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Erklärung : Amerikas Unternehmenslenker rufen zur Nachhaltigkeit auf

  • Aktualisiert am

Jamie Dimon, Vorstandsvorsitzender der Großbank JPMorgan Chase, ist auch Vorsitzender des „Business Roundtable“. Bild: AFP

Eine der wichtigsten Interessengruppen amerikanischer Unternehmen trägt in einer Erklärung die Orientierung am „Shareholder Value“ zu Grabe. Nicht nur das Wohl der Anteilseigner, sondern das der ganzen Gesellschaft soll künftig zählen.

          Eine der größten Wirtschaftsverbände Amerikas, der 1972 entstandene „Business Roundtable“ hat offiziell beschlossen, das seit Jahrzehnten hoch gehaltene Credo aufgegeben, Werte für Aktionäre („Shareholder Value“) zu schaffen. Aktionäre sollen künftig nur als eine Interessengruppe („Stakeholder“) angesehen werden, wenn es um Unternehmen geht. In einer neuen „Absichtserklärung“ vom Montag identifiziert der Verband fünf „Stakeholder“. Neben den Aktionären sind dies Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten und Kommunen. Das berichtet die „Financial Times“ (FT).

          Unternehmen sollten "die Umwelt schützen", ihre Arbeitnehmer mit "Würde und Respekt" behandeln und gleichzeitig langfristige Gewinne für die Aktionäre erzielen, heißt es in der Erklärung des Business Roundtable. Es sei eine wichtige Veränderung, sagt Mohamed El-Erian, Chef-Wirtschaftsberater der Allianz. Es spiegele einen sich abzeichnenden Konsens über die Bedeutung eines integrativeren Kapitalismus wider.

          Larry Fink, der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock und Mitglied des „Business Roundtable“, hatte schon im vergangenen Jahr Unternehmenslenker in einem offenen Brief aufgefordert, in einer Zeit, in der sich Menschen enttäuscht von der Politik abwendeten, die Führung zu übernehmen: Die „Millennials“ und jüngere Generationen sähen die Aufgabe von Unternehmen zunehmend darin, eine bessere Gesellschaft zu schaffen und nicht nur Gewinne zu erwirtschaften.

          Umstrittene Ernsthaftigkeit

          Institutionelle Investoren versuchen schon seit einigen Jahren daraufhin zu wirken, dass Unternehmen sich vom Prinzip des alleinigen „Shareholder Values“ abwenden. Schon 1992 gründeten das Umweltprogramm der Vereinten Nationen und die internationale Finanzbranche die UNEP FI, die ein nachhaltiges Finanzwesen fördern soll. Der Partnerschaft gehören heute mehr als 230 Finanzinstitutionen an. 2005 wurden die „Principles for Responsible Investment“ verfasst, die seitdem von mehr als 2300 Mitgliedern aus 50 Ländern mit einem Anlagekapital von mehr als 60 Billionen Dollar unterzeichnet wurden.

          Andererorts waren die Reaktionen zurückhaltender. Die Aussage der Gruppe seien ein "Papiertiger", sagte etwa Espen Eckbo, Professor für Finanzen und Gründer des Lindenauer Forums für Governance-Forschung am Dartmouth College der FT. Es sei völlig unverbindlich, da es keine Details enthalte, auf welche Weise sich etwas ändern solle.

          Larry Summers, amerikanischer Finanzminister in den Neunziger Jahren, bezeichnete die Stellungnahme gleichfalls als zahnlos und kritisierte, dass die Regierung als Stakeholder fehle. Summers zweifelt offenbar an der Ernsthaftigkeit. Die rhetorische Umarmung der Stakeholder sei zum Teil womöglich nur eine Strategie, um Steuer- und Regulierungsreformen zu verhindern.

          Die FT macht auch darauf aufmerksam, dass die Sprache der Erklärung an einen von der demokratischen Senatorin und Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren im vergangenen Jahr vorgelegten Reformentwurf erinnere, der darauf abzielt, Unternehmenslenker zu verpflichten, die Interessen aller Stakeholder zu berücksichtigen.

          Der „Business Roundtable“ hat sich kürzlich dafür eingesetzt, den Aktionärsaktivismus zu begrenzen. Im Juni forderte die Gruppe die amerikanische Börsenaufsicht auf, die Schwelle für die Einreichung von Anträgen zu erhöhen. Dies würde die Fähigkeit der Aktionäre einschränken, in Bezug auf Themen wie Klimawandel und Vergütung von Führungskräften auf Veränderungen bei Unternehmen hinzuwirken, allerdings auch kurzfristige Dividendenausschüttungen oder Aktienrückkäufe einzufordern und dafür etwa Modernisierungsinvestitionen zu unterlassen.

          Der Business Roundtable hat fast 200 Mitglieder, darunter die Vorstandsvorsitzenden etwa von JP Morgan Chase, Amazon.com und General Motors, die zusammen einen Jahresumsatz von 7 Billionen Dollar erwirtschaften.

          Ausgewählte Investoren-Initiativen für Nachhaltigkeit

          • UNEP FI: 1992 gegründete Partnerschaft zwischen dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen und der internationalen Finanzbranche, die ein nachhaltiges Finanzwesen fördern soll. Mitglieder sind mehr als 230 Finanzinstitutionen.

          • PRI (Principles for Responsible Investment). Sechs Prinzipien zur Gestaltung eines effizienten, nachhaltigen globalen Finanzsystems, von Investoren entwickelt und durch die UN gefördert. Mehr als 1400 Mitglieder aus 50 Ländern mit einem Anlagekapital von mehr als 59 Billionen Dollar.

          • Climate Action 100+: Initiative, die auf Maßnahmen der größten Emittenten von Treibhausgasen zu deren Begrenzung hinwirken soll. Mehr als 320 Investoren mit einem Anlagekapital von mehr als 33 Billionen Dollar.

          • GRESB: Bewertungssystem zur Messung der Nachhaltigkeit von Infrastruktur- und Immobilienunternehmen sowie -fonds auf Basis der einzelnen Immobilien. Wird verwendet von mehr als 80 institutionellen Investoren mit einem Kapital von mehr als 18 Billionen Dollar.

          • Accelerating Sustainable Finance Initiative für den Finanzplatz Frankfurt zur Definition der Rahmenbedingungen einer nachhaltigen Finanzwirtschaft und deren Umsetzung. 55 Unterzeichner.

          • IIGCC (Institutional Investors Group on Climate Change). Europäische Initiative zur Mobilisierung von Kapital zur Verringerung des Kohlendioxidausstoßes. Mehr als 170 Mitglieder mit mehr als 23 Billionen Euro Anlagekapital. Steht in Verbindung mit Climate Action 100+.

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