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Börse Wien : Vom Saulus zum Paulus

Der Bulle der Wiener Börse darf sich freuen, denn der ATX ist im ersten Halbjahr stark gestiegen. Bild: dpa

An der Wiener Börse herrscht wieder Partystimmung, denn der Leitindex ATX ist zuletzt kräftig gestiegen. Das könnte mit Österreichs Randlage zusammenhängen.

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          War zu Jahresbeginn noch Tristesse angesagt, herrscht nun in Wien Partystimmung. Die Wiener Börse hat die durch die Corona-Pandemie ausgelöste Krise hinter sich gelassen. Der Leitindex ATX einschließlich Dividenden (ATX Total Return) ist im ersten Halbjahr um fast 25 Prozent gestiegen. Auch der ATX – als Preisindex berechnet – legte um fast ein Viertel zu. Damit schnitt er deutlich besser ab als viele andere Indizes, wohingegen er im vergangenen Jahr stark im Minus war. Ungeachtet der starken Zuwächse ist der ATX von seinem Höchststand von rund 5000 Punkten im Jahr 2007 noch immer weit entfernt.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Reine Covid-Krisengewinner (etwa infolge von Onlinegeschäft oder Digitalisierung) hat es vergleichsweise wenige gegeben, da Zykliker sowie Finanzwerte dominieren. Zu den stärksten Kursgewinnern zählten die Österreichische Post, der Petrochemiekonzern OMV und der Leiterplattenhersteller AT&S. Die Hausse in Wien erklärt sich mit der Zusammensetzung der im Leitindex enthaltenen Branchen: Finanzwerte und zyklische Titel dominieren. Solcherart dominierte Barometer schwächeln in konjunkturellen Abschwungphasen, wie der Chefanalyst der Erste Group, Friedrich Mostböck, erklärt. Sie erholen sich aber deutlich stärker in Aufschwungphasen, was jetzt der Fall ist. Roland Neuwirth, Manager von Advisory Flexible Fonds, argumentiert mit dem Randmarktstatus des kleinen Landes. „Diese kleinen Randmärkte laufen in einer breiten Hausse tendenziell gegen Ende. Wenn die Weide abgegrast ist, wenden sich Teilnehmer den kleinen, bis dahin unentdeckten Stellen zu.“

          Empfehlungen der Erste Group Bank

          Die Aussichten für die kleine Volkswirtschaft haben sich wegen der Impffortschritte und positiven Signale aus dem Welthandel nach Einschätzung von Ökonomen wieder leicht gebessert. Für dieses Jahr rechnet die EU-Kommission mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 3,8 Prozent. Dennoch liegt Österreich zumindest heuer unter dem EU-Durchschnitt. Im kommenden Jahr dürfte der Aufschwung andauern. Mit einem 4,5-Prozent-Wachstum liegt Österreich 2022 im EU- und Eurozonen-Durchschnitt.

          Aus Sicht des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) wird bis 2024 die Lücke zum Wachstumspfad vor der Krise geschlossen sein. Gegenüber dem Szenario von Januar 2020, also noch ohne Covid-Rezession, wird der Abstand im realen Niveau des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf knapp ein Prozent geschätzt – mit einer Wirtschaftsleistung auf Vorkrisenniveau Mitte 2021. Anders als zur Erholung nach der Wirtschaftskrise 2009 dürfte die rezessionsbedingte BIP-Lücke nach der Covid-19-Krise rascher geschlossen werden, meint das WIFO.

          Nach wie vor ist der ATX deutlich günstiger als viele andere Märkte bewertet. Erste Group und Raiffeisen Bank International haben für dieses Jahr ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 12,5 bis 13. Der Abschlag von 15 Prozent der zurückliegenden zehn Jahre habe sich auf 25 Prozent vergrößert, sagt Bernd Maurer, Leiter des Institutionellen Aktienresearch der RBI. Auch sehen Analysten die Dividendenrendite attraktiv: 2020 (1,8 Prozent), 2021 (3,3 Prozent) und 2022 (3,7 Prozent). Zudem zieht das Gewinnwachstum für den ATX nach dem Rückgang wieder deutlich an.

          Nach wie vor positiv bewertet Mostböck die Aussichten, da die Konjunktur wieder anzieht und die Zinsen längerfristig niedrig bleiben werden, was die Aktie vielfach alternativlos macht. Hingegen sieht Neuwirth das Ende eines sehr langen Bullenmarktes. „In dem Moment, wo Corona zu Ende ist, ist der Höchststand erreicht/überschritten.“ Solange sich die internationalen Märkte, allen voran USA, noch ein Weilchen höher halten, dürfte Österreich noch ein paar Prozente dazulegen. Realistisch hält er bis Jahresende 3700/3800 Punkte, vielleicht 4000, wenn die Banken nochmals laufen“. Raiffeisen Bank International (RBI) ist eher skeptisch, dass die Hausse weitergeht. Die Wahrscheinlichkeit, negativ zu überraschen, sei gestiegen und jene, positiv zu überraschen, gesunken, sagt Maurer. Die konjunkturelle Erholung sei bereits eingepreist. RBI sieht den ATX bis Jahresende auf 3500 Punkten und auf Zwölfmonatssicht bei 3700 Punkten.

          Erste Group empfiehlt den Technikkonzern Andritz mit einem Kursziel von 58 Euro. Zudem favorisiert sie die Versicherung VIG mit einem Kursziel von 32 Euro. Überdies mag sie die Biotechschmiede Marinomed wegen der Entwicklung innovativer Produkte für Atemwegs- und Augenerkrankungen. RBI mag Telekom Austria, die Assekuranz Uniqa, den Baustoffspezialisten Wienerberger, den Leuchtenerzeuger Zumtobel und den Versorger EVN. Neuwirth findet den Chiphersteller AT&S sexy, darüber hinaus den Caterer Do & Co sowie die Österreichische Post.

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