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Zwergenstaat in den Pyrenäen : Andorras Tage als Tresor Kataloniens sind gezählt

Andorra und seine Banken sind für viele Spanier von besonderer Bedeutung. Bild: AFP

Einige Katalanen haben es mit der Unabhängigkeit eilig. Viele Gelder liegen im Zwergenstaat. Dessen Banken müssen bald alle Kontodaten nach Spanien melden.

          Die Befürworter einer Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien drücken nicht deshalb aufs Tempo, weil in Andorra das Bankgeheimnis im kommenden Jahr vollständig wegfällt. Doch manch Katalane dürfte es deshalb besonders eilig haben. Vom kommenden Jahr an wird der Zwergenstaat in den Pyrenäen, in dem Katalanisch Amtssprache ist, die Bedingungen für den allgemeinen Austausch von Steuerinformationen umsetzen. Zwar gibt es schon seit dem Jahr 2010 ein Steuerabkommen mit Spanien, es ermöglicht aber den dortigen Behörden nur in Einzelfällen, Kontodaten von Banken Andorras einzufordern.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vom kommenden Jahr an wird dies aber automatisch erfolgen: Dann wird jedes Konto spanischer Bürger in Andorra an den Fiskus in ihrem Heimatland gemeldet werden. Der Bankenverband aus dem Fürstentum, das mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron und dem Bischof von Urgell (Spanien) zwei Staatsoberhäupter hat, weist darauf hin, dass die Daten schon für das laufende Jahr gesammelt werden und von 2018 an mit den anderen EU-Ländern ausgetauscht werden. Für große Vermögen von mindestens 1 Million Dollar müssen die Daten an die jeweiligen Heimatländer der Kontoinhaber bis spätestens Ende Juni 2018 gemeldet werden. Für Vermögen darunter besteht ein Jahr mehr Zeit.

          Gewaltige Bedeutung der Banken

          Nicht nur die Gegner einer Unabhängigkeit Kataloniens erinnern sich noch an den Fall des ehemaligen katalonischen Regierungschefs Jordi Pujol, der in der früheren Steueroase Andorra ein Millionenvermögen vor dem spanischen Fiskus versteckt hat. Das hatte er im Jahr 2014 gestanden. Gegen ihn und seine Kinder laufen nun Verfahren wegen Geldwäsche und Korruption. Auch die Opernsängerin Montserrat Caballé musste vor drei Jahren eine Steuerhinterziehung eingestehen. Sie hatte einen Wohnsitz in Andorra fingiert. Sie wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten, die auf Bewährung ausgesetzt wurde, sowie einer Nachzahlung von einer halben Million Euro verurteilt. Schließlich ranken sich um den berühmten Fußballverein FC Barcelona seit Jahren Gerüchte, wonach die besonders wichtigen Spieler schon immer ein diskretes Konto in Andorra hatten.

          Blickt man auf die Zahlen des Bankenverbandes in Andorra, dann fällt die gewaltige Bedeutung der Banken für die dortige Volkswirtschaft auf. Es gibt in dem 80 000 Einwohner zählenden Staat fünf Banken: Die Andbank, der Credit Andorra und die Morabanc befinden sich im Besitz dortiger Familien. Die Banc Sabadell d’Andorra ist eine Tochter des spanischen Banco Sabadell, der vor kurzem seinen Hauptsitz von Barcelona nach Valencia wegen der Gefahren einer Unabhängigkeit Kataloniens verlegt hat.

          Darüber hinaus gibt es noch die Vallbanc, die von dem amerikanischen Finanzinvestor J.C. Flowers kontrolliert wird. Diese Banken verwalten Vermögen über insgesamt 45,4 Milliarden Euro. Davon befinden sich als direkte Einlagen knapp 11 Milliarden Euro auf der Bilanz, der Rest wird treuhänderisch verwaltet. Die Bilanzsumme beträgt insgesamt 14,5 Milliarden Euro, das ist fast sechsmal so viel wie die wirtschaftliche Leistung im vergangenen Jahr. Die größte Bank ist der Credit Andorra mit einer Bilanzsumme von 5,7 Milliarden Euro. Dahinter folgen die Andbanc mit 4,9 Milliarden Euro und die Morabanc mit 2,25 Milliarden Euro.

          Andorra hat sich in den vergangenen Jahr stark darum bemüht, seine Banken in Einklang mit internationalen Vorgaben zu bringen. Das zeigen zum Beispiel die Steuerabkommen. Vor zwei Jahren geriet die Banca Privada d’Andorra (BPA) in Schwierigkeiten, nachdem die Vereinigten Staaten hohe Führungsmitglieder der Bank beschuldigt hatten, gegen Bestechungsgelder mit „organisierten internationalen Verbrecherbanden“ aus Russland, China und Venezuela Milliardenbeträge gewaschen zu haben.

          Bisher Vorteile als Steueroase

          Die gesunden Teile hat Flowers mit der Vallbanc übernommen. Der Rest wird abgewickelt. Doch mit einem jährlichen Haushalt von 400 Millionen Euro stellt sich die Frage, wie die Regierung in Andorra das angesichts einer Bilanzsumme der BPA von 3 Milliarden Euro bewerkstelligen will. Der BPA-Skandal zeigt die Verstrickungen mit der katalonischen Elite. Pujol hatte sein Konto bei dem Institut. Ramon Cierco, ehemals Präsident der Bank, gehörte vor Jahren auch dem Direktorium des FC Barcelona an. Seine Familie hatte die BPA kontrolliert.

          Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat die seitdem unternommenen Anstrengungen im Pyrenäen-Staat im Juli mit einer Höherstufung der Bonitätsnote von „BBB–“ auf „BBB“ gewürdigt. Damit bleibt Andorra für die Agentur investitionswürdig. Die Analysten von S&P hat überzeugt, dass die Institute ihr Risikomanagement verbessert und die Aufsichtsbehörden ihre Kapazitäten vergrößert haben. Sollten aufsichtsrechtliche Anforderungen und Transparenz internationalen Standards entsprechen, erwartet S&P für Andorra geringere Risiken aus dem Bankensektor.

          Fallen aber die Vorteile als Steueroase und Bankgeheimnis endgültig weg, dürften es Banken in Andorra nach Ansicht der Bonitätsprüfer schwer haben, großen Konkurrenten aus dem Ausland Paroli zu bieten. Als Nachteil Andorras sehen sie die geldpolitische Abhängigkeit vom Euroraum. In dem Zwergenstaat ist der Euro das offizielle Zahlungsmittel. Da es aber keine eigene Zentralbank gibt, fehlt den Geschäftsbanken ein Kreditgeber der letzten Instanz („lender of last resort“).

          Auch die Ratingagentur Fitch wertet das hohe Gewicht der Banken als das größte Risiko Andorras. Da eine Zentralbank fehlt, dürften im Fall einer Schieflage die Verpflichtungen der Banken auf den Staatshaushalt durchschlagen. Strengere Aufsichtsregeln und eine Übernahme internationaler Standards schätzt auch Fitch als positiv ein.

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