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„Tulpenfieber“ : Erste Spekulationsblase der Welt im Film

Zum Vergleich: Ein Zimmermann verdiente damals 250 Gulden im Jahr, ein Universitätsprofessor 750 Gulden. Für Spitzentulpen wie der „Semper Augustus“ wurden sogar bis zu 10 000 Gulden verlangt. Für das Geld hätte man im Amsterdam des goldenen Zeitalters, als die Grundstückspreise höher lagen als andernorts, eine schickes Grachtenhaus kaufen können.

Das Schlimme an dem Tulpenwahn war, wie bei anderen Blasen, dass der Preis seine Informationsfunktion verlor, die in einem effizienten Markt nötig ist. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass Ressourcen und Güter sinnvoll eingeordnet und verteilt werden können. Was niemand berücksichtigte bei den Termingeschäften mit den Tulpen: Die Nachfrage war unverhältnismäßig größer als das Angebot, weil aus einer Zwiebel nur zwei neue entsprossen und es eine Weile dauerte, um daraus Blumen zu ziehen.

Ein Land im Blumenwahn?

Auch wenn es bis heute üblich ist, den damaligen Tulpenhandel der Holländer als irrational zu bezeichnen: In der jüngeren Forschung sind nicht mehr alle Wirtschaftshistoriker auf der von Mackay vorgebenen Linie. So hat Peter Garber darauf hingewiesen, dass sich seriöse Investoren – wie in Chadwicks Film der Kaufmann Sandvoort – der Spekulation mit Tulpen weitgehend enthalten hätten.

Es waren vor allem einfache Leute, nicht selten von Alkohol beseelt, die den Lockrufen der Zwischenhändler erlagen und sich in den Spelunken Optionsscheine verschafften, die am Ende das Papier nicht mehr wert waren, auf denen das Kaufrecht geschrieben stand. Diese extreme Risikoneigung wurde laut Garber durch die Erfahrung mit der Beulenpest in Amsterdam befördert: Weil jeder Tag der letzte im Leben sein konnte, wettete das niedere Volk munter auf Pump; zumal das Glücksspiel verboten war.

Vor allem Earl Thompson, inzwischen verstorbener Ökonom an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, widersetzt sich der These, dass die Holländer vor 380 Jahren irrational gehandelt hätten. Sie hätten lediglich eine staatliche Regulierung der Terminbörsen vorweggenommen: weg von den Futures, hin zu den Optionen. Das heißt: Ein Anleger, der damals das Kaufrecht an einer Tulpe erworben hatte, musste sie nicht länger wirklich kaufen. Er konnte gegen eine kleine Strafzahlung den Vertrag kündigen, falls der herrschende Preis ihm als zu niedrig erschien.

Der Markt geriet also in Schieflage, und zwar zugunsten des Anlegers, der sein Risiko minimieren konnte. Entsprechend schossen die Preise für Tulpenoptionen nach oben. Thompson kommt daher zu dem Schluss, dass von einem Tulpenwahn nicht die Rede sein könnte. Die Anleger verhielten sich durchaus rational, indem sie eine vertragliche Änderung innerhalb des Handels nutzten.

Wie auch immer man die Blase von damals nennen mag: Sie endete so, wie viele ihresgleichen danach. Der Staat musste eingreifen. Der Terminhandel wurde verboten, der Markt reguliert. Von heute aus betrachtet war der Eingriff nicht zum Schaden der Holländer: Als Blumenhändler stehen sie bestens da, nämlich als Exportweltmeister: Zwei Milliarden Tulpen produzieren sie jährlich, verkaufen Blumenzwiebeln für etwa 1,2 Milliarden Euro in alle Welt. Es ist ein Happyend, das der Film „Tulpenfieber“ nicht kennt.

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