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Spannungen mit Amerika : Türkische Lira fällt auf Rekordtief

Der Wert der türkischen Lira ist gegenüber dem Dollar so tief gefallen wie noch nie zuvor. Bild: Reuters

Die türkische Lira ist am Dienstag auf ein neues Rekordtief zu Dollar und Euro gefallen. Die Märkte reagieren auf neuerliche politische Unsicherheiten.

          Der Wechselkurs der türkischen Lira zu Dollar und Euro hat am Dienstag zeitweise den tiefsten Stand in seiner Geschichte erreicht. Für einen Euro wurden im Handel am Vormittag 4,6747 Lira gezahlt, und damit so viel wie noch nie. Im Handel mit dem Dollar wurde die Rekordmarke etwa zur gleichen Zeit mit 3,9776 Lira für einen Dollar erreicht. Einen Teil der Verluste konnte die Lira im Tagesverlauf aufholen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Als Auslöser für die Talfahrt gelten jüngste Äußerungen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zur künftigen Zinsentwicklung in der Türkei – sowie die Konflikte mit den Vereinigten Staaten. Der türkische Staatschef hatte sich zum wiederholten Male gegen höhere Leitzinsen ausgesprochen.

          Nach Einschätzung von Fachleuten des Frankfurter Bankhauses Metzler hat der Druck der Regierung in Ankara eine nur zögerliche Zinspolitik der türkischen Notenbank zur Folge. Dies sei eine wesentliche Ursache für den Verfall der Landeswährung. Schließlich ist die Inflation im Land längst zweistellig: Im Oktober betrug die Teuerung in der Türkei 11,7 Prozent. In der Eurozone lag sie im gleichen Monat bei lediglich 1,4 Prozent. Das Inflationsziel der türkischen Notenbank liegt bei 5 Prozent, trotzdem scheinen ihr Zinserhöhungen mangels politischer Unabhängigkeit nicht ohne weiteres möglich.

          Auch der Konflikt mit den Vereinigten Staaten hat offenbar zum Kursverfall der Lira beigetragen. Zuletzt entzündete sich die Kontroverse am Prozess gegen den türkischen Goldhändler Reza Zarrab, dem die Vereinigten Staaten einen Verstoß gegen die Iran-Sanktionen vorwerfen. Die Regierung in Ankara bezeichnete das Verfahren als „klare Verschwörung gegen die Türkei“.

          Der mehr oder minder kontinuierliche Niedergang der türkischen Währung steht dabei in einem auffälligen Spannungsverhältnis zu den überraschend starken Wachstumszahlen der Türkei: Das Bruttoinlandsprodukt könnte in diesem Jahr um mehr als 5 Prozent zulegen. Die längerfristigeren Gründe für den anhaltenden Verfall des Lira-Kurses sind nach Angaben von Metzler-Devisenfachmann Daniel Winkler das gestiegene Leistungsbilanzdefizit der Türkei sowie die volatilen Portfolioflüsse, also die schwankenden Investitionen von Ausländern in türkische Anleihen.

          Dahinter stehe natürlich auch die politische Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Präsidialsystem Erdogans, die internationale Anleger verschrecke. Das Leistungsbilanzdefizit der Türkei, also der Überschuss der Einfuhren über die Ausfuhren, habe 2016 rund 3,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausgemacht. Für dieses Jahr rechnet Metzler mit einem Prozentpunkt mehr, also 4,6 Prozent. Das Land muss beispielsweise fast seinen gesamte Energiebedarf durch Importe decken. Finanziert werde das Defizit zu erheblichen Teilen nicht als Direktinvestitionen, sondern über schwankende Portfolioflüsse. Zugleich seien sinkende Devisenreserven zu beobachten. Das berge Sprengstoff, meinte Winkler.

          Die Staatsanleihen der Türkei werden dabei in zwei verschiedenen Währungen begeben, in heimischer Lira und in amerikanischen Dollar. Nun wäre denkbar, dass sich die Spreads, also die Abstände der Renditen zwischen diesen beiden Typen von Anleihen, mit den starken Wechselkursverlusten der Lira wieder verengen. Das sei aber in letzter Zeit nicht zu beobachten gewesen, sagte Winkler: „Es gibt weder eine Einengung, noch eine Ausweitung der Spreads.“ Er deutet das so, dass die Risikoaufschläge gestiegen seien und die Wechselkursfolgen konterkariert hätten.

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