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Neuemissionen : Unternehmen fluten den Anleihemarkt

Auch die Deutsche Bahn hat jüngst sich über Anleihen mit Liquidität eingedeckt. Bild: obs

In den vergangenen zwei Wochen wurden fast 75 Milliarden Euro an neuen Unternehmensanleihen begeben. Es läuft eine „Jagd nach Liquidität“.

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          Wie entfesselt sichern sich die Unternehmen in der Corona-Krise Liquidität, um sich für schwere Zeiten zu rüsten. Während Staaten wie Deutschland Rettungsschirme im gigantischen Ausmaß aufspannen, um Mittelstand und Unternehmen zu schützen, gibt es am Anleihemarkt eine erstaunliche Entwicklung. Fast im Wochenrhythmus werden neue Emissionsrekorde für Unternehmensanleihen aufgestellt. In der vergangenen Woche begaben europäische Unternehmen mit guter Kreditwürdigkeit (Investment Grade) neue Titel im Volumen von 42 Milliarden Euro. In den beiden vorangegangenen Wochen waren es jeweils um die 30 Milliarden Euro.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch in den vergangenen Tagen waren die Unternehmen sehr rege: Neun Adressen, darunter Toyota, Akzo Nobel, Veolia und die Deutsche Bahn, begaben am Dienstag Titel über fast 8 Milliarden Euro. Die vom Bund kontrollierte Deutsche Bahn plazierte eine Anleihe mit 20 Jahren Laufzeit in einem Volumen von 750 Millionen Euro. Der Zinskupon beträgt 1,375 Prozent. Am Montag nutzten schon unter anderem Sanofi, Repsol und Holcim die gute Stimmung. Die Analysten der Bayerischen Landesbank (Bayern LB) zählten zum Wochenauftakt Emissionen von mehr als 4 Milliarden Euro. Die Emissionsflut ist nicht nur in Europa zu beobachten, sondern auch in den Vereinigten Staaten. Nicht immer fällt die Nachfrage hoch aus, aber der Absatz ist in der Regel kein Problem, nachdem die Risikoaufschläge im Zuge der Verwerfungen an den Finanzmärkten zuletzt deutlich gestiegen und damit für Investoren wieder attraktiv geworden sind. Zwar steht der Markt vor allem den großen bekannten Unternehmen offen, aber vereinzelt schaffen es auch Adressen, deren Kreditwürdigkeit eher mäßig ist. Zudem stützt die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihren Käufen von Unternehmensanleihen.

          Keine Entwarnung

          Doch für den Commerzbank-Anleihestrategen Marco Stöckle besteht noch längst kein Grund zur Entwarnung. „Der Markt für Unternehmensanleihen befindet sich weiterhin auf der Intensivstation“, sagte er der F.A.Z. Zwar hätten die umfangreichen Käufe der EZB zu einer Stabilisierung beigetragen, aber die Risikoaufschläge hätten sich anders als bei den Kreditausfallderivaten noch nicht wirklich reduziert. „Eine nachhaltige Erholung ist auch noch nicht zu erwarten, weil in einer Rezession die Kreditwürdigkeit vieler Unternehmen herabgestuft wird und wir erst am Beginn dieser Welle stehen“, befürchtet Stöckle.

          Er verweist auf die Jagd nach Liquidität, die zu dem sprunghaften Anstieg an Emissionen neuer Euro-Unternehmensanleihen geführt hat. In den vergangenen zwei Wochen hätten diese sich allein auf 75 Milliarden Euro belaufen. Das ist für Stöckle ein enormes Volumen, das der Markt auch in guten Zeiten erst mal verdauen müsste. Diese Emissionswelle überlagere daher auch den Effekt der EZB-Käufe. Die Zentralbank hat im März Unternehmensanleihen von gut 10 Milliarden Euro erworben. In der vergangenen Woche waren es knapp 2 Milliarden Euro. Allerdings ist nicht bekannt, wie viele Unternehmensanleihen im Rahmen des insgesamt 750 Milliarden Euro umfassenden Pandemie-Programms gekauft worden sind. Die EZB weist nur das Gesamtvolumen der gekauften Anleihen aus. Das lag in der vergangenen Woche bei gut 30 Milliarden Euro. Die Analysten der DZ Bank gehen davon aus, dass im Rahmen des Pandemie-Programms „zweifellos auch Unternehmensanleihen in nennenswerter Größe“ gekauft worden sind.

          Mit großer Spannung blicken die Anleger derzeit auf die Folgen des wirtschaftlichen Stillstands und der unvermeidbaren Rezession. Am Anleihemarkt richtet sich der Blick auf die Ratingagenturen, die immer mehr Bonitätsnoten von Unternehmen herabstufen. Am Mittwoch erwischte es den Schweizer Technologiekonzern ABB, dessen Rating Moody’s von „A2“ auf „A3“ senkte. Um das Investment-Grade-Rating, auf das viele institutionelle Investoren wie Versicherer oder Pensionsfonds bei Unternehmensanleihen achten müssen, braucht sich ABB noch keine Sorgen zu machen. Denn dieser Status setzt ein Rating von mindestens „Baa3“ bei Moody’s beziehungsweise „BBB–“ bei Standard & Poor’s voraus. Vom Ramschstatus trennen ABB noch vier Stufen. Dagegen verlor der Stahlkonzern Arcelor-Mittal bei Fitch sein Investment-Grade-Rating, weil die Bonitätsprüfer trotz guter Liquiditätslage eine nachlassende Stahlnachfrage erwarten.

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