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Nach schlechtem Rating : Die Lira wertet wieder ab

Die Anwältin berichtet überdies von Fällen, in denen ausländische Unternehmen ihre türkischen Zulieferer übernommen hätten, um die eigenen Lieferverpflichtungen an Dritte aufrechterhalten zu können. „In Euro oder Dollar gerechnet sind die Preise für türkische Unternehmen stark gefallen“, sagt sie, „das ist für potentielle Käufer natürlich interessant.“ Alexander Popp, Partner der Kanzlei Schönherr, sieht wegen der günstigen Kosten ebenfalls „interessante Opportunitäten“, vor allem in der Autoindustrie und im elektronischen Handel. Möglicherweise würden Mischkonzerne gezwungen, ihr industrielles Exportgeschäft zu verkaufen, um mit den Devisenerlösen ihre Schulden zurückzuzahlen, etwa für Immobilien in der Türkei.

Politische Risiken bleiben

Den Chancen stünden allerdings politische Risiken gegenüber, gibt Wessel Heukamp, Partner bei Freshfields, zu bedenken: „Unter dem Regime Erdogan sind die Investitionstätigkeiten aus dem Westen nicht ohne Grund stark gesunken.“ Insgesamt haben türkische Privatunternehmen 340 Milliarden Dollar an Verbindlichkeiten in fremden Währungen aufgenommen. Das entspricht einem Drittel der Wirtschaftsleitung des Landes. Selbst abzüglich des Devisenvermögens sind es netto mehr als 220 Milliarden Dollar. Wenn diese Schuldner vorwiegend Lira-Einnahmen haben, fällt ihnen die Rückzahlung immer schwerer.

Viele Türken setzen deshalb auf die Neuverhandlung ihrer Kreditkonditionen. Fachleute schätzen, dass die großen Konglomerate derzeit Verbindlichkeiten von 24 Milliarden Dollar restrukturieren müssen. Die bekanntesten Fälle sind der Mischkonzern Doguş, der Süßwarenhersteller Yildiz und der Telefonbetreiber Otas.

Fusionen und Übernahmen um ein Fünftel gestiegen

Während sich diese Platzhirsche in starken Verhandlungspositionen gegenüber den Banken befinden, bleibt für viele kleinere Schuldner oft nur die Betriebsaufgabe – oder eben die Suche nach einem Käufer im Ausland. Konkrete Zahlen dazu gibt es nicht. Doch die allgemeinen Daten zum M&A-Geschäft weisen nach oben. Nach Angaben der Istanbuler Investmentgesellschaft Pragma hat das Transaktionsvolumen in der Türkei im ersten Halbjahr 2018 mehr als 8 Milliarden Dollar erreicht. Im gesamten Vorjahr waren es 10 Milliarden Dollar.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC teilt mit, dass die Zahl der Fusionen und Übernahmen 2017 um ein Fünftel auf 298 Fälle gestiegen sei. Das Volumen wuchs um 41 Prozent auf 10,3 Milliarden Dollar. Den Löwenanteil dazu trugen ausländische Investoren bei, ihr Engagement nahm um 45 Prozent auf 5,5 Milliarden zu. Die Hälfte brachten Europäer auf, wobei sie allerdings zum Teil als Zweckgesellschaften für Käufer aus anderen Regionen dienen.

Amerikanische Direktinvestitionen steigen trotz politischer Spannungen

Auch in der Gesamtschau der Direktinvestitionen bleiben die Europäer dominant. Von den 2,8 Milliarden Dollar, die im ersten Halbjahr 2018 in die Türkei flossen, stammten der Zentralbank zufolge 73 Prozent oder 2,1 Milliarden Euro aus der Europäischen Union. Insgesamt ist das Engagement aber verhaltener als früher. Im gleichen Zeitraum 2017 hatten die Europäer noch 3,3 Milliarden Dollar nach Kleinasien getragen, im Krisenjahr 2016 noch 2,3 Milliarden. Die Zuflüsse aus Deutschland sind von 184 Millionen Dollar im ersten Halbjahr 2016 auf 170 Millionen ein Jahr später und auf jetzt nur noch 108 Millionen geschrumpft.

Die Neuinvestitionen sind inzwischen geringer als aus den Vereinigten Staaten, die traditionell relativ schwach in der Türkei vertreten sind. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Regierung in Washington Ankara mit Sanktionen droht, wächst das amerikanische Engagement stark: Im ersten Halbjahr nahmen die Direktinvestitionen im Vorjahresvergleich um 175 Prozent auf fast 200 Millionen Dollar zu.

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