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VW Nutzfahrzeuge : Mit Traton steht ein Schwergewicht vor den Börsentoren

  • -Aktualisiert am

Wieder Brummis im Dax? Bild: Reuters

Nach dem Hin und Her um den Hersteller von Nutzfahrzeugen im VW-Konzern wird nun die Milliarden-Emission noch vor der Sommerpause angestrebt.

          Der deutsche Aktienmarkt wird in den kommenden Wochen einen lang erhofften großen Börsengang sehen. Mitte März hatte der Volkswagen-Konzern den Kapitalmarkt ratlos gemacht, als der Börsengang der Nutzfahrzeugsparte Traton wegen der „unsicheren Lage“ an den Finanzmärkten abgesagt worden war. Dabei hatten Investoren die Premiere vor Ostern fest eingeplant, die auf den Katalysator für weitere Neuzugänge wetteten. Traton soll nun noch vor der Sommerpause plaziert werden.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Damit kündigt sich eine Emission an, die die Größenordnung von Siemens Healthineers (Medizintechnik) mit 4,2 Milliarden Euro sowie von Knorr-Bremse mit 3,9 Milliarden Euro deutlich übertrumpfen könnte. Diese beiden Börsengänge waren die größten des Jahres 2018. Traton wäre ein weiteres Schwergewicht, das mittelfristig die Perspektive hätte, in den Dax aufzusteigen.

          Das wäre dann gewissermaßen eine Rückkehr: Bis zur mehrheitlichen Übernahme durch VW im Jahr 2012 gehörte die Aktie des LKW-Bauers MAN als eine der Traton-Marken dem Dax an.

          Mehr Streubesitz für höhere Weihen erforderlich

          Dem Hersteller von Lastwagen und Bussen mit den Marken MAN sowie Scania wird ein Unternehmenswert von 25 bis 30 Milliarden Euro zugeschrieben. Healthineers war vor dem Börsengang mit 33 Milliarden Euro bewertet worden; Hauptaktionär Siemens gab allerdings nur 15 Prozent über die Börse ab. Knorr-Bremse ist mittlerweile 15 Milliarden Euro wert; 30 Prozent der Aktien befinden sich im Streubesitz. Beide Unternehmen stiegen kurz nach Aufnahme des Handels in den M-Dax der mittelgroßen Aktiengesellschaften auf. Stiege der Anteil der freien Healthineers-Aktionäre, könnte das Unternehmen in den Dax aufsteigen.

          Unsicherheitsfaktor Unsicherheit

          Derlei Türen öffnen sich im Fall Traton womöglich schneller. Beobachter vermuten eine Emission von 20 bis 25 Prozent der Aktien. Das entspräche einem Volumen von mindestens 6 Milliarden Euro. Diese stolzen Vorstellungen des Wolfsburger Autokonzerns nannten Analysten als möglichen Grund der überraschenden Absage im März. Das Volumen sei zu groß, hieß es damals.

          Mit der möglicherweise wachsenden Unsicherheit an den Börsen in den kommenden Monaten geht VW ein höheres Risiko ein als mit dem Termin vor Ostern. Das betrifft nicht nur den Preis, sondern auch das Ausmaß der Plazierung. Bei beidem könnte es zu Abstrichen kommen.

          Varianten

          Damit ist Eile geboten. Da die Vorbereitungen weit gediehen sind, ist das Prozedere für ein öffentliches Angebot (IPO) schnell auf den Weg zu bringen. Obwohl die Namen nie offiziell bestätigt wurden, stehen die Konsortialbanken Deutsche Bank, JP Morgan, Goldman Sachs und Citi in den Startlöchern. Eine Emission könnte erfolgreicher werden, käme es zu der kolportierten Doppelplazierung in Frankfurt und in Stockholm. Scania war einst an der schwedischen Börse notiert. Zudem wurde über eine Abspaltung (Spin-off) von Traton mit einer Verteilung an die VW-Aktionäre spekuliert.

          Doch hat Volkswagen aufgrund hoher Investitionen in die Elektromobilität und wegen drohender weiterer Belastungen aus dem Diesel-Skandal latent Kapitalbedarf – selbst wenn der Konzern finanziell gut aufgestellt ist und akut keinen Bedarf hat.

          Da sich Traton in einer soliden Lage befindet, muss der Börsengang nicht mit einer Kapitalerhöhung verbunden sein, auch wenn es ehrgeizige Wachstumspläne gibt und über Zukäufe wie dem amerikanischen Partner Navistar nachgedacht wird. VW erhielte den Gesamterlös aus der Emission. Traton könnte später am Kapitalmarkt weitere Mittel aufnehmen, den Streubesitz erhöhen und den Anteil des Hauptaktionärs verwässern, wenn er auf sein Bezugsrecht verzichtet.

          Verkauf von Renk und MAN Energy Solutions?

          Der VW-Vorstandsvorsitzende Herbert Diess sagte am Dienstag auf der Hauptversammlung in Berlin, dass sich der Konzern stärker auf das automobile Kerngeschäft konzentrieren werde. „Wir überprüfen, ob wir noch der beste Eigentümer für die unterschiedlichen Geschäfte sind“, sagte er. Mit dem Börsengang von Traton, für den der Aufsichtsrat am Montagabend den Weg vorgegeben hat, habe VW einen Anfang gemacht.

          Der Börsengang solle vorbehaltlich der weiteren Kapitalmarktentwicklung stattfinden. „Wir haben immer deutlich gemacht, dass wir den Börsengang unverändert anstreben“, sagte VW-Finanzchef Frank Witter. Die aktuellen Markteinschätzungen hätten VW ermutigt, die Entscheidung jetzt zu treffen.

          Mit Interesse registrierten Anleger auf der Hauptversammlung, dass der Aufsichtsrat den Vorstand auch beauftragt hat, für MAN Energy Solutions und Renk eine – wie Diess sagte – „zukunftsweisende, industriell sinnvolle Lösung zu entwickeln“. Neben Gemeinschaftsunternehmen mit Dritten oder Partnerschaften nannte er auch die „teilweise oder vollständige Veräußerung“ als Optionen.

          Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Dieselmotoren- und Turbomaschinenhersteller MAN Energy Solutions ebenfalls an die Börse gebracht werden könnte, stattdessen könnte er verkauft oder gar zerschlagen werden. Für den schon lange gehandelten, hochprofitablen Spezialgetriebe-Produzenten Renk AG mit einem Streubesitz von 21 Prozent könnten die Tage an der Börse in diesem Szenario gezählt sein.

          Dies ist erst möglich geworden, weil die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat ihren Widerstand aufgegeben haben. Betriebsratschef Bernd Osterloh schrieb in einem Brief an die Belegschaft: „Für mögliche Verkäufe haben wir klare Leitplanken vorgegeben.“ Nachteile für die Arbeitnehmer müssten verhindert werden.

          „Zu diesen verlässlichen Perspektiven zählen gute Arbeit und sichere Beschäftigungsverhältnisse“, heißt es in dem Brief, der der F.A.Z. vorliegt. „Nur falls Verschlechterungen für die Belegschaft ausgeschlossen werden und die industrielle Logik auch langfristig stimmt, sind wir gesprächsbereit.“ Endgültige Entscheidungen stünden im Aufsichtsrat noch unter Vorbehalt.

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