenschaft gezogen wurde.

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          Doch ob es zu einer nachhaltigeren Auswirkung auf die französischen Aktien kommt, ist umstritten. Die Folgen der Protestbewegung könnten „den CAC-40 2019 durchaus beeinträchtigen“, meint Aktienanalyst Denize von Oddo BHF, zumal sich auch der Zinsabstand zwischen den Staatsanleihen Deutschlands und Frankreichs aus Sorgen um Reformstillstand und höhere Staatsschulden etwas vergrößert hat. Weniger pessimistisch ist dagegen sein Kollege Kaloyan von der SG: „Der Präsident hat klargemacht, dass er an seiner Reformagenda festhalten wird. Er hat dafür weiterhin eine klare Mehrheit in der Nationalversammlung. Wir gehen davon aus, dass sich die Reformen fortsetzen werden.“

          Einig sind sich die Analysten auf jeden Fall in der Hoffnung, dass 2019 besser werde als das Vorjahr. Um fast 11 Prozent sind die Kurse im CAC-40 im vergangenen Jahr gesunken. Gegenüber seinem Höhepunkt im Frühjahr verlor der Aktienindex bis Ende 2018 sogar rund 18 Prozent. Unter den Einzelwerten hat sich im CAC-40 im vergangenen Jahr am besten der Triebwerkslieferant Safran aus der Affäre gezogen: Sein Kurs legte um fast 23 Prozent zu. Am schlechtesten schnitt der Autozulieferer Valeo mit einem Wertverlust von 59 Prozent ab.

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