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Kurs der Geldpolitik : Fed erhöht Leitzins um 0,75 Prozentpunkte

Vorsitzender der Federal Reserve (Fed) Jerome Powell Bild: AP

Die amerikanische Notenbank macht im Kampf gegen die Inflation den zweiten aggressiven Zinsschritt innerhalb kurzer Zeit – und es könnten weitere kommen.

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          Zum zweiten Mal innerhalb von nur sechs Wochen hat die Federal Reserve einen ungewöhnlich großen Zinsschritt gemacht: Die amerikanische Notenbank kündigte am Mittwoch an, den Leitzins um abermals 0,75 Prozentpunkte auf eine Bandbreite zwischen 2,25 und 2,5 Prozent zu erhöhen. Erst im Juni hatte es eine Anhebung um 0,75 Punkte gegeben, das war damals der größte Zinsschritt seit fast 30 Jahren. Insgesamt hat die Fed nun in diesem Jahr vier Mal die Zinsen nach oben geschraubt.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.
          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Fed-Vorsitzender Jerome Powell machte in einer Pressekonferenz deutlich, dass er noch kein Ende der Straffung in der Geldpolitik sieht. Er sagte, er rechne damit, dass weitere Erhöhungen „angemessen“ sein werden. Sogar eine weitere „ungewöhnlich große Anhebung“ bei der nächsten Fed-Sitzung im September könnte „angemessen“ sein. Eine Entscheidung darüber sei aber noch nicht getroffen, und Powell wollte auch keine spezifische Prognose abgeben. Die Notenbank wolle ihren weiteren Kurs von den bis zur nächsten Sitzung kommenden Konjunkturdaten abhängig machen.

          Inflation bei 9,1 Prozent

          Powell deutete aber auch an, das Tempo der Erhöhungen künftig wieder zurücknehmen zu wollen. Gerade das schien an den Finanzmärkten gut anzukommen. Unmittelbar nach der Ankündigung der Zinserhöhung bewegten sich die amerikanischen Aktienindizes noch leicht im Plus, im Laufe von Powells Pressekonferenz ging es deutlicher nach oben.

          Mit der abermaligen kräftigen Zinserhöhung versucht die Notenbank weiter, die hohe Inflation in den Griff zu bekommen. Im Juni lag die Inflationsrate in den USA bei 9,1 Prozent, dem höchsten Wert seit mehr als 40 Jahren. Powell sagte, diese Zahl sei „noch schlimmer als erwartet“ ausgefallen, die Inflation sei derzeit „viel zu hoch“. Die Notenbank habe „die Werkzeuge und die Entschlossenheit“, die Inflation wieder auf einen niedrigeren Wert zurückzubringen. Die Zielmarke liegt bei 2 Prozent. Powell gab zu, vom dramatischen Anstieg der Inflationsraten überrascht worden zu sein, und er sagte, es könnte noch weitere Überraschungen geben.

          Die Zinsentscheidungen sind ein Balanceakt. Die Notenbank will die Inflation drücken, aber auch vermeiden, dass die Wirtschaft in eine Rezession stürzt. Powell sagte, es sei notwendig, das Wirtschaftswachstum zu bremsen, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Die Fed wolle aber keine Rezession, sondern eine „sanfte Landung“ der Wirtschaft. Der „Pfad“ für eine solche sanfte Landung sei allerdings „enger“ geworden.

          Rezessionssorgen werden immer größer

          Powell sagte, einige konjunkturelle Indikatoren deuteten schon jetzt auf eine wirtschaftliche Abschwächung hin. Die US-Wirtschaft sei allerdings noch nicht in einer Rezession. Dazu gehe es vielen Wirtschaftssegmenten noch zu gut, und der Arbeitsmarkt bleibe weiter sehr eng.

          Die neue Bandbreite von 2,25 bis 2,5 Prozent für die Zinsen nannte der Fed-Chef „neutral“, das heißt er sieht die Zinsen in einem Bereich, wo sie der Wirtschaft weder helfen noch schaden. Mit Blick auf etwaige weitere Zinserhöhungen beschrieb er es als sinnvoll, bis Jahresende auf eine „moderat restriktive Stufe“ zu kommen. Dies liege nach jüngsten Einschätzungen zwischen 3,0 und 3,5 Prozent.

          Die Rezessionssorgen in den USA werden immer größer. Dazu trug in dieser Woche auch der größte amerikanische Einzelhändler Walmart bei, als er zum zweiten Mal binnen zwei Monaten sein Gewinnziel angesichts des schleppend verlaufenden Geschäfts senkte. „Wenn der größte Einzelhändler der Welt eine Gewinnwarnung absetzt, dann wirft das ein Schlaglicht auf die konjunkturelle Lage und das Konsumentenvertrauen – sowohl in den USA als auch weltweit“, sagte Marko Behring, Leiter Vermögensverwaltung der Fürst Fugger Privatbank.

          Erst am Dienstag dieser Woche hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem jüngsten Wirtschaftsausblick seine Prognosen für die Inflationsraten in diesem Jahr erhöht. Er bezeichnete die Inflation als „hartnäckig“. Er zeichnete außerdem ein düsteres Bild für die wirtschaftliche Entwicklung, sowohl in den USA als auch im Rest der Welt. Für die USA erwartet er in diesem Jahr nur noch ein Wirtschaftswachstum von 2,3 Prozent, im April war noch von 3,7 Prozent ausgegangen. Im nächsten Jahr sollen es sogar nur noch 1,0 statt 2,3 Prozent sein.

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