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Rating-Herabstufung : Erste Warnungen vor einer Finanzkrise in der Türkei

Präsident Recep Tayyip Erdogan: Moody’s hat „seine“ Türkei weiter heruntergestuft. Bild: AFP

Die Ratingagentur Moody’s hat die Türkei weiter heruntergestuft. Das Leistungsbilanzdefizit des Landes wächst und das Anlegerinteresse schwindet.

          In der Türkei steigen die Risiken, dass es zu einer Finanzkrise kommen könnte. Die Ratingagentur Moody’s hat deshalb die Kreditwürdigkeit des Landes weiter herabgestuft. Begründet wurde der Schritt mit der zunehmenden Schwächung der Institutionen, mit der schwindenden Wirkung der Geldpolitik und mit den Verzögerungen in den Strukturreformen. In einer Mitteilung warnte Moody’s vor der „gestiegenen Gefahr eines externen Schocks“. Schuld daran seien das hohe Leistungsbilanzdefizit und die wachsenden Auslandsschulden in einer Zeit zunehmender politischer Risiken und steigender Zinsen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          „Das Risiko einer Finanz- und Wirtschaftskrise in der Türkei ist real, und es ist hoch“, sagt auch Erdal Yalcin, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Hochschule HTWG in Konstanz. Die türkische Wirtschaft funktioniere derzeit nur, weil die Binnennachfrage mit staatlicher Hilfe gestützt werde und weil sich das Land im Ausland verschulden könne. Diese Spielräume würden aber kleiner, weil die Staatsausgaben nicht unendlich zulegen könnten und weil das Anlegerinteresse nachlasse, sobald in den Vereinigten Staaten und anderswo die Zinsen stiegen.

          Yalcin verwies darauf, dass die Inflation stark zugenommen habe, dass der Außenwert der Landeswährung Lira gesunken sei und dass sich zugleich das Handelsbilanzdefizit ausweite. Die Türkei ist von Energieimporten abhängig, die in Dollar bezahlt werden, und trotz der fallenden Lira wächst der Export weniger schnell als der Import. Das Defizit muss durch stärkere Zuflüsse aus dem Ausland finanziert werden. Das fällt immer schwerer, je schwächer die Währung ist und je höher die Zinsen im Ausland sind.

          Rating liegt nun im Ramschbereich

          Richard Grieveson, Türkei-Ökonom am Wiener Institut WIIW, ist weniger pessimistisch. Zum einen seien Ankaras öffentliche Finanzen in Ordnung: Von den 22 Ländern, die das WIIW regelmäßig untersucht, habe nur die Türkei geringere Schulden als 2007. Auch sei das längerfristige Wachstumspotential höher als in vergleichbaren Volkswirtschaften. Drittens sei das türkische Bankwesen belastbar, die Quote ausfallgefährdeter Kredite sei die zweitniedrigste unter allen untersuchten Ländern.

          Nach der Herabstufung durch Moody’s liegt die Bonität für langfristige Verbindlichkeiten der türkischen Zentralregierung jetzt bei „Ba2“, zwei Stufen tief im sogenannten Ramschbereich. Die Investitionsstufe, die ausschlaggebend für einige institutionelle Investoren ist, hatte die Türkei bei allen drei großen Ratingagenturen schon 2016 und 2017 nach dem Putschversuch und der Ausrufung des Ausnahmezustands verloren.

          Die neuerliche Herabstufung sei weit weniger bedeutsam als damals der Verlust des „Investment Grade“, findet Grieveson. Auch das hohe Leistungsbilanzdefizit und die Finanzierungsnotwendigkeiten im Ausland hält er für einen alten Hut. Neu und durchaus bedenklich seien indes die straffere Geldpolitik Amerikas, die jüngsten Ausschläge an den Finanzmärkten und die wachsenden geopolitischen Spannungen, vor allem jene zwischen Ankara und Washington.

          Inflation auf den höchsten Stand seit neun Jahren

          „Das Wirtschaftswachstum der Türkei ist derzeit zwar stark, aber es steht und fällt mit den externen Ungleichgewichten, und das verursacht klare Risiken“, urteilt Grieveson. Fraglich sei jedoch, ob diese Gefahren einträten. Viel hänge von der amerikanischen Inflation ab. Falls sie steige und die Notenbank Fed zu schnelleren Zinsanhebungen veranlasse, dann könnten türkische Unternehmen beim Verlängern ihrer Kredite in Schwierigkeiten geraten. Wenn aber die Fed ihre ultralockere Geldpolitik weiterhin nur behutsam aufgebe, dann könne die Türkei „noch jahrelang so weitermachen, ohne dass sich Risiken einstellen.“

          Auch Moody’s honoriert die gesunden Staatsfinanzen und das hohe Wirtschaftswachstum. Die Inflation sei aber auf den höchsten Stand seit neun Jahren gestiegen und notiere inzwischen doppelt so hoch wie das Zentralbankziel von fünf Prozent. „Die ausdrückliche Hinnahme einer hohen Teuerung zeigt die Ausrichtung auf ein kurzfristiges Wachstum, ohne die mittelfristigen Konsequenzen zu beachten“, schreiben die Fachleute. Die Arbeitslosenquote habe zuletzt zwar abgenommen, sie betrage aber noch immer 10 Prozent und sei unter Jugendlichen doppelt so hoch.

          Die „Erosion“ der Institutionen

          Moody’s beklagt zudem die „Erosion“ der Institutionen im Zuge des Ausnahmezustands und der Säuberungen vermeintlicher Drahtzieher des Putschversuchs von Juli 2016. Deutlich sichtbar sei „die Unterminierung der Autorität in der Rechtsprechung“. Etwa dadurch, dass ein Gericht politische Gefangene zu lebenslanger Haft verurteilt habe, obgleich das Verfassungsgericht deren Freilassung angeordnet hatte.

          Die Bonitätswächter beobachten eine „tiefe Spaltung in der türkischen Gesellschaft“ und sehen den Aufbau eines Präsidialsystems mit Sorge. Trete es in Kraft, dann gebe es nur noch begrenzte „Checks and Balances“, und die Berechenbarkeit der Politik nehme ab. Ungünstig sei auch die Entfremdung von der EU und von Amerika, worunter das Investitionsklima leide. Je mehr sich die Türkei im Krieg in Syrien engagiere, desto stärker werde das geopolitische Risiko. Der Tourismus nehme zwar Fahrt auf, bleibe aber anfällig für Rückschläge in der Politik und der Sicherheitslage.

          Zusammenfassend mahnt Moody’s: „Die Wahrscheinlichkeit ist zwar noch immer gering, dass es zu einer schnellen, störenden Umkehr ausländischer Kapitalflüsse kommt, zu einem schnelleren Niedergang der ohnehin ungenügenden Devisenreserven und, im schlimmsten Falle, zu einer Leistungsbilanzkrise. Aber die Möglichkeit hat seit unserer Einschätzung vor einem Jahr zugenommen.“

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