https://www.faz.net/-gv6-9p875

Amerikanischer Aktienmarkt : Profianleger sind am Spielfeldrand

  • -Aktualisiert am

Börse in New York: Die Aktienkurse steigen, aber die Stimmung der Profianleger ist eher verhalten. Bild: AFP

Die amerikanischen Banken haben im zweiten Quartal gut verdient. Euphorie bei Börsianern an der Wall Street stellt sich dennoch nicht ein. Dafür gibt es mehrere Gründe.

          Die großen amerikanischen Banken haben zum Auftakt der vierteljährlichen Bilanzsaison überraschend starke Gewinne ausgewiesen. Triebfeder der Gewinne war vor allem das Geschäft mit den Privatkunden, die die niedrigen Zinsen nutzen, um ihre Kreditkarten für Einkäufe zu zücken, neue Hypotheken aufzunehmen oder ihre bestehenden Immobiliendarlehen günstiger zu refinanzieren.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Banken profitierten auch von niedrigeren Steuersätzen. Die Ende 2017 noch von der republikanischen Mehrheit im Kongress verabschiedete Steuerreform drückte die Steuersätze großer Banken wie JP Morgan, Bank of America und Wells Fargo auf unter 20 Prozent. Vor drei Jahren hatte die Steuerbelastung noch rund 30 Prozent betragen.

          Die Aktienkurse der Banken reagierten dennoch verhalten auf die in der vergangenen Woche veröffentlichen Ergebnisse. Der KBW Nasdaq Bank Index, ein einschlägiges Branchenbarometer für Finanztitel, gab in den fünf Handelstagen bis Donnerstag um knapp 1 Prozent nach. Im Vergleich zum Jahresanfang liegt der Bank-Index zwar um knapp 15 Prozent im Plus. Die Titel hängen dem breitgefassten Aktienindex S&P 500 aber deutlich hinterher. Der S&P 500 ist im gleichen Zeitraum um fast 20 Prozent geklettert und notiert derzeit knapp unter dem kürzlich erreichten Rekordniveau.

          Ein Grund für die ausbleibende Euphorie der Anleger war das schwächelnde Wall-Street-Geschäft. Profianleger hielten sich angesichts schwelender Handelskonflikte, rückläufigem Weltwirtschaftswachstum und erwarteter Leitzinssenkungen mit Engagements im Wertpapierhandel zurück. Zahlreiche Spitzenmanager der großen Banken bedienten sich daher eines Klischees aus dem Sport. Die Klienten befänden sich „on the sidelines“ – also am Spielfeldrand, an der Seitenlinie. Die Einnahmen aus dem Wertpapierhandel bei den fünf größten Wall-Street-Banken sind im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 8 Prozent gefallen – nach einem Rückgang um 14 Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres.

          Keine schlüssige Erklärung

          Fachleute an der Wall Street haben keine schlüssige Erklärung dafür, da Kunden in unsicheren Phasen in der Regel mehr handeln, etwa um ihre Anlagen angesichts möglicher Veränderungen umzuschichten. Dazu steigen derzeit sowohl die Kurse von Aktien als auch von Anleihen.

          „Es handelt sich eher um einen verhaltenen Anstieg als um die animalischen Instinkte, die man normalerweise in dieser Art Umfeld finden würde“; sagte Jon Pruzan, der Finanzchef von Morgan Stanley. „Einige der typischen Dinge für einen derartigen Markt haben wir noch nicht bemerkt – weder haben viele Leute ihre Portfolios umgeschichtet noch ihren Verschuldungsgrad erhöht.“

          Ein weiterer Grund für das mangelnde Interesse von Anlegern an amerikanischen Bankaktien sind die erwarteten Leitzinssenkungen der Notenbank Fed. Marktführer JP Morgan Chase kalkuliert nach Angaben der neuen Finanzchefin Jennifer Piepszak mit bis zu drei Zinssenkungen noch in diesem Jahr. Das wird nach Einschätzung der Banken die Zinserträge schmälern. JP Morgan Chase nahm die Prognose für Nettozinserträge in diesem Jahr um 500 Millionen Dollar auf 57,5 Milliarden Dollar zurück.

          Fed-Chef Jerome Powell hatte den Börsianern zuletzt klare Hoffnungen auf baldige Leitzinssenkungen gemacht und die Aktienkurse damit auf Rekordstände getrieben. „Die Unsicherheit um Handelskonflikte und Sorgen um die Weltwirtschaft lasteten zuletzt auf dem Ausblick für die Wirtschaft“, sagte Powell kürzlich bei Anhörungen vor dem Kongress. Anleger rechnen mit einer Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte bei der kommenden Fed-Sitzung Ende Juli. Derzeit bewegen sich die amerikanischen Leitzinsen in einer Spanne von 2,25 Prozent bis 2,5 Prozent.

          Stimmung von Profianlegern schlecht

          Von Euphorie ist angesichts der konjunkturellen Unwägbarkeiten dennoch nicht viel zu spüren. Der Anteil amerikanischer Privatanleger, die in den kommenden sechs Monaten mit steigenden Aktienkursen rechnen, ist schon wochenlang überdurchschnittlich niedrig. Das meldete der amerikanische Privatanlegerverband, der seine Mitglieder jede Woche befragt.

          Auch die Stimmung von Profianlegern war noch im Juni so schlecht wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Das meldete die Bank of America, deren Investmentsparte Merrill Lynch monatlich Fondsmanager zu ihren Einschätzungen befragt. Aber es gibt aus Sicht der Anleger derzeit keine Alternativen zu amerikanischen Aktien, weil sie fest damit rechnen, dass die Notenbank Fed im Fall einer schwächelnden Konjunktur mit Leitzinssenkungen gegensteuern wird.

          S&P 500

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Damit werden Anleihen als Alternative zu Aktien weniger attraktiv. Nach einer ersten Leitzinssenkung der Fed ist der S&P 500 im darauf folgenden Jahr in der Regel gestiegen. Nur in wenigen Zinssenkungsphasen war es nicht zu Kursgewinnen von Aktien gekommen.

          Eine Herausforderung für den weiteren Aktienkurstrend könnte in den kommenden Wochen allerdings die laufende Bilanzsaison für das zweite Quartal werden. Nach Angaben des Informationsdienstes Factset kalkulieren Analysten für das zweite Quartal mit einem Rückgang der Unternehmensgewinne für die im S&P 500 abgebildeten Konzerne um 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Premierminister bei Merkel : Johnson beharrt auf Ende des Backstops

          Johnson und Merkel zeigen sich optimistisch – dennoch belegt der Backstop die Schwierigkeiten des Treffens. Schon vorher hatten Finanzminister und Bundespräsident dem Premier die kalte Schulter gezeigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.