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Lira-Verfall : Debatte um Angriffe durch Spekulanten in Italien

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Unterstaatssekretär Giancarlo Giorgetti schwant Unheil. Bild: EPA

Der Wert der türkischen Lira fällt und fällt - und veranlasst die rechtsextreme Lega in Italien, vor spekulativen Attacken am Finanzmarkt zu warnen. Doch der Vize-Regierungschef hält dagegen.

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          Der jüngste Kursverfall der türkischen Lira hat unter Italiens Politikern eine Debatte darüber ausgelöst, wie verwundbar das Land am Kapitalmarkt gegenüber Spekulanten ist. Giancarlo Giorgetti, Spitzenpolitiker bei der rechtsextremen Lega und Mitarbeiter von Ministerpräsident Giuseppe Conte, hat gegenüber der Zeitung „Libero“ (Sonntagsausgabe) gewarnt, dass der geringe Handel in den Sommermonaten derartige spekulative Angriffe begünstige. „Die Märkte sind voller hungriger spekulativer Fonds, die ihre Beute ausspähen und zugreifen. Schaut auf die Türkei.“ Am Freitag hatte die türkische Lira etwa ein Fünftel an Wert verloren. Italien sei jedoch gerüstet, sagte Giorgetti.

          Italiens Vize-Regierungschef Luigi Di Maio hielt dagegen und widersprach Giorgetti. „Ich sehe keine konkrete Gefahr", sagte er der Tageszeitung „Corriere della Sera" vom Montag. „Dabei handelt es sich mehr um die Hoffnung der Opposition." Der parteilose Außenminister Enzo Moavero Milanesi sagte der Zeitung „Il Foglio“ vom Samstag, der Kollaps der türkischen Lira zeige, wie wichtig die Euro-Mitgliedschaft für Italien sei. „Diejenigen, die Zweifel haben, ob eine Währung wie der Euro gut ist, sollen sorgfältig darauf schauen, was in der Türkei passiert.“

          Verfall der Lira

          Geschürt wurde der Lira-Verfall unter anderem von Sorgen über die Einflussnahme der türkischen Regierung auf die Notenbank. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gilt als Gegner hoher Zinsen. Er sprach am Sonntag von einer Verschwörung, die den Kursverfall der Währung ausgelöst habe. Ab diesem Montag erhebt Amerika Strafzölle auf importierten Stahl aus der Türkei.

          Italien ist aufgrund seiner hohen Staatsverschuldung und der seit mehr als einem Jahrzehnt anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation das Sorgenkind des Euroraums. Die neue Regierung aus der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) und der rechtsgerichteten Lega hat die Befürchtungen verstärkt. Vor der Wahl im März hatte sich die Lega für einen Austritt Italiens aus der Euro-Zone eingesetzt. Seit Bildung der Regierung mit der populistischen 5-Sterne-Bewegung hat sie jedoch mehrfach bestritten, die Abkehr von der Gemeinschaftswährung zu planen.

          Steigende Renditen

          Als sich deren Wahlsieg vor drei Monaten abzeichnete, waren die Kursschwankungen an den Anleihemärkten kurzzeitig höher gewesen als zum Höhepunkt der Schuldenkrise 2011/12. Erst nachdem die neuen Regierungspartner beteuerten, dass sie die Währungsunion nicht verlassen wollten, beruhigten sich die Märkte wieder. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe, die jäh von rund 1,8 auf mehr als 3,1 Prozent gestiegen war, fiel auf 2,55 Prozent zurück.

          Seit Mitte Juli hat sie allerdings wieder zugelegt. Am Montag stieg sie um weitere 10 Basispunkte auf 3,09 Prozent. Damit hat sie noch nicht den Höchststand zum Zeitpunkt der Wahl erreicht, steht aber knapp davor. Weit entfernt ist sie dagegen vom Niveau der Eurokrise. Auch die Rendite der zweijährigen Staatsanleihe stieg, und zwar sogar um 18 Basispunkte auf 1,34 Prozent.

          Zudem tut die allgemeine Entwicklung der Renditen sein Übriges: Der Abstand zur Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist zwar mit 1,9 Prozentpunkten ebenfalls deutlich höher als er vor der Wahl war, ist jedoch deutlich vom Niveau nach der Wahl entfernt.

          Sorgen machen etwa kostspielige Wahlversprechen wie ein Bürgereinkommen, drastische Steuersenkungen und ein Absenken des Rentenalters und damit verbunden ein weitere Anstieg von Haushaltsdefizit und Verschuldung sowie das daraus resultierende Konfliktpotential mit den europäischen Partnern.

          Die Commerzbank rechnet damit, dass die Risikoaufschläge italienischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen in den kommenden Wochen steigen und sich eher am oberen Ende des seit der Bildung der neuen Regierung zu beobachtenden Spanne einpendeln werden.

          Italien stimmte die Bevölkerung und die Euro-Partner bereits in der vergangenen Woche auf einen langsameren Abbau der hohen Verschuldung ein. Di Maio erklärte, sie wollten die EU davon überzeugen, Reformen in Angriff zu nehmen. Sie sollten sowohl den Abbau von Schulden erlauben als auch die Nachfrage im Land antreiben. Der Haushaltsentwurf für 2019 soll im September im Parlament eingebracht und einen Monat später der EU-Kommission vorgelegt werden.

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