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Ungarische Zentralbank : Anleihenkauf als nationales Industrieprogramm

Die ungarische Zentralbank in Budapest Bild: AFP

Seit dem 1. Juli kauft die Ungarische Zentralbank Industrieanleihen. Nichts Neues? Doch - denn mit Geldpolitik hat das Programm nichts mehr zu tun.

          Anleihenkaufprogramme von Zentralbanken sind derzeit üblich. Was mit Staatsanleihen begann, wurde dann rasch auf Unternehmensanleihen ausgeweitet. Die Europäische Zentralbank etwa kaufte bis Ende 2018 über die nationalen Notenbanken Unternehmensanleihen und hält ihre Bestände heute noch auf dem damals erreichten Niveau. Ziel war es stets, die Wirtschaft durch günstigere Finanzierungskonditionen zu beleben und so die Inflationsrate wieder auf die angestrebten 2 Prozent zu bringen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch wie so oft, entwickeln Dinge eine gewisse Dynamik. Die ungarische Zentralbank Magyar Nemzeti Bank (MNB) geht jetzt einen Schritt weiter. Sie kündigte ein eigenes Anleihenkaufprogramm im Volumen von 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an.

          Die Ziele des Programms sind aber erklärtermaßen nicht geld-, sondern industriepolitisch. Denn Ziel des unter dem Namen “Bond Funding For Growth Scheme (BGS)“ vorgestellten Programms ist es ungarischen Industriefirmen die Möglichkeit zu geben, ihre Finanzierung zu diversifizieren, und ihnen Alternativen zum klassischen Bankkredit zu eröffnen. Dazu gehöre auch ein liquider Markt für Firmenanleihen.

          Die Zentralbank werde bis zu 70 Prozent einer einzelnen Anleihe ankaufen und will dafür insgesamt 300 Milliarden Forint aufwenden. Derzeit gibt es in Ungarn Firmenanleihen in einem Volumen von rund 20 Milliarden Forint, und es werden auch nur Forint-Anleihen gekauft. Wählerisch ist die Zentralbank auch nicht: Die Mindest-Bonitätsnote, die von der deutschen Rating-Agentur Scope ermittelt werden soll, ist mit „B+“ festgelegt, liegt also tief im Bereich dessen, was gemeinhin als Ramschanleihen bezeichnet wird. Die EZB setzt mit “BBB-“  dagegen voraus, dass die Anleihe noch als „investmentwürdig“ gilt.

          Angesichts des winzigen ungarischen Marktes für Industrieanleihen und dass wohl keine plötzliche Emissionsflut zu erwarten ist, wird die MNB gezwungen sein, die 70-Prozent-Grenze bei jeder Anleihe auszuschöpfen. Das um so mehr als es vor einigen Jahren im Zuge der Insolvenz des Energiedienstleisters Enefi Wirbel um dessen Anleihen gab, was das Vertrauen nicht erhöht haben dürfte. In die undurchsichtigen Vorgänge war auch der ungarische Staat verstrickt.

          Letztlich also kommt das Programm einem nationalen Industriefinanzierungsvorhaben gleich. Es unterscheidet sich von der Industriefinanzierung der Fünfziger Jahre durch eine Rest-Beteiligung privater Investoren, die von Anfang an damit rechnen können, 70 Prozent ihrer Forderungen an die Nationalbank verkaufen zu können. Da diese ja an einem „liquiden Markt für Firmenanleihen“ interessiert ist, wird sie auch bestrebt sein, die Preise stabil zu halten.

          Das senkt für private Investoren das Risiko erheblich. Übrigens ist das auch einer der Gründe, warum die Renditen von Firmenanleihen in Westeuropa immer weiter nach unten tendieren - es gibt letztlich immer noch einen Käufer.

          Wenn man das ungarische Programm als Trendsetting begreift, kann es als beispielhaft dafür verstanden werden, was zumindest von „populistischen“ Regierungen wirtschaftspolitisch zu erwarten ist - ein zunehmend stärkeres Eingreifen des Staates in die Wirtschaft, fast mehr aber eine zunehmende Vermischung von Wirtschaft und Staat. In der Vergangenheit hat dies, soweit es Regel und nicht Ausnahme war - noch nie zu etwas Gutem geführt.

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