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Börse Amsterdam : Enthüllungen über ASML lassen Anleger kalt

So ruhig wie es am Beemster zu sein scheint, so gelassen ist es auch derzeit an der Amsterdamer Börse. Bild: © epd-bild / Co de Kruijf

An der Amsterdamer Börse herrscht zu Beginn der Berichtssaison Gelassenheit. Unternehmen wie Unilever und ASML schlagen die niedrigen Erwartungen.

          War es nur ein Sturm im Wasserglas oder ein riesiger Spionageskandal? Zumindest die Anleger an der Amsterdamer Börse haben schon am Donnerstag vor bald zwei Wochen ziemlich gelassen, als die Konzernspitze des international führenden Chipindustrieausrüsters ASML sich zu einem Bericht der Wirtschaftszeitung „Financieel Dagblad“ geäußert hatte. Das Blatt hatte unter Bezug auf Unterlagen der Justiz berichtet, chinesische Mitarbeiter des bei Eindhoven ansässigen Unternehmens hätten Kenntnisse an den über Verbindungen zur Regierung in Peking verfügenden Konkurrenten XTAL weitergegeben. Der ASML-Vorstandsvorsitzende Peter Wennink reagierte unter Hinweis auf den inzwischen vier Jahre zurückliegenden Fall gelassen: „Die Vermutung, dass wir irgendwie Opfer einer nationalen Verschwörung geworden sein sollen, ist falsch.“

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Auch an der Börse schlugen die Enthüllungen keine größeren Wellen. Der ASML-Aktienkurs, der seit Jahresanfang deutlich zugelegt hat, gab in einem ohnehin durch Verluste gekennzeichneten Umfeld zunächst um 1,6 Prozent nach. Vorstandschef Wennink berichtete, das Unternehmen sei den Vorfällen im kalifornischen Silicon Valley selbst auf die Schliche gekommen und habe 2016 rechtliche Schritte eingeleitet. Das Gericht habe auf Entschädigungszahlungen in Höhe von 223 Millionen Dollar entschieden. Da XTAL Insolvenz angemeldet habe, sei jedoch unklar, in welchem Umfang ASML an die Gelder herankommen könne. Ohnehin habe es sich nicht um Informationen gehandelt, die mit den Spitzenprodukten des Unternehmens – sogenannten Lithographie-Systemen – zu tun gehabt hätten.

          Mit Spannung blickten die Anleger dann auf die ASML-Geschäftszahlen, mit denen am Mittwoch vor Ostern in Amsterdam die Berichtssaison eröffnet wurde. Was ASML berichtete, gefiel den Anlegern: Der Chipindustrieausrüster hat 2018 einen Umsatz von knapp 11 Milliarden Euro und einen stolzen Gewinn von 2,6 Milliarden Euro erzielt. Nach ASML folgte aus dem Kreis der im AEX-Spitzenindex notierten 25 Unternehmen schon der britisch-niederländische Konsumgüterkonzern Unilever, der mit seinen Quartalszahlen am Gründonnerstag die Anleger ebenfalls positiv überraschte.

          Auch in Amsterdam sind die Erwartungen an die Berichtssaison insgesamt eher gedämpft, obwohl es für die stark auf den Weltmarkt ausgerichteten AEX-Unternehmen Lichtblicke gab wie die chinesischen Ausfuhren, die umfangreicher waren als zuletzt erwartet. Alles in allem verlief die Kursentwicklung, die den AEX-Index von dem im Juli 2018 erreichten Höchststand von knapp 577 bis zum Jahresende auf noch etwas mehr als 470 Punkte hatte absacken lassen, zuletzt wieder positiv. Seit Monatsanfang schwanke der Index rund um die Marke von 560 Punkten.

          „Der Spielraum nach oben scheint begrenzt“

          Wenig bewegte die Anleger offenbar auch die Nachricht, dass der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union bis Ende Oktober verschoben werden könnte. Unabhängig davon, ob der Brexit nah oder fern liegt, scheinen die Niederlande ein Hauptnutznießer der Entwicklung zu sein. So erteilte die niederländische Finanzaufsichtsbehörde AFM inzwischen schon 40 britischen Unternehmen eine Marktzulassung.

          Während manche Börsenkenner ihre Zuversicht kaum zügeln können und schon über eine baldige Überwindung der Marke von 600 Punkten schwadronieren, zeigt sich einer der angesehensten niederländischen Börsengurus, Bas Heijink, Senior Analyst der Großbank ING, verhalten optimistisch.

          Da es grundsätzlich seit einem Jahrzehnt eine Aufwärtsbewegung im AEX-Index gegeben habe, sei Umsicht geboten. Dennoch schloss er einen weiteren Anstieg nicht aus. „Der Spielraum nach oben scheint begrenzt. Aber solange es keine deutliche Verschlechterung gibt, bleiben höhere Niveaus realistisch. Achten Sie jedoch auf Ausschießer nach oben und einen plötzlichen und starken Umschwung auf dem Markt“, schrieb Heijink jetzt in einer technischen Analyse. Gespannt dürfte daher nicht nur er auf die Quartalszahlen von AEX-Schwergewichten wie Unilever, Royal Shell, Philips oder auch dem international zweitgrößten Brauereikonzern Heineken blicken.

          Ein besonderes Augenmerk dürften Anleger und Analysten auf die beiden Neulinge richten, die im vergangenen März Zutritt zum exklusiven Zirkel der wichtigsten 25 AEX-Unternehmen erhalten haben. So mussten das aus der Philips-Beleuchtungssparte hervorgegangene Unternehmen Signify sowie die Kabel- und Telekomgesellschaft Altice Europe dem Zahlungsdienstleister Adyen und dem Chemievertriebsunternehmen IMCD Group weichen.

          Für Aufsehen sorgte auch der Aufstieg der Fitnesscenterkette Basic Fit von der dritten in die zweite Liga der börsennotierten niederländischen Unternehmen. Während Anteilseigner von Adyen sich zuletzt im Jahresvergleich über einen Kursanstieg von 240 auf knapp 700 Punkte freuen konnten, stieg der Kurs des zuletzt auf einen Jahresumsatz von knapp 2,4 Milliarden Euro gekommenen Rotterdamer Unternehmens IMCD immerhin um rund 50 Prozent seit April 2018.

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