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Wall Street : Das „Minenfeld“ der amerikanischen Aktienmärkte

  • -Aktualisiert am

Abstimmung mit den Füßen: Kunden vor einem Kaufhaus von Macy’s Bild: Bloomberg

Die Gewinnprognosen für Amerikas Börsenunternehmen sinken. Damit steht die Wall Street im dritten Quartal in Folge vor schrumpfenden Gewinnen. Besonders das Auslandsgeschäft steht zunehmend unter Druck.

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          Die Aussichten für das Gewinnwachstum amerikanischer Unternehmen verdüstern sich. Analysten kalkulieren für die im breitgefassten Aktienindex S&P 500 abgebildeten Aktiengesellschaften im dritten Quartal mittlerweile mit einem Gewinnrückgang um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nach Angaben des Informationsdienstes Factset steht die Wall Street bereits zum dritten Quartal in Folge vor schrumpfenden Gewinnen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Zudem ist der Rückgang der Prognosen auf Sicht der vergangenen zehn Jahre überdurchschnittlich hoch. Die aktuelle, seit der Finanzkrise anhaltende Aktienhausse währt, mittlerweile auch mehr als zehn Jahre. Analysten achten angesichts dieser ungewöhnlich langen Aufschwungphase verstärkt auf mögliche Signale für ein Ende des Kursanstiegs.

          Die kommende Bilanzsaison ist daher ein wichtiger Test für die von globalen Unwägbarkeiten und konjunkturellen Sorgen geprägten Aktienmärkte an der Wall Street. Die großen amerikanischen Banken, angeführt vom Branchenprimus JP Morgan Chase, werden in der kommenden Woche mit ihren Quartalszahlen die vierteljährliche Bilanzsaison an der Wall Street eröffnen. Die Entwicklung der Unternehmensgewinne ist ein entscheidender Faktor für den langfristigen Trend der Aktienkurse, weil Aktien Anteile an den Firmen verbriefen.

          Wie der Handelsstreit die Wall Street belastet

          Die Gewinnprognosen für das dritte Quartal haben sich seit dessen Beginn stetig verschlechtert: Vor drei Monaten hatten Analysten nur mit einem Gewinnrückgang von 0,6 Prozent gerechnet. Der S&P 500 hat sich mit einem Kursplus von zuletzt rund 17 Prozent in diesem Jahr allerdings überdurchschnittlich gut entwickelt – trotz zwischenzeitlich deutlicher Schwankungen wegen des Handelskonflikts zwischen den Vereinigten Staaten und China. Gleichwohl fürchten Fachleute negative Auswirkungen auf die Gewinnentwicklung insbesondere global tätiger Konzerne.

          Mit einem „Minenfeld“ verglich Peter Boockvar, Chefanleger beim Vermögensverwalter Bleakley Financial die Lage der amerikanischen Aktienmärkte vor der Bilanzsaison. „Es wird einige Unternehmen geben, die liefern und dafür belohnt werden, aber wenn man ein großes, multinationales Unternehmen mit Geschäft in Asien, Europa und Lateinamerika und ganz gewiss auch in den Vereinigten Staaten ist, wird es schwierig“, sagte Boockvar im Wirtschaftssender CNBC.

          Die Prognosen für amerikanische Aktiengesellschaften im S&P 500, die mehr als die Hälfte ihres Umsatzes außerhalb der Vereinigten Staaten erwirtschaften, fallen deutlich schlechter aus als für Unternehmen, die vor allem im Heimatmarkt aktiv sind. Für überwiegend international tätige Konzerne im S&P 500 prognostizieren Analysten einen durchschnittlichen Gewinnrückgang von mehr als 11 Prozent. Für stärker amerikanisch ausgerichtete Unternehmen kalkulieren die Auguren mit praktisch unveränderten Gewinnen. Insgesamt kommen knapp zwei Fünftel der von den S&P-500-Konzernen erwirtschafteten Umsätze aus dem Ausland. Der Rest entfällt auf den Heimatmarkt.

          „Wir sind ein bisschen vorsichtiger geworden“

          „Wir sind ein bisschen vorsichtiger geworden“, sagte Mike Bailey, Leiter der Analysesparte beim Finanzberater FBB Capital Partners, angesichts der rückläufigen Wachstumserwartungen. Zwar übertreffen viele Konzerne letztlich oft die Erwartungen, weil sie vor der Bilanzsaison tiefstapeln, um die Prognosen nicht zu verfehlen. Aber für das dritte Quartal 2019 warnten mehr Konzerne vor Enttäuschungen als gemeinhin üblich. Fast drei Viertel der S&P-500-Mitglieder, die vor der Bilanzsaison veränderte Prognosen meldeten, sprachen eine Gewinnwarnung aus. Auch dieser Anteil ist im Vergleich zur Entwicklung der vergangenen fünf Jahre überdurchschnittlich hoch.

          Im Verlauf der vergangenen Woche hatten schlechte Daten aus dem verarbeitenden Gewerbe den allgemeinen Aktientrend geschwächt, was am Freitag jedoch von robusten Arbeitsmarktzahlen wettgemacht wurde. Eine wichtige Stütze für den Aktienmarkt sind auch die jüngsten Leitzinssenkungen der amerikanischen Notenbank. Die Federal Reserve, die weiterhin ein moderates Wirtschaftswachstum erwartet, reagierte mit den Zinssenkungen auf die Risiken eines nachgebenden Wachstums der Weltwirtschaft sowie negativer Auswirkungen des Handelskonflikts. Neben der Bilanzsaison werden daher auch die für Mitte Oktober angesetzten chinesisch-amerikanischen Handelsgespräche das Interesse der Börsianer auf sich ziehen. Am deutlichsten reduzierten Analysten die Prognosen für Unternehmen aus konjunktursensiblen Wirtschaftszweigen. Aktionäre von Energieproduzenten, Technologiekonzernen und Grundstoffherstellern wappnen sich für stärkste Gewinnrückgänge im S&P 500. Insbesondere die Ergebnisse der Technologiebranche werden im Mittelpunkt stehen, weil das Segment das stärkste Gewicht im S&P 500 hat und während der Hausse der vergangenen Jahren die Führungsrolle spielte.

          Zyklische, also konjunkturabhängige, Konsumtitel werden Signale für die Stimmung der amerikanischen Verbraucher geben, die zwei Drittel zur amerikanischen Wirtschaftsleistung beitragen. Für rund zwei Drittel der zyklischen Konsumwerte im S&P 500 haben Analysten ihre Prognosen gesenkt. Für ein Drittel dieser Konzerne wurden die Gewinnerwartungen sogar um mehr als 10 Prozent gestutzt – darunter für die Warenhauskette Macy’s und den größten Online-Einzelhändler Amazon. Das amerikanische Verbrauchervertrauen war im September vor dem Hintergrund des Handelskonflikts stark zurückgegangen.

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