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„Tulpenfieber“ : Erste Spekulationsblase der Welt im Film

Zum einen: Es handelt sich um eine Blase, weil viele Leute zur selben Zeit auf die Wertentwicklung von Tulpen wetteten und die Preise dadurch in irrwitzige Höhen trieben. Zum anderen: Die Holländer jeder Bevölkerungsschicht verhielten sich damals kopflos, bar jeder Vernunft.

Sie kauften längst nicht nur Tulpenzwiebeln zu immens hohen Preisen, sondern erwarben auch Kaufrechte auf Zwiebeln, die sich noch in der Erde befanden und deswegen Farbe, Pracht und Wert der Blumen noch zweifelhaft waren. Solche Optionen auf künftige Tulpen wurden oft auf Kredit finanziert und von Zwischenhändlern weiterverkauft. Nachdem am 7. Februar 1637 bei einer Versteigerung in Haarlem niemand mehr eine Tulpe oder eine Option kaufen wollte, brach der Handel landesweit zusammen. Der Crash trieb viele Leute in den Ruin.

Absturz des Tulpenpreises zwischen 1636 und 1637

Die Lust an der Spekulation

Tatsächlich ist die Interpretation, beim damaligen Tulpenwahn habe es sich um ein irrationales Verhalten vieler Marktteilnehmer gehandelt, seit fast zwei Jahrhunderten gang und gäbe. Der schottische Autor Charles Mackay hatte diesen Deutungsansatz 1841 vorgegeben, als er in einem Buch über die „Verrücktheit der Massen“ schrieb.

Bis heute folgen die meisten Autoren dieser Interpretation; seien es Finanzwirtschaftler, die oft eine Parallele zur Dotcom-Blase nach der Jahrtausendwende ziehen, oder Romanciers wie Debborah Moggach, auf deren Bestseller „Tulpenfieber“ von 1999 der Film basiert. Der Autorin, die auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, war nach Erscheinen ihres Romans vorgeworfen worden, es mit den historischen Details nicht so genau zu nehmen; doch die Grundzüge des Tulpenwahns stimmen.

Der Kostümfilm greift mit Bildern darauf zurück, die sich in Stimmung und Ton stark an großen holländischen Genremalern wie Rembrandt, Steen und Vermeer anlehnen: Es herrscht in Chadwicks Film großes Gewusel und großes Geschrei in den Spelunken oder aber ein scheinbar gesittetes Miteinander von Kaufmännern mit weißem Kragen und ihren in edle Stoffe gehüllten Frauen. Allen Holländern gemein ist die Lust an der Spekulation: In Hinterzimmern von Wirtshäusern versuchen Fischhändler, Maler, Säufer und Huren durch die Spekulation mit Tulpen schnell zu Geld zu kommen, um ihre Lebensträume zu verwirklichen oder sich den nächsten Humpen Jenever leisten zu können. In den Kaufmannshäusern diskutiert man beim Gesellschaftsspiel darüber, wie viele Tulpenzwiebeln wohl ein Fohlen kosten solle.

Ein ungleiches Ehepaar: Cornelis Saandvort (Christoph Waltz) und seine junge Frau Sophia (Alicia Vikander) Bilderstrecke

Nur einer schaut dem wilden Treiben ungerührt zu, der Kaufmann Sandvoort. „Irrsinn“ sei das alles, sagt der Gewürzhändler. Pfefferkörner, Zimt, Muskat, Nelken, chinesisches Porzellan – „alles ist verlässlicher als Tulpenzwiebeln“. Doch Sandvoort ist ein Rufer in der wüsten Spekulation, seine Mahnungen bleiben unerhört. Lieber hören die Börsenlaien auf die Zwischenhändler, die ihnen im Film zuraunen: „Der Markt geht ständig rauf, da macht ihr nichts falsch.“

Tulpen im Wert von Häusern

Wie bei jeder Blase, wenn sie erst einmal geplatzt ist, werden im Nachhinein Hinweise auf eine Überhitzung ersichtlich. Im realen Amsterdam schossen die Preise für spezielle Tulpenzwiebeln binnen kurzer Zeit derart steil nach oben, dass sie dem realwirtschaftlichen Wachstum davoneilten. Wie der Historiker Mike Dash in seinem Buch „Tulpenwahn“ schreibt, stieg der Preis einer „Gheel en Root van Leyde“ binnen weniger Wochen um das Zwölffache, von 45 auf 550 Gulden.

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