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Unternehmen im Alpenstaat : Österreichische Industrieperlen als Übernahmeziele

International bekannt: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz besucht den Faserspezialisten Lenzing in Hongkong. Bild: dpa

Ein Investor hat die Industriejuwelen Amag, Lenzing und Semperit im Visier. Sogar von einer feindlichen Übernahme ist die Rede. Was passiert mit den Unternehmen in diesem Fall?

          In Österreich stehen wichtige industrielle Aushängeschilder im Zentrum von Übernahmegelüsten. Darunter sind der Aluminiumhersteller Amag, der Faserspezialist Lenzing sowie der Gummianbieter Semperit. Seit Monaten strebt der österreichische Investor Michael Tojner zusammen mit Finanzpartnern die Kontrolle über die B&C-Privatstiftung an, in der Beteiligungen an diesen Unternehmen geparkt sind. Die B&C-Gruppe wehrt sich dagegen. Stiftungsvorstand Wolfgang Hofer zufolge gibt es Versuche von Tojner gemeinsam mit der italienischen Bank Unicredit. B&C spricht von einer feindlichen Übernahme. Von den anderen Protagonisten gibt es keine Stellungnahme.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Die im Ringstraßenpalais Ephrussi angesiedelte B&C-Stiftung war im Jahr 2000 von der Bank Austria gegründet worden unter langfristigen strategischen Gesichtspunkten. Ziel ist es, Kompetenz und die Zentralen von international wettbewerbsfähigen Unternehmen in Österreich zu sichern. Tojner hat in den zurückliegenden Jahrzehnten als rasant aufgestiegener Wagniskapitalgeber in zahlreiche Unternehmen investiert. Dazu zählt auch der Batteriespezialist Varta, der seit Herbst 2017 in Frankfurt gelistet ist.

          Nach Ansicht von B&C wird versucht, die der Unicredit im Jahr 2008 durch die Stiftung abgelösten Rechte „ein zweites Mal zu verwerten“. Unicredit habe seit 2008 aber keinerlei Rechte mehr und damit auch keine Einflussmöglichkeiten gegenüber B&C. Interessant ist eine Neubesetzung in der B&C Holding GmbH, mit der sich die Stiftung für das Ringen rüsten will. Peter Edelmann wurde mit Jahresbeginn zum Vorsitzenden der B&C Holding Österreich GmbH bestellt, der obersten Holdinggesellschaft der Gruppe. In dieser neu geschaffenen Funktion wird der Manager vor allem die strategische Ausrichtung der B&C, die Grundsätze des Beteiligungsmanagements der Kernbeteiligungen sowie den Portfolioausbau im Industrie- und Technologiebereich verantworten.

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          Der studierte Diplombetriebswirt leitete zuletzt das Bremer Industrieunternehmen Kaefer Isoliertechnik, ein global führendes Unternehmen im Bereich der Industrie-Isolierung. Bekäme Tojner via B&C-Stiftung Mitspracherechte für deren Beteiligungen, wäre das ein großes Manöver für österreichische Verhältnisse und ein Sonderfall. Die Beteiligungen haben 2017 rund 4,2 Milliarden Euro erlöst und eine operative Rendite von mehr als zehn Prozent erwirtschaftet. Lenzing kontrolliert den Weltmarkt von holzbasierten Zellulosefasern: Viskose-, Modal- und Lyocellfasern (vermarktet unter Tencel). Sein Kurs dümpelt seit Herbst entlang einer Marke von 80 Euro, nachdem er zuvor noch höher als 100 Euro lag. Das Allzeithoch von 177 Euro dürfte so schnell nicht erreicht sein.

          Einer der ältesten Titel auf dem Parkett in Wien

          Dass sich Institutionelle für den Nischenspieler aus Oberösterreich interessieren, liegt an dessen Aussichten. Zwar haben holzbasierte Zellulosefasern mit weniger als einem Zehntel noch einen geringen Anteil am Gesamtfasermarkt. Doch dieser wächst rasant, wie sich in den Produktionssteigerungen spiegelt. Lenzing kommen der durch Bevölkerungswachstum und Wohlstandszuwachs getriebene Weltfaserverbrauch und der Trend zu Naturfasern entgegen. Die Baumwollproduktion kann in großem Stil wegen der Konkurrenz der Anbauflächen mit Nahrungsmitteln und Biokraftstoffen und den sehr engen klimatischen Voraussetzungen, innerhalb derer Baumwolle wächst, nicht mehr ausgeweitet werden. Von der erwarteten Angebotsknappheit bei Baumwolle dürften Zellulosefasern profitieren.

          Neben Lenzing ist der Gummi- und Kautschukverarbeiter Semperit Teil des Beteiligungsreichs der Stiftung. Semperit ist einer der ältesten Titel auf dem Parkett in Wien. Seit Jahresbeginn gibt es zunehmendes Interesse an den Aktien. Ob damit eine Wende nach der mehrjährigen Flaute eingeleitet ist, lässt sich nicht sagen. Während der Nullerjahre ist das Unternehmen kräftig gewachsen. Derzeit steckt Semperit in einer verlustreichen Umbauphase, die der ehemalige Offizier der Bundeswehr Martin Füllenbach vorantreibt. Der Anbieter produziert an mehr als einem Dutzend Standorten vor allem Untersuchungs- und Operationshandschuhe, Hydraulik- und Industrieschläuche, Fördergurte, Rolltreppen-Handläufe, Bauprofile und Seilbahnringe.

          Sein Zwilling in der Reifenproduktion wurde 1985 an Continental verkauft. Als dritter Börsenwert rundet Amag das Portfolio ab. Der auf Primäraluminium spezialisierte Werkstoffanbieter befindet sich auf einem stabilen Wachstumskurs und ist im Vergleich zu anderen Branchenvertretern teuer. Seine technischen Kernkompetenzen liegen im Recycling, Gießen, Walzen, Wärmebehandeln und Oberflächenveredeln. Der Aktienkurs hat vor einem Jahr sein höchstes Niveau gesehen mit 56 Euro und seither deutlich verloren.

          Unklar ist, was im Fall der Übernahme mit diesen Industriejuwelen passieren soll. Würde der Streubesitz erhöht, wäre das beflügelnd, meint Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group. Doch wäre auch ein Delisting eine Option. Das wäre für den ohnehin mageren Kurszettel in Wien ein herber Schlag.

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