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Belgien : Die Börse erholt sich langsam

Die europäische und belgische Flagge an einem Brüssler Regierungsgebäude (Archivbild) Bild: Reuters

Anfang des Jahres hofften Analysten, der belgische Leitindex Bel-20 würde bald sein Allzeithoch übertreffen. Dann kam Corona und es gibt nur noch wenige Gewinner.

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          Der Aktienmarkt in Belgien hat sich in den vergangenen Monaten kaum anders entwickelt als im Rest Europas. Auch in der EU-Metropole Brüssel ist die Börse von der Corona-Pandemie schwer in Mitleidenschaft gezogen worden und erholt sich davon langsam. Noch bis zum Jahresbeginn war der belgische Leitindex Bel-20 stetig gestiegen und hatte im Februar mit rund 4200 Punkten den höchsten Stand seit zwölf Jahren erreicht. Viele Analysten erwarteten damals, dass der Index in diesem Jahr sein Allzeithoch von 4757 Punkten übertreffen werde. Davon ist längst nicht mehr die Rede. Denn als die Pandemie im März auch die stark vom Ausland abhängige belgische Wirtschaft mit voller Wucht traf, stürzte der Index auf 2733 Punkte ab.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Anfang Juni übersprang der Bel-20 für einige Tage die Marke von 3500 Punkten. Seither hat er sich bei rund 3400 Punkte eingependelt. Am Montag lag er einige Punkte darunter. Damit bleibt der Index etwa auf dem Stand des Jahresbeginns 2019. Die im Verlauf des vergangenen Jahres bis zum Beginn der Corona-Krise erzielten Zuwächse scheinen also nicht so schnell wieder aufzuholen zu sein. Die Entwicklung des Bel-20 seit dem Corona-Einbruch entspricht fast exakt jener des Euro Stoxx 50. Sie bleibt damit beispielsweise hinter der Dax-Erholung zurück. Dieser Gleichlauf ist nicht überraschend. Er hat seinen Grund darin, dass die meisten Bel-20-Unternehmen den größten Teil ihres Umsatzes im Euroraum erzielen.

          BEL 20

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          Der Börsenentwicklung entspricht die gesamtwirtschaftliche Lage in Belgien. Nach den am Montag veröffentlichten Daten der belgischen Nationalbank ist das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Belgien im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorquartal um saisonbereinigt 12,1 Prozent gesunken, im Vergleich zum Vorjahresquartal waren es 14,4 Prozent. Besonders stark, um fast 20 Prozent gegenüber dem Vorquartal, sind die Unternehmensinvestitionen eingebrochen. Wegen der dadurch erheblich gesunkenen Steuereinnahmen, aber auch wegen der Staatshilfen für Unternehmen, mit denen die Regierung die Folgen der Krise abzufedern versucht, dürften die öffentliche Neuverschuldung auf 12,3 Prozent und der ohnehin hohe belgische Schuldenstand von 99 auf 122 Prozent des BIP steigen.

          Auch in Belgien stehen vielen Verlierern der Pandemie einige Krisengewinner gegenüber. Vor allem jene Bel-20-Unternehmen haben ihren Wert gesteigert, auf denen Hoffnungen liegen, sie könnten bei der Überwindung der Pandemie helfen. Dazu zählen der in der Nähe von Gent beheimatete Antikörpertherapieentwickler Argenx, dessen Börsenwert binnen Jahresfrist um 64,7 Prozent stieg, und das Brüsseler Pharmaunternehmen UCB, das in diesem Zeitraum um 47,8 Prozent zulegte. Auch dem Einzelhandelskonzern Colruyt scheint die Pandemie eher gutgetan zu haben. Zwischen März legte die zuvor schwächelnde Colruyt-Aktie um rund 40 Prozent zu; mittlerweile hat sie sich auf deutlich höherem Niveau als vor Ausbruch der Krise eingependelt und liegt um 16 Prozent über dem Vorjahreswert.

          Dauer-Regierungskrise spielt kaum eine Rolle

          Freilich vermuten Analysten mittlerweile, dass die Colruyt-Aktie überbewertet ist. Im Jahresvergleich am stärksten verloren haben der Getränkekonzern AB Inbev (minus 41,3 Prozent) und das Telekomunternehmen Proximus (minus 37,2 Prozent). Die Colruyt-Aktie sowie das Papier des Antwerpener Recyclingkonzerns Umicore sind derzeit die einzigen im Bel-20, für die Verkaufsempfehlungen überwiegen. In einer Übersicht der niederländischen Website guruwatch.nl raten Analysten meist zum Kauf. Die moderate Erholung der Brüsseler Börse dürfte sich also bis zum Jahresende fortsetzen.

          Kaum noch eine Rolle spielt offensichtlich die Dauer-Regierungskrise in Belgien. Seit der Parlamentswahl im Mai 2019, also seit mittlerweile über 450 Tagen, verfügt das Land über keine handlungsfähige Regierung. Die unter dem Eindruck der Pandemie im März gebildete Minderheitsregierung unter der liberalen Ministerpräsidentin Sophie Wilmès, die sich auf nur 38 Parlamentsabgeordnete stützen kann, soll am 17. September durch eine neue Regierung abgelöst werden, so lautet jedenfalls der offizielle Fahrplan.

          Ob es dazu kommt, ist freilich offen. Derzeit ist der Chef der flämischen Liberalen, Egbert Lachaert, darum bemüht, eine Koalition aus Sozialisten, Liberalen, Grünen und Christdemokraten zu zimmern. In der vergangenen Woche hat ihm König Philippe eine abermalige Fristverlängerung bis zum 4. September zugestanden. Ob Lachaert eine solche „Vivaldi-Koalition“ zu Stande bringt, ist offen. An der Brüsseler Börse dürften die Wirren der belgischen Regierungsbildung eher mit Schulterzucken zur Kenntnis genommen werden – zu lange hat sich das Land mit einer geschäftsführenden Regierung ganz gut beholfen.

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