https://www.faz.net/-gv6-9onq6

Börsengänge in Amerika : Die Wall Street hakt das Uber-Debakel ab

  • -Aktualisiert am

Gute Laune in der Wall Street: 2019 könnte ein Rekordjahr werden. Bild: AFP

Die Aktienkurse von Börsenneulingen sind an Wall Street im zweiten Quartal um durchschnittlich 30 Prozent gestiegen. Analysten rechnen mit einem Rekordjahr.

          Uber ist nicht alles. Trotz des enttäuschenden Debüts des großen amerikanischen Fahrvermittlers an der New Yorker Börse im Mai brummt der Markt für Börsengänge an der Wall Street. Nach Angaben des Wertpapierhauses Renaissance Capital haben junge Unternehmen an den amerikanischen Börsen im zweiten Quartal Aktien im Wert von 25 Milliarden Dollar emittiert.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Das ist die höchste Summe in einem Quartal seit fünf Jahren. Vor dem Hintergrund steigender Aktienkurse – der Aktienindex S&P 500 befindet sich nach Kursgewinnen von fast 19 Prozent in diesem Jahr auf Rekordniveau – rechnen Fachleute mit weiterhin andauerndem Interesse an Börsengängen.

          Als aussichtsreiche Kandidaten für kommende Erstemissionen, sogenannte Initial Public Offerings (IPO), gelten die Hollywood-Talentagentur Endeavor, der Bürovermittler WeWork und Peloton, ein Hersteller von populären Heimtrainern. „Die Aussichten für ein aktives drittes Quartal im amerikanischen IPO-Markt sind günstig“, schreiben die Analysten von Renaissance Capital in einem aktuellen Marktkommentar. Als Triebfedern für anhaltende Nachfrage gelten die zuletzt insgesamt kräftigen Kursgewinne der Börsenneulinge und ein großer Bestand von Wachstumsunternehmen, die noch nicht börsennotiert sind.

          Das Debakel um den Mega-Börsengang von Uber Technologies hat Investoren also offenbar nicht den Appetit auf junge Wachstumstitel verdorben. Uber hatte zwar Aktien im Wert von rund 8 Milliarden Dollar emittiert – immerhin knapp ein Drittel des gesamten Emissionsvolumens im zweiten Quartal. Der Konzern und seine Investmentbanker hatten ihre ursprünglich noch größeren Ambitionen aber schon im Vorfeld des Börsengangs deutlich gesenkt. Dennoch fiel der Aktienkurs von Uber am ersten Handelstag um fast 8 Prozent unter den Ausgabepreis.

          Uber Technologies

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Die Titel haben sich seither von diesen Verlusten weitgehend erholt, lagen zuletzt aber wieder knapp unter dem Ausgabepreis. Andere Technologiewerte wie das soziale Netzwerk Pinterest, der Softwareanbieter Zoom Video und Chewy, ein auf Haustierbedarf spezialisierter Online-Einzelhänder, machten die Verluste von Uber im Gesamtbild aber mehr als wett.

          Experten rechnen mit 300 Milliardenkonzernen

          Auch Biotechnologie-Titel verzeichneten im zweiten Quartal kräftige Aufschläge. Im Durchschnitt beliefen sich die Kursgewinne der Börsenneulinge im zweiten Quartal auf 30 Prozent. Damit schnitten sie rund zehnmal so gut ab wie der S&P 500. Der Spitzenwert unter den Debütanten des zweiten Quartals war der Lebensmittelhersteller Beyond Meat, der für Fleischalternativen auf pflanzlicher Basis bekannt ist. Seit dem Start an der elektronischen Börse Nasdaq Anfang Mai hat sich der Kurs von Beyond Meat mehr als versechsfacht.

          Beyond Meat

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Die Kurse von Uber wie auch des schon Ende März an die Börse gegangenen Konkurrenten Lyft stehen unter Druck, weil Anleger angesichts der hohen Verluste überzeugende Argumente für einen Weg zur Profitabilität vermissen. „Ich habe immer gedacht, dass es nur um Wachstum geht“, sagte Barrett Daniels, der bei der Beratungsgesellschaft Deloitte für IPOs zuständig ist. Neben Umsatzwachstum verlangten Investoren jetzt aber „begründete“ Pläne, wie Unternehmen über die Gewinnschwelle kommen wollen.

          Die Analysten von Renaissance Capital gehen davon aus, dass die enttäuschenden Debüts von Uber und Lyft den IPO-Markt auf kurze Sicht sogar beflügeln könnten, auch wenn das paradox klingt. Im Gegensatz zur ersten Hausse der Internet- und Technologieaktien Ende der neunziger Jahre warten die schon gut finanzierten Unternehmen in der Regel sehr viel länger mit einem Gang an die Börse.

          Lyft und Uber haben aber möglicherweise zu lange abgewartet und den besten Zeitpunkt verpasst. Analysten beziffern den Bestand an potentiellen Börsenkandidaten, die mit mehr als 1 Milliarde Dollar bewertet werden – sogenannte „Einhörner“ – auf rund 300.

          Eine andere Gefahr, die Unternehmen zu raschem Handel zwingen dürfte, ist die allgemeine Stimmung an der Börse. Kurz vor dem Börsengang von Uber hatte sich die Stimmung an den Aktienmärkten wegen des eskalierenden Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China eingetrübt, weil der Konflikt als Bremsklotz für die Weltwirtschaft gilt. In derart unsicheren Phasen geht der Risikoappetit von Investoren zurück.

          Das betrifft Aktien insgesamt, aber die zumeist noch unprofitablen und schwankungsanfälligen Börsenneulinge aus der Technologiebranche im Besonderen. Im von starken Aktienkursschwankungen geprägten vierten Quartal 2018 hatten sich Unternehmen mit Börsengängen entsprechend zurückgehalten.

          Aber derzeit haben Börsianer trotz der latenten Unwägbarkeiten wegen des Handelsstreits offenbar wieder gute Laune. Nach den 62 Erstemissionen im zweiten Quartal kalkulieren die Renaissance-Analysten für 2019 mit insgesamt 160 bis 200 IPOs. Damit könnte 2019, gemessen am gesamten Emissionsvolumen, ein neues Rekordjahr werden. 1999 und 2000, den beiden Jahren vor dem spektakulären Ende der ersten großen Hausse der Technologieaktien, hatten Unternehmen bei Börsengängen jeweils mehr als 90 Milliarden Dollar aufgenommen.

          Als nächstes könnte schon im Juli die Endeavor Group an der Wall Street debütierten, die 2009 aus der Fusion der Talentagentur William Morris mit der Agentur des jetzigen Vorstandschefs Ari Emanuel entstanden ist. Das Unternehmen vertritt mehr als 6000 Künstler, darunter Film- und Fernsehstars, Models, Musiker und Sportler. Dazu veranstaltet die Agentur mehr als 700 Veranstaltungen im Jahr, von Musik- und Kunstfestivals bis zu Mixed-Martial-Arts-Wettkämpfen.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Axel Voss auf der Gamescom : Zu Gast bei Feinden

          Der EU-Abgeordnete Axel Voss ist die Hassfigur der Youtuber und Gamer. Mit der Reform des Urheberrechts hat er die Szene gegen sich aufgebracht. Sein Besuch auf der Spielemesse Gamescom lief dann aber anders als erwartet.
          Noch baumelt der Golf an den Greifarmen im Zwickauer VW-Werk. Bald soll ihn das Elektromodell ID ablösen.

          VW-Werk : Zwickau wird elektrisch

          VW produziert im sächsischen Zwickau bald nur noch Elektroautos. Das Werk wird damit zum Modell für die ganze Branche. Was bedeutet das für die Arbeiter? Ein Besuch im Versuchslabor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.