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Grüne Finanzen : Ein Dax für das gute Gewissen

Stephan Flägel und Kristina Jeromin von der Deutschen Börse präsentieren den neuen Index. Bild: Wonge Bergmann

Die Deutsche Börse hat für ihren Leitindex eine Nachhaltigkeitsvariante aufgesetzt. Welches Unternehmen darin wie stark ist, wirft aber viele Fragen auf.

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          Für Anleger, die in deutsche Aktien investieren und dabei vor allem auf nachhaltig wirtschaftende Unternehmen setzen wollen, hat die Deutsche Börse einen neuen Index aufgesetzt. Der Dax 50 ESG berücksichtigt anders als der klassische Dax nicht nur die größten börsennotierten Konzerne mit den höchsten Handelsumsätzen, sondern bewertet auch, wie stark sich die Unternehmen um Umweltschutz, soziale Fragen und eine gute Unternehmensführung bemühen. Diese Kriterien werden vor allem wegen des Klimawandels unter dem Akronym ESG (Environmental, Social, Governance) für immer mehr Anleger und auch Großinvestoren relevant. Schließlich könnten schärfere Klimagesetze rund um die Welt und ein verändertes Kundenverhalten dazu führen, dass Unternehmen, die in der Hinsicht schlecht abschneiden, nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich in Schwierigkeit kommen könnten.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Von den 30 Dax-Konzernen haben es sieben nicht in die Nachhaltigkeitsauswahl der Deutschen Börse geschafft. Vier wurden von vornherein ausgeschlossen: Die Energieversorger RWE und Eon, weil sie auf Kohle- oder Atomkraft setzen. Der Triebwerkbauer MTU Aero Engines, weil er zu viel Geschäft mit dem Militär macht. Volkswagen wird sein Diesel-Betrug zum Verhängnis – allerdings nicht wegen der Umweltbelastung, sondern weil der Konzern in der Sache gegen die Regeln der guten Unternehmensführung der Vereinten Nationen (UN Global Compact) verstoßen hat. Drei weitere Konzerne, Fresenius, Vonovia und Wirecard, haben in der ESG-Bewertung der Ratingagentur Sustainalytics zu schwach abgeschnitten.

          „Der Index soll ein Abbild der deutschen Wirtschaft sein“

          So ist der Dax ESG 50 kein reiner Index für Naturfreunde. Die anderen Autokonzerne Daimler und BMW zum Beispiel fahren auch in der nachhaltigen Indexauswahl mit, ebenso die Lufthansa. Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer, der vor allem durch die Übernahme des Saatgutkonzerns Monsanto und dessen umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat in der Kritik steht, ist in der aktuellen Rangfolge sogar der am schwersten gewichtete Einzelwert in dem Index.

          „Der Index soll ein Abbild der deutschen Wirtschaft sein“, sagte Stephan Flägel, Leiter des Indexgeschäfts der Deutschen Börse. Deshalb habe man sich entschieden, den Börsenwert als wichtiges Kriterium beizubehalten. Ein Index, der die Aktien vornehmlich nach Nachhaltigkeitskriterien gewichtet hätte, sei nicht geeignet gewesen, zum neuen Standardprodukt für breite Anlegerschichten zu werden. „Bloß weil es ein ESG-Index ist, heißt es nicht, dass jedes darin vertretene Unternehmen in allen Kriterien tiptop ist“, räumte Kristina Jeromin ein, die bei der Deutschen Börse für Nachhaltigkeit zuständig ist. Es gehe aber auch darum, dass Investoren die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen sollen. Durch das gewachsene Interesse an ESG steige der Druck auf die Unternehmen, Daten zu den Themen zu veröffentlichen. Das verbessere die Transparenz und gebe Investoren mehr Informationen zu Risiken, als es die reinen Finanzkennzahlen geben könnten. „Es geht uns nicht darum, zu bewerten, wer ist gut und wer ist schlecht.“

          Derzeit existiert noch keine einheitliche Regelung, wie Nachhaltigkeit definiert wird. Welches Unternehmen in ESG-Indizes aufgenommen werden, entscheiden in den allermeisten Fällen die Indexanbieter selbst. Das kann zu sehr unterschiedlichen Resultaten führen. Zu den zwei am häufigsten angewandten Ansätzen zählen das Ausschlusskriterium und das „Best-in-Class“-Prinzip. Ersteres schließt ethisch fragwürdige Anlagen, wie etwa Investitionen in die Waffen- oder Tabakindustrie, schlichtweg aus dem Index aus. Doch selbst bei einem solch vermeintlich simplen Ansatz können sich die Geister noch scheiden.

          Etwa bei der Frage, ob es sich bei Alkohol und Tabak um ein Genuss- oder Suchtmittel handelt. Das „Best-In-Class“-Prinzip verfolgt dagegen das Ziel, nur Unternehmen in den Index aufzunehmen, die mit Bezug auf bestimmten ESG-Kriterien führend in ihrer jeweiligen Branche sind. „Der Begriff Nachhaltigkeit ist nicht geschützt“, sagt Claudia Döpfner von CRIC, einer Investorengemeinschaft zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage. In den letzten Jahren habe sich deswegen eine Vielzahl von Nachhaltigkeitskonzepten entwickelt, die zum Teil im Wettbewerb zueinander stehen. Das eigentliche Ziel der Ratings, Transparenz über die sogenannte „Nachhaltigkeitsperformance“ von Unternehmen zu schaffen, werde damit nicht befriedigend erfüllt, findet sie.

          Um im ESG-Index insgesamt 50 Unternehmen versammeln zu können, nimmt die Deutsche Börse als Grundgesamtheit nicht nur den Dax, sondern auch noch die kleineren im M-Dax und dem Tec-Dax gelisteten Werte. Da auch sie in der neuen Auswahl nach dem Börsenwert gewichtet wird, sind die zehn wichtigsten Einzelwerte aber die gleichen Unternehmen wie im klassischen Dax. Da jeder Einzelwert höchstens 7 Prozent des ESG-Indizes ausmachen soll, im Dax diese Obergrenze aber bei 10 Prozent liegt, teilen sich zu jeder Neujustierung mehrere Werte die Top-Position. Dass Bayer aktuell 7,4 Prozent des Index ausmacht, liegt daran, dass der Kurs sich seit der letzten Neuordnung besonders gut entwickelt hat. Auf den Index soll schon bald ein erster börsengehandelter Indexfonds (ETF) aufgelegt werden, so dass auch Privatanleger einfach in die Auswahl investieren können.

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