https://www.faz.net/-gv6-94rzy

Konjunkturaufschwung : Der Markt stellt sich auf mehr Inflation ein

Die Vorsitzende der Fed, Janet Yellen, wird die Notenbank im Februar 2018 verlassen. Doch bereits jetzt hat sie den Fuß vom geldpolitischen Gaspedal genommen. Bild: AP

Die Renditen zweijähriger amerikanischer Staatsanleihen sind deutlich gestiegen. Das zeigt, dass die Märkte mehrere Erhöhungen der Leitzinsen erwarten.

          Wer in diesen Tagen mit Vertretern internationaler Finanzhäuser spricht, hört immer wieder einen Satz: „Im kommenden Jahr wird an den amerikanischen Finanzmärkten die Inflation zu einem bedeutenden Thema.“ Denn die in den vergangenen Monaten veröffentlichten Wirtschaftsdaten gestatten den Schluss, dass die amerikanische Wirtschaft auch nach einem bald neunjährigen Konjunkturaufschwung nicht müde wird. „Im kommenden Jahr dürften Konsumenten und Unternehmen von einer steuerlichen Entlastung profitieren, was die Nachfrage weiter anheizen wird“, heißt es in einem Ausblick der Helaba. „Am Arbeitsmarkt ist das Ziel der Vollbeschäftigung bereits seit einiger Zeit erreicht.“

          Und wenn die Wirtschaft läuft und die Arbeitslosigkeit niedrig ist, dürften 2018 nach Ansicht vieler Ökonomen und Analysten in Finanzhäusern höhere Lohn- und Preissteigerungen zu erwarten sein als in den Vorjahren. Gegen die Prognose muss nicht sprechen, dass die am Mittwochnachmittag für den November 2017 veröffentlichte Inflationsrate – es handelt sich um den Preisanstieg für Konsumgüter mit Ausnahme der besonders schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel – von 1,7 Prozent etwas unter den Erwartungen des Marktes lag.

          Auch Auswirkungen auf Deutschland

          Wer sehen möchte, wo der Markt in der nahen Zukunft den Inflationstrend vermutet, muss auf die Rendite zweijähriger amerikanischer Staatsanleihen schauen. Anders als bei den häufig zitierten Renditen zehnjähriger Staatsanleihen hängen die Renditen der zweijährigen Papiere stark von den Erwartungen an die Geldpolitik der Notenbank Fed ab.

          Im Anstieg der zweijährigen Anleiherenditen, der sich in den vergangenen Monaten beschleunigt hat, drückt sich die Erwartung des Marktes auf mehrere Leitzinserhöhungen der Fed im kommenden Jahr aus. „Die Fed dürfte den Zielkorridor für den Leitzins bis Ende 2018 auf 2 bis 2,25 Prozent anheben.“ In der Folge werde die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen von derzeit 2,40 auf 3 Prozent steigen. Wegen der dominierenden Stellung des amerikanischen Anleihemarkts würden auch in Deutschland die Anleiherenditen steigen.

          Was geschieht nach Yellens Abgang?

          Neben der Wirtschaftslage, die schon günstig ist und nach einer Steuerentlastung für Unternehmen noch günstiger werden könnte, spielen die personellen Veränderungen in der amerikanischen Notenbank eine wichtige Rolle in den Überlegungen der Finanzhäuser. Denn die Vorsitzende der Fed, Janet Yellen, wird die Notenbank im Februar 2018 verlassen und den Stab an Jerome „Jay“ Powell übergeben. Nach Ansicht vieler Fachleute an der Wall Street dürfte Powell keine grundsätzlich andere Geldpolitik als Yellen betreiben, obgleich Powell den Republikanern nahesteht und Yellen den Demokraten.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Aber neben Yellen verlässt auch der Vizevorsitzende der Notenbank, Stanley Fischer, das Haus. Zudem werden, da die Stimmrechte der Vertreter aus den Regionen rotieren, im kommenden Jahr mehrere Mitglieder des geldpolitischen Führungsgremiums ihr Stimmrecht verlieren, die als Vertreter einer lockeren Geldpolitik gelten. Im Gegenzug soll mit dem Ökonomen Marvin Goodfriend ein Mann in die Führung der Fed einziehen, der sich in der Vergangenheit kritisch gegenüber der von der Fed betriebenen Geldpolitik geäußert hat.

          Yellen hat allerdings schon seit einiger Zeit im übertragenen Sinne den Fuß vom geldpolitischen Gaspedal genommen. Nicht nur wurde in ihrer Amtszeit mehrfach der kurzfristige Leitzins erhöht. Die Fed hat in diesem Jahr auch beschlossen, mit dem Abbau ihrer rund 4,5 Billionen Dollar betragenden Anleihebestände zu beginnen.

          Langsamer Abbau der Anleihenbestände

          Dieser Abbau beginnt langsam, um an den Finanzmärkten keine schweren Störungen zu provozieren, aber das monatliche Volumen, um das die Anleihebestände schrumpfen werden, soll im Laufe der Zeit zunehmen. Damit belegt die Yellen-Fed, dass Prognosen von Schwarzmalern, die Notenbank werde keine geldpolitische Wende beschließen können, weil dann alles zusammenbreche, nicht der Wahrheit entspricht.

          Für viele Diskussionen sorgt an den Finanzmärkten daneben, dass zwar die Renditen kurzlaufender amerikanischer Staatsanleihen spürbar gestiegen sind, die Renditen langlaufender Anleihen aber nicht. Damit sind die Renditeabstände zwischen langlaufenden und kurzlaufenden Anleihen deutlich geschrumpft. Früher wurde aus einer solchen Beobachtung der Schluss gezogen, der Markt stelle sich auf einen Fall der Wirtschaft in eine Rezession ein, aber in der heutigen Situation finden sich viele Marktteilnehmer, die auf solche alten Reaktionsmuster nichts mehr geben. Zwar finden sich an der Wall Street seit Jahren Auguren, die einen baldigen Fall der amerikanischen Wirtschaft in eine Krise vorhersagen, aber die Mehrheitsmeinung geht davon aus, dass sich der lange Konjunkturaufschwung noch eine Weile fortsetzen dürfte. Die in großer Frequenz veröffentlichten Daten zur amerikanischen Konjunktur geben auch keinen Anlass für wirtschaftlichen Pessimismus.

          Gleichwohl sieht auch kaum ein Marktteilnehmer eine Rückkehr zu Inflations- und Zinsniveaus, wie sie noch in den achtziger Jahren zu beobachten waren. Das Bild einer „neuen Normalität“, in der sich Zinsen und Inflationsraten zwar noch bewegen, aber nicht mehr heftige Ausschläge wie in der Vergangenheit zeigen, hat sich auch an der Wall Street im Laufe der vergangenen Jahr ausgebreitet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Carola Rackete bei ihrer Festnahme im Juli in Porto Empedocle

          Verfahren gegen Kapitänin : Rackete muss vor Gericht aussagen

          Im Verfahren wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Widerstands gegen ein Kriegsschiff sagt Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete an diesem Donnerstag vor Gericht auf Sizilien aus. Die Gefahr einer Inhaftierung besteht wohl nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.