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Türkische Finanzmärkte : Biden stürzt türkische Lira in neue Krise

In der Türkei läuft es nicht rund. Bild: AFP

Der Streit mit Amerika um die osmanischen Massaker an Armeniern vor mehr als 100 Jahren und neue kritische Bemerkung des Zentralbankchefs zur Zinspolitik haben die Finanzmärkte der Türkei zum Wochenstart in Aufregung versetzt.

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          Die türkische Landeswährung Lira hat zu Wochenbeginn dramatisch an Wert verloren. Für einen Euro mussten 10,27 Lira gezahlt werden – so viel wie nie zuvor. Zum Dollar notiert die Lira mit 8,48 Lira nicht weit unter ihrem Tiefstand vom November mit 8,58. Auch an der Aktienbörse gaben die Kurse wie am Anleihemarkt zunächst weiter nach. Im Laufe des Tages konnten sich die Kurse dann wieder auf Vortagsniveau erholen: Gegen Mittag wurde der Dollar mit Kursen um 8,33 Lira, der Euro mit 10,06 Lira bewertet.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Am Markt wurden vor allem zwei Gründe für die von hoher Volatilität gezeichnete Entwicklung genannt: Die politischen Spannungen mit Amerika, wo Präsident Joe Biden am Wochenende die Massaker der Osmanen an den Armeniern vor 100 Jahren zur Empörung der Türkei als Genozid gebrandmarkt hatte sowie Äußerungen des neuen Zentralbankpräsidenten, wonach Zinserhöhungen schlecht für die Wirtschaft seien. Seitdem Sahap Kavcioglu vor einem Monat zum Gouverneur der Notenbank ernannt worden war, hat die Lira damit mehr als 20 Prozent ihres Wertes verloren.

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          Trotz der beeindruckenden Rally zu Jahresbeginn, als der erst im November ernannte damalige Zentralbankchef die hohe Inflation mit Leitzinserhöhungen bekämpft hatte, hat die Lira im Vergleich zu anderen Schwellenländerwährungen damit die schlechteste Entwicklung genommen. Die mit täglich mehr als 50.000 Neuinfektionen weiter angespannte Corona-Lage sowie Turbulenzen um zwei zusammengebrochene Krypto-Börsen mit Dutzenden Festnahmen, Kontensperrungen und mutmaßlich Verlusten in  Millionenhöhe halfen auch nicht, das angeschlagene Vertrauen in den Finanzstandort Türkei zu festigen.

          Zentralbankgouverneur Sahap Kavcioglu hatte am späten Freitag gesagt, dass er zwar die Geldpolitik vorerst straffen werde, aber jede Zinserhöhung eine schlechte Botschaft an die Realwirtschaft sende. „Wer ist zufrieden mit den hohen Zinsen?“, fragte er in seinem ersten Fernsehinterview als Gouverneur. An diesem Donnerstag wird seine erste Pressekonferenz erwartet.

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          Auch Präsident Recep Tayyip Erdogan lehnt hohe Zinsen ab. Den letzten Zentralbankchef feuerte er, nach dieser am 20. März den Leitzins um 2 Prozentpunkte auf 19 Prozent angehoben hatte. Seither haben internationale Investoren nach Daten der Zentralbank 2,4 Milliarden Dollar aus dem Land abgezogen. Die auch von der schwachen Währung befeuerte Inflationsrate lag zuletzt bei 16,2 Prozent, die amtliche Arbeitslosenquote dürfte mit 13,4 Prozent die wahre Lage auf dem Arbeitsmarkt allerdings stark unterzeichnen.

          Finanzanalysten erwarten, dass die Bank zur Jahresmitte mit einer Reduzierung der Zinssätze beginnen könnte. Andere mutmaßen, Kavcioglu könnte versuchen, den Kurs der Lira mit dem Verkauf von Devisenreserven zu stützen. Diese sind allerdings durch früher fehlgeschlagene ähnliche Versuche bereits stark geschmolzen.

          Die türkische Opposition hatte das zuletzt zum Thema gemacht, indem sich von der Regierung wissen wollte, wo 128 Milliarden Dollar Devisenreserven geblieben seien. Kavcioglu verteidigte den Verkauf angesichts der 2018 begonnen „Angriffe“ auf die Lira. Zu der Zeit hatte ein tiefer Streit mit den Vereinigten Staaten über die immer noch nicht geklärte Frage des Ankaufs russischer Raketensysteme durch den NATO-Partner Türkei zu einer politischen Krise geführt, die auf die Währung und Finanzlage ausstrahlte.

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