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Amerikanische Großbank : JP Morgan will den deutschen Mittelstand

JP Morgan, Amerikas größte Bank, hat im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn erzielt. Bild: Reuters

Während die deutschen Banken schwächeln, strotzen Amerikas Institute vor Kraft. Nun will der Branchenprimus angreifen.

          4 Min.

          Max Neukirchen ist ein seltenes Exemplar. Als Deutscher hat er es in der größten amerikanischen Bank JP Morgan Chase sehr weit nach oben geschafft. Der 41 Jahre alte Münchener ist nicht nur Personalchef der Investmentbank, sondern ist als Strategiechef einer der engsten Mitarbeiter des Vorstandsvorsitzenden Jamie Dimon. Im Moment reist Neukirchen, der seit 13 Jahren in New York lebt, ziemlich oft nach Europa. Schließlich fordert der drohende Brexit auch von JP Morgan einige Veränderungen. Frankfurt soll dabei eine zentrale Rolle spielen. Aber auch ohnedies will die Bank ihre Stärke als Vorteil gegenüber den schwächelnden deutschen Instituten nun stärker ausspielen, wie Neukirchen im Gespräch mit der F.A.Z. erläutert.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Wir wollen mehr Geschäft mit dem deutschen Mittelstand machen und merken, dass immer mehr Mittelständler auch gerne Geschäft mit uns machen“, sagt Neukirchen. „Viele sind überrascht, was wir alles für sie tun können, zum Beispiel über klassisches Investment-Banking hinaus sind wir führend im internationalen Zahlungsverkehr und Liquiditätsmanagement, der Handelsfinanzierung und im Devisenhandel.“

          Im Frühjahr hat die Bank ein neues Team aufgebaut, das gezielt Mittelständler umgarnen soll. Als Leiter wurde Bernhard Brinker von der Hypovereinsbank abgeworben. Bislang ist die Mannschaft mit zwölf Leuten überschaubar. Aber wenn das Geschäft erst ins Laufen kommt, soll es laut Neukirchen weiter wachsen. Auch wenn der frühere McKinsey-Berater es vermeidet, Namen wie Deutsche Bank oder Commerzbank in den Mund zu nehmen, so ist die Stoßrichtung klar: In Zeiten, in denen die deutschen Platzhirsche mit sich selbst beschäftigt sind, präsentiert sich die Wall-Street-Bank der deutschen Wirtschaft als Alternative und nutzt dabei die gleichen Werbebotschaften, die vor allem die Deutsche Bank gerne hochhält. „Als globale Bank können wir die deutschen Unternehmen in alle Welt begleiten, sei es im Zahlungsverkehr, Beratung zu Fusionen und Übernahmen, auch im Aktien- und Anleihegeschäft oder in der Handelsfinanzierung“, sagt Neukirchen. Man sei zwar eine amerikanische Bank, aber mit Bankern wie der Landeschefin Dorothee Blessing und Brinker eben auch eine deutsche.

          Sticheln gegen die Konkurrenz

          Die Ausgangsposition für einen größeren Auftritt in Deutschland könnte kaum besser sein. Nach einer kurzen Schwächephase nach der Finanzkrise kann Jamie Dimon mit seiner Bank seit Jahren Quartal für Quartal hohe Milliardengewinne vorlegen. Allein im Zeitraum von Juli bis September dieses Jahres hat die Bank umgerechnet 8,3 Milliarden Euro Gewinn erzielt, aus Gesamteinnahmen von knapp 30 Milliarden Euro. Die Deutsche Bank, die sich unter Josef Ackermann in einer Liga mit JP Morgan wähnte, nahm im gleichen Zeitraum nur ein Sechstel davon ein und musste unterm Strich einen Verlust von 832 Millionen Euro verbuchen.

          Um die Vorzüge einer stabilen Finanzlage zu verdeutlichen, kleckert Neukirchen nicht: „Wir investieren jedes Jahr 11,5 Milliarden Dollar in unsere Technologie“, sagt der Banker und zielt damit abermals auf eine Schwachstelle der deutschen Institute, die mit der Erneuerung ihrer IT seit Jahren zu kämpfen haben und von einem solchen Budget nur träumen können. In Zeiten, in denen neue Technologien wie die Blockchain, Künstliche Intelligenz oder die Cloud auch im Bankgeschäft immer wichtiger werden, seien ständige Erneuerungen der Systeme aus Sicht unerlässlich, sagt Neukirchen und stichelt noch einmal kaum verhohlen gegen die kriselnden deutschen Wettbewerber: „Die Kunden können sich bei uns sicher sein, dass wir auch in fünf, fünfzig oder hundert Jahren noch im Geschäft sind und weiterhin investieren.“

          Die Investitionen machten es erst möglich, den Kunden maßgeschneiderte Lösungen zum Beispiel für den Zahlungsverkehr zu liefern. „Aber auch das Thema IT-Sicherheit spielt für die Kunden und für uns eine sehr zentrale Rolle. In Cyber Security investieren wir jedes Jahr 750 Millionen Dollar.“ Weitere Gründe, warum deutsche Unternehmen sich zunehmend JP Morgan zuwendeten, seien das gute Kreditrating und natürlich das „Fortress Balance Sheet“, das Jamie Dimon so gerne herausstellt – also sozusagen die bombensichere Bilanz.

          Ihre Ambitionen an der Wall Street hat die Deutsche Bank längst heruntergefahren. Kann eine Wall-Street-Bank wie JP Morgan ihr nun aber in ihrem Heimatmarkt gefährlich werden? In den Paradedisziplinen des Investmentbankings ist das längst passiert. „Wir sind in Deutschland das zweite Jahr in Folge Marktführer im Investmentbanking, in der Beratung zu Fusionen und Übernahmen liegen wir ganz vorne, im Aktien- und Anleihegeschäft auf einem der vorderen Plätze“, sagt Neukirchen. Er verweist dabei auf die jüngsten Marktdaten von Dealogic, wonach JP Morgan sowohl im Vorjahr als auch im bisherigen Jahresverlauf die Spitzenposition einnimmt, mit einem Marktanteil von 10,3 Prozent. Die Deutsche Bank ist demnach von Platz 2 im Jahr 2018 auf aktuell Platz 4 abgerutscht und liegt mit noch 7,1 Prozent Marktanteil hinter Bank of America Merrill Lynch und Goldman Sachs. Die Commerzbank belegt Platz 10 mit 3 Prozent Marktanteil.

          Dass die deutschen Institute im Wettbewerb mit den amerikanischen Häusern immer stärker unter Druck geraten, hat gerade erst der Präsident des Bankenverbands, Hans-Walter Peters, moniert. „Große Fusionen und Übernahmen, für die viel Kapital benötigt wird, laufen fast nur noch über amerikanische Häuser“, sagte er und verwies darauf, dass die Banken in den Vereinigten Staaten deutlich effizienter arbeiten könnten als jene in Europa. In Amerika liege die Kapitalrendite der Banken im Schnitt bei 14,5 Prozent, in Deutschland gerade einmal bei 3,74 Prozent. Als Gründe gelten zum einen die Strafzinsen der Europäischen Zentralbank, welche die Banken jedes Jahr viel Geld kosten, zum anderen die Wettbewerbsverzerrung durch die öffentlich-rechtlichen Sparkassen und Landesbanken. Drittens profitieren die amerikanischen Institute aber auch von ihrem viel größeren Heimatmarkt. Um einen vergleichbaren Markt zu erhalten, appellieren deutsche Bankmanager daher schon lange an die Politik, endlich einen einheitlichen Finanzbinnenmarkt in ganz Europa zu schaffen.

          Wer wechselt an den Main?

          Zunächst steht aber die Abspaltung Großbritanniens von der Europäischen Union auf der Agenda und vor allem aus Frankfurter Sicht die Frage, wie viele Brexit-Banker wohl von der Themse an den Main wechseln mögen. „Frankfurt ist ein ganz zentraler Bestandteil unserer Post-Brexit-Planung“, sagt Neukirchen. „Deutschland ist unser drittgrößter Standort außerhalb Amerikas. Hier haben wir viele Mitarbeiter, Kunden und hohes Vertrauen.“ Die Bank werde ihre Londoner Mitarbeiter aber wohl nicht an einem einzelnen Standort in Kontinentaleuropa zusammenlegen. Daher rechnet JP Morgan zunächst eher mit einigen hundert zusätzlichen Bankern in Frankfurt. Aktuell sitzen knapp 500 Mitarbeiter in dem Hochhaus Taunustor im Bankenviertel, von wo aus der Blick hinüber zu den Doppeltürmen der Deutschen Bank fällt. „Über die Zeit könnte es sich sicher so einspielen, dass, wenn ein Banker in London die Bank verlässt, seine Stelle eher in Frankfurt oder an einem anderen Standort neu besetzt wird“, meint Neukirchen. Außer den deutschen Unternehmen hat die amerikanische Großbank auch noch eine andere Zielgruppe im Blick, die Reichen. „Im Geschäft mit vermögenden Privatkunden können und wollen wir in Deutschland sicher noch mehr PS auf die Straße bringen“, sagt Neukirchen. Das Rennen ist eröffnet.

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