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Technische Analyse : Amerikas Technologieindex droht zu drehen

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Das Geschäft von Amazon läuft nicht nur in der Weihnachtszeit bestens. Bild: dpa

Die Amazon-Aktie gehört bisher zum besten, was im Index der wichtigsten amerikanischen Technologietitel steckt. Doch nicht nur die gute Stimmung stimmt bedenklich.

          „Bundesanleihen bringen keine Zinsen, und RWE zahlt keine Dividende mehr: Aber zum Glück gibt es Amazon.“ So oder so ähnlich könnte man ein Statement eines Stadtkämmerers zusammenfassen, der vor nicht allzu langer Zeit gefragt worden war, was er denn mit dem ihm anvertrauten Geld so anstellen würde.

          Man wird einen Moment über diese Aussage nachdenken müssen, um ihre volle Bedeutung zu erfassen. Klar: Amazon macht Männern wie mir das Leben wieder lebenswert. Solange unsere Körperformen keine extremen Veränderungen erfahren, können wir nun einfach alles übers Netz einkaufen – mit komplettem Marktüberblick, perfektem und fast kostenlosem Lieferservice und zu wenigstens akzeptablen Preisen. Aussichtslose Parkplatzsuche, überfüllte Kaufhäuser gerade jetzt vor Weihnachten und Hinterherrennen hinter der eigenen Ehefrau um immer noch mehr umkämpfte Wühltische gehören für uns der Vergangenheit an. Wir überlassen das Feld denjenigen, die daran Spaß haben. Es scheint jedenfalls klar zu sein, dass es Amazon auch in 100 Jahren noch geben wird. Natürlich werden sie bis dahin unermesslich viel Geld mit uns verdient haben, und deshalb kann auch die Aktie nur eine sichere Wette sein.

          Spätestens jetzt muss der Analyst in mir einhaken. Es mag ziemlich sichere Wetten an den Börsen geben: Eine davon ist mit Sicherheit, dass die Bundesrepublik Deutschland ihren Verpflichtungen immer nachkommen wird. Eine bestenfalls nur noch halb so sichere Sache ist die mit der Dividende von RWE – und das ist sie nicht erst, seit sie die nicht mehr regelmäßig zahlen. Phantastisch und in meinem Augen völlig verantwortungslos wird es dann, wenn die Wahrscheinlichkeit künftiger Kursgewinne der Amazon-Aktie auf die gleiche Stufe wie Zinszahlungen eines AAA-Gläubigers oder eines über Jahrzehnte halbwegs kalkulierbar Dividenden zahlendes Unternehmen gestellt wird.

          In den meisten Fällen waren solche, in meinen Augen, Auswüchse nur dann denkbar, wenn ein Wert schon zu lange, zu weit gestiegen war und alternative Szenarien schon deshalb nicht mehr denkbar sind, weil es sie, dafür spricht ja alle Erfahrung, nicht stattfinden (wollen). Die wie ich nicht mehr ganz so taufrischen Anleger werden sich noch erinnern: Ähnliche An- und Aussichten wurden damals den Anteilscheinen von Nixdorf zugeschrieben – mit bekanntem Ausgang.

          Die nachlassende Trenddynamik

          Jenseits dieser vielleicht etwas ungewöhnlichen Sentiment-Einschätzung fängt aber auch „die Technik“ der Aktie an, nicht mehr so ganz rund zu laufen. Seit dem Erreichen meines bis dato letzten Zieles von 1210 Dollar haben sich die ersten Schwächesignale in Chart und Indikatoren geschrieben. Genau so fangen recht häufig zumindest größere Pausen im Aufwärtstrend an.

          Das schließt nicht aus, dass noch das ein oder andere neue Hoch nachkommt, und der Kurs muss auch danach nicht unbedingt gleich senkrecht wegbrechen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Kursentwicklung von Amazon in der überschaubaren Zukunft wenigstens ein wenig Schwung in die „falsche“ Richtung aufnehmen wird, so groß wie lange nicht mehr. Dies gilt umso mehr, als der überlagernde Aktienindex, der Nasdaq 100, gerade die ersten markanten mittelfristigen Signale entwickelt, die einer nachlassenden Trenddynamik das Wort reden.

          Mit diesen Signalen, sogenannten „negativen Divergenzen“, ist im Regelfall nicht zu spaßen. Sie zeigen unter anderem an, dass der Kaufrausch langsam verfliegt, immer weniger potentielle Käufer bereit sind, die immer noch höheren Limite der potentiellen Verkäufer zu akzeptieren, und der Markt deshalb anfällig für Enttäuschungen geworden ist. Wie immer gilt, dass es keine Notwendigkeit dafür gibt, dass der Nasdaq100 nun seinem gewaltigen Anstieg seit 2009 wird Tribut zollen müssen: Zu Buche stehen immerhin sagenhafte Gewinne von rund 530 Prozent. Aber die Erfahrung lehrt, dass in solchen technischen Situationen das Chance-Risiko-Verhältnis nicht mehr das allerbeste ist und man sich und seinem Depot oft genug einen Gefallen tut, wenn man die Stopps deutlich enger zieht und sich ansonsten zurückhält.

          Wie auch schon für den zuletzt an dieser Stelle besprochenen Tec-Dax gilt auch für den Nasdaq 100, dass für die Bullen schon noch etwas nachkommen und dabei auch die bisherige historische Bestmarke bei 6430 Punkten noch einmal überwunden werden könnte. Aber für die nächsten sechs bis zwölf Monate müssen die Chancen per Saldo geringer als die Risiken eingestuft werden. Kurse irgendwo auf dem halben Weg zwischen 6000 und 5000 Punkten sollten die Bären in dieser Zeit hinbekommen. Und dazu wird wohl auch Amazon, bislang einer der stärksten Werte im Nasdaq 100, ihren Beitrag leisten – da können wir Männer kaufen, so viel wir wollen.

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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