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Chancen 2018 : Mobilität als Dienstleistung kommt schneller als gedacht

  • -Aktualisiert am

Ein BMW-Auto mit Elektroantrieb. Nach welchen Kriterien werden Verbraucher in Zukunft Fahrzeuge und Hersteller auswählen? Bild: dpa

Die Menschen stehen heute vor einem tiefgreifenden Wandel der individuellen Mobilität. Das Beispiel Tesla zeigt, wie viel Kapital weltweit nach Anlagen in zukunftsträchtige Geschäftsmodelle sucht.

          „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Das berühmte Zitat Kaiser Wilhelms II. steht für die Schwierigkeit, die Wucht von Entwicklungssprüngen einzuschätzen, die sich gerade erst abzeichnen. Wir stehen heute abermals vor einem tiefgreifenden Wandel der individuellen Mobilität, wie die Trends hin zu selbstfahrenden, elektrisch angetriebenen und umfassend vernetzten Fahrzeugen zeigen.

          Das Nutzungsverhalten, die Wertschöpfungsstrukturen und auch Eigentumsmodelle werden sich stark ändern, woraus sich diverse Fragen ergeben: Vollautonome Pkw und ihre flächendeckende Zulassung dürften noch einige Jahre entfernt sein. Aber wie schnell werden beispielsweise Carsharing-Flotten zugelassen, die selbständig umparken und aufladen können? Und was bedeutet das für unser Nutzungs- und Kaufverhalten?

          Nach welchen Kriterien werden Verbraucher in Zukunft Fahrzeuge und Hersteller auswählen, und was bedeutet es für die Anbieter, wenn im autonom fahrenden Auto der Motor, das Getriebe und das Fahrwerk an Bedeutung abnehmen und das Innenraumdesign, der praktische Nutzen und das Unterhaltungsangebot nochmals wichtiger werden?

          Die Schwerfälligkeit großer Konzerne

          Wie sehen integrierte, urbane Mobilitätskonzepte in Zukunft aus, und wer stellt sie bereit? Wie wird Mobilität als Dienstleistung ausgestaltet werden? Werden U-Bahn- und Straßenbahnnetze ausgedünnt und dafür mehr Parkplatz- und Ladeinfrastrukturen für größere und flexiblere autonome Pkw-Flotten geschaffen? Antworten auf diese Fragen sind „in Arbeit“, aber bereits heute ergeben sich Handlungsempfehlungen für Unternehmen.

          Die Schwerfälligkeit großer Konzerne mit Blick auf ihre Entscheidungsfindung ist vielfach dokumentiert, aber nicht unvermeidlich. Beispiel Modebranche: Zara schafft es zum Teil in nur 15 Tagen, neue Kleidungsstücke in die Läden zu bringen statt in den früher branchenüblichen sechs bis zwölf Monaten. Eine automatisierte, regionale Produktion mit kurzen Lieferwegen spielt dabei eine maßgebliche Rolle. Auch die Automobilindustrie hat die traditionellen Modellzyklen bereits merklich verkürzt, wenn auch nicht im jährlichen „Smartphone-Turnus“. Die Software für viele elektronische Funktionen bei modernen Autos kann bereits heute über das Internet nachgerüstet oder erweitert werden.

          Für Unternehmen bedeutet das, auch ihre Organisation darauf auszurichten. So stellt beispielsweise Daimler seine Konzernstruktur um und schafft eigene rechtliche Einheiten für die einzelnen Geschäftsbereiche, nicht zuletzt um die Entscheidungsstrukturen effizienter zu gestalten.

          Wo ganze Geschäftsmodelle vom Wandel betroffen sind und sich Kundenpräferenzen nachhaltig ändern, können branchenübergreifende Partnerschaften geeignet sein, Wissen und Ressourcen zu bündeln und Lösungen zu entwickeln. So hat sich BMW mit Intel sowie mit Mobileye, einem israelischen Weltmarktführer für Fahrassistenzsysteme, zusammengetan, um Technologiestandards für autonomes Fahren zu setzen.

          Die Automobilzulieferer Continental und Delphi haben an diese Initiative angedockt. Audi, BMW und Daimler haben ein spannendes Projekt ins Leben gerufen, das auf dem Kartendienst „Here“ aufsetzt. Weitere Technologiepartner, darunter Intel und der chinesische Konzern Tencent, haben sich angeschlossen.

          Die Digitalisierung der Automobilbranche

          Das Beispiel Tesla zeigt, wie viel Kapital weltweit nach Anlagen in zukunftsträchtige Geschäftsmodelle sucht. Die Amerikaner lagen beim Börsenwert in diesem Jahr schon auf Augenhöhe mit BMW, und dies trotz eines Jahresabsatzes von bisher unter 100 000 Fahrzeugen gegenüber mehreren Millionen bei der deutschen Konkurrenz. Diese Bewertungsdifferenz hat auch damit zu tun, dass Tesla gegenüber den „traditionellen“ Autokonzernen ganz andere Investoren anzieht, obwohl sich viele der Zukunftsthemen auch in deren Portfolios finden.

          TESLA INC. DL -,001

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          Wachstumskapital könnte relevant werden, wenn die heutigen Hersteller und Zulieferer ihre wachstumsstarken, kapitalhungrigen Geschäftsbereiche in Zukunft weiterentwickeln wollen, um so für das Unternehmen und die Mitarbeiter deren volles Potential zu erschließen. Delphi hat einen solchen Schritt bereits umgesetzt: Das Geschäft rund um den Verbrennungsmotor wurde abgespalten und eigenständig an die Börse gebracht, das Kernunternehmen fokussiert sich auf elektrische Antriebe und autonomes Fahren. Der Aktienkurs stieg bei der Ankündigung um zwölf Prozent.

          Die Digitalisierung der für die deutsche Wirtschaft so bedeutenden Automobilbranche und breiterer Industriezweige wird auch weiterhin im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Deutsche Firmen haben sich hier über Jahrzehnte führende Positionen auf dem Weltmarkt erarbeitet. Das bedeutet einmalige Chancen, aber auch Fallhöhe.

          Nicht alle Unternehmen werden den Wandel meistern, nicht jede strategische Neuausrichtung wird von Erfolg gekrönt sein. Aber: Operative und strukturelle Flexibilität, auch mit Blick auf neue Partner und Investoren, sind Wege, um die starke Stellung der deutschen Automobilindustrie auf dem Weltmarkt neu zu verankern. Die stabilen Märkte, das starke Interesse von außen und die positiven Konjunkturaussichten auch im Automobilsektor schaffen dafür einen sehr attraktiven Rahmen, der kaum noch besser werden kann.

          Der Autor ist Ko-Leiter Corporate Finance Deutschland, Österreich, Schweiz der Deutschen Bank AG.

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