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Wall Street : Pampers statt iPhones

  • -Aktualisiert am

An der Börse das neue iPhone Bild: AP

An den amerikanischen Aktienmärkten gehen Anleger in die Defensive. Apple ist weniger gefragt, dafür Procter&Gamble oder McDonald’s.

          Die lockere Stimmung an der Wall Street nach den Kongresswahlen der vergangenen Woche währte nicht lange. Nach den zeitweilig kräftigen, von Technologieaktien getriebenen Kursaufschlägen der Vorwoche herrscht an den amerikanischen Aktienbörsen wieder hohe Nervosität. Der Dow-Jones-Index fiel zum Wochenauftakt um mehr als 2 Prozent, und der technologielastige Composite-Index der elektronischen Börse Nasdaq sackte um fast 3 Prozent ab.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Am Dienstag schloss der Dow Jones leicht im Plus, der Nasdaq-Composite unverändert. Die Sorgen der Börsianer rankten sich einmal mehr um die Lage der großen Technologieaktien, die die Hausse der vergangenen Jahre angetrieben hatten und entsprechend hoch bewertet sind. Gleichzeitig wurden Aktien nachgefragt oder zumindest nicht so stark verkauft, die typischerweise in Zeiten hoher Kursschwankungen auf der Kaufliste von Anlegern stehen: nichtzyklische Konsumwerte, Stromversorger und Immobilientitel.

          Diese sogenannten defensiven Werte sind in unsicheren Börsenphasen attraktiv, weil sie hohe Dividenden zahlen und Anlegern damit ein beständiges Einkommen bieten. Im Gegensatz zu Technologieaktien oder zyklischen Konsumwerten sind sie weniger von konjunkturellen Schwankungen betroffen.

          Apple

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          Am Montag hatte es den großen Elektronikkonzern Apple getroffen. Das Unternehmen Lumentum, ein Zulieferer des iPhone-Herstellers, hatte seine Geschäftsprognosen verringert, woraufhin Anleger eine nachlassende Nachfrage nach iPhones unterstellten. „Es könnte sein, dass sich die weltweite Nachfrage abkühlt“, sagte J.J. Kinahan, Anlagestratege beim Online-Wertpapierhaus TD Ameritrade.

          Die mobilen Kleincomputer sind das wichtigste Produkt von Apple, und schon seit Jahren reagieren dessen Kurse sensibel auf Spekulationen über die potentielle Nachfrage nach den zum Teil mehr als 1000 Dollar teuren Geräten. Der Aktienkurs von Apple fiel am Montag um 5 Prozent und zog den gesamten Technologiesektor mit nach unten. Am Dienstag gab der Kurs der Apple-Aktien abermals um 1 Prozent nach.

          PROC. & GAMBLE

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          Technologieaktien haben im breiter gefassten Aktienindex S&P 500 gemessen am Börsenwert das größte Gewicht und beeinflussen den allgemeinen Börsentrend daher stark. Die Aktien des großen Konsumgüterherstellers Procter & Gamble, unter anderem Hersteller von Pampers-Windeln, Gillette-Rasierklingen und Pantene-Shampoo, schlossen am Montag dagegen trotz der allgemeinen Marktschwäche leicht im Plus und verzeichneten auch am Dienstag leichte Aufschläge.

          Der entgegengesetzte Trend beider Aktien zeigt sich auch auf etwas längere Sicht. Der Aktienkurs von Apple ist seit einem Monat um mehr als 13 Prozent gefallen. Dagegen hat der Kurs von Procter & Gamble im gleichen Zeitraum um mehr als 18 Prozent zugelegt. Anleger gehen offenbar davon aus, dass Verbraucher im Fall eines nachlassenden Wirtschaftswachstums weiter 25 Dollar für eine Packung Babywindeln ausgeben, aber möglicherweise den Kauf eines neuen 1000-Dollar-iPhones aufschieben werden.

          MC DONALDS

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          Trotz der jüngsten Verluste liegen die Apple-Aktien im Vergleich zum Jahresanfang mit einem Plus von immer noch 1514 Prozent aber immer noch deutlich vorne. Der Aktienkurs von Procter & Gamble ist seit Anfang Januar nur um mehr als 1 Prozent gestiegen.

          Zu den anderen defensiven Titeln im Dow Jones, deren Kurse sich im vergangenen Monat überdurchschnittlich stark erholt haben, gehören der große Einzelhändler Wal-Mart, die Drogeriekette Walgreens Boots Alliance und die Schnellrestaurantkette McDonald’s. Die Aktienkurse dieser Gesellschaften sind um jeweils rund 10 Prozent oder mehr geklettert.

          Der Nasdaq-Composite, das Barometer der Technologieaktien, war dagegen um fast 3 Prozent gefallen. „Wir kaufen Substanzwerte, weil die tendenziell sicherer sind und Dividenden zahlen“, sagt der selbständige Finanzberater James Hayett. Klienten von Hayett haben unter anderem Aktien von Procter & Gamble für ihre Depots erworben. „Wir springen nicht zurück auf Wachstumswerte und Technologieaktien.“

          Substanzwerte sind Aktien, die an der Börse als günstig bewertet gelten und in der Regel eine hohe Dividendenrendite aufweisen. Procter & Gamble kommt nach Angaben des Informationsdienstes Indexarb auf eine Dividendenrendite von knapp 3,2 Prozent. Das steht im Gegensatz zu Wachstumswerten, bei denen Anleger ein überdurchschnittliches Gewinn- und Umsatzwachstum unterstellen und die oft keine oder vergleichsweise niedrigere Dividenden zahlen.

          Anleger kaufen diese risikoreicheren Titel, weil sie sich höhere Kursgewinne erhoffen. Apple kommt daher nur auf eine Dividendenrendite von 1,7 Prozent. Die Dividendenrendite von Procter & Gamble entspricht etwa der Rendite amerikanischer Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Das Zinsniveau in Amerika ist zuletzt wieder gestiegen, was Anlegern nach einer langen Phase mit extrem niedrigen Zinsen eine sichere Alternative zu Risikopapieren wie Aktien bietet.

          Die jüngste Abkehr von den bisherigen Anführern der Hausse spiegelt sich auch in den Geldabflüssen aus Aktienfonds wider, die in Technologieaktien investierten. Nachdem von Januar bis September 41 Milliarden Dollar in diese Fonds geflossen waren, hatten Anleger im Oktober nach Angaben der Bank of America 3 Milliarden Dollar abgezogen. Nach Angaben von Profianlegern profitierten von den Geldern, die neu in Aktienfonds geflossen sind, vor allem Fonds, die auf bislang vernachlässigte Aktien setzen.

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