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Trumps Wechselkurs-Vorwurf : Manipuliert die EZB den Euro?

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt (Archivbild) Bild: dpa

Trump wirft den Europäern vor, den Wechselkurs des Euros zum Dollar zu drücken. Einige Ökonomen meinen: Ganz falsch liegt er damit nicht.

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          Donald Trump attackiert auch die Europäer mal wieder. „China, die EU und andere haben ihre Währungen manipuliert“, behauptete der amerikanische Präsident am Wochenende über den Kurznachrichtendienst Twitter. Der Dollar werde durch diese Manipulationen immer stärker. Das aber beeinträchtige die Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten – und könnte damit auch die Erfolge seiner Politik gefährden.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Unabhängig von Trumps Absichten mit solchen Äußerungen – ist da womöglich etwas dran? Haben beispielsweise die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) den Nebeneffekt, dass sie den Wechselkurs des Euros zum Dollar schwächen und den Europäern damit im Verhältnis zu den Amerikanern einen womöglich unfairen Wettbewerbsvorteil verschaffen?

          Nicht bestritten wird von den meisten Ökonomen, dass die Anleihekäufe der EZB zumindest tendenziell oder in bestimmten Phasen einen Einfluss auf den Wechselkurs von Euro und Dollar hatten. Mehr Zweifel gibt es hingegen daran, dass es sich dabei wirklich um eine Form bewusster „Manipulation“ handelt.

          „Ganz falsch liegt Herr Trump nicht, wenn er sagt, dass die Europäer den Euro manipulieren“, meint jedenfalls Christian Apelt, Devisenmarktstratege der Landesbank Hessen-Thüringen. Zumindest stehe der massive Euro-Dollar-Kursrückgang in den Jahren 2014 und 2015 im Zusammenhang mit dem Beginn des Anleihekaufprogramms der EZB.

          „Zwar hatte das Kaufprogramm sicherlich auch andere und wohl auch vordringlichere Ziele wie die Reduzierung der Anleiherenditen“, sagt Apelt. „Aber die Euro-Abwertung war vermutlich ein gern genommener Nebeneffekt.“ Die Einführung der negativen Einlagezinsen habe ähnliche Effekte gehabt. „Nun lässt die EZB aber ihr Anleihekaufprogramm bis Ende 2018 auslaufen, so dass die ,Währungsmanipulation’ der Europäer im engeren Sinne dem Ende entgegen geht“, sagt Apelt: „Trumps Vorwurf kommt eigentlich etwas spät.“

          Abgesehen davon habe die EZB nur die Schritte der amerikanischen Notenbank aus den Vorjahren nachvollzogen: „Das Kaufprogramm der Fed diente vorrangig der Reduktion des Renditeniveaus, aber auch die damit verbundene Dollar-Abwertung war ein willkommener Nebeneffekt“, meint Apelt. „Also ganz falsch liegt Herr Trump mit dem Manipulationsvorwurf nicht, aber die Vereinigten Staaten haben einige Jahre zuvor nicht anders agiert – zudem passt der Vorwurf gegenüber den Europäern vom Zeitpunkt zunehmend weniger.“

          „Dann ist jede Art der Geldpolitik Manipulation.“

          Andere Ökonomen haben noch mehr Zweifel, dass man von einer bewussten Manipulation sprechen kann, wenn die Abwertung des Euros nur ein Nebeneffekt der Geldpolitik war. Zumal die EZB stets hervorhebt, keine Wechselkurspolitik zu betreiben.

          „Geldpolitische Maßnahmen – Zinssenkungen und Anleihekäufe – wirken natürlich auch auf den Wechselkurs, das ist ein Teil des normalen geldpolitischen Transmissionsmechanismus“, sagt Joachim Fels, ökonomischer Berater der Fondsgesellschaft Pimco. „Wer mag, kann das Manipulation nennen – aber dann ist jede Art der Geldpolitik Manipulation des Wechselkurses.“

          Fels sagt, er würde es erst als Manipulation bezeichnen, wenn die Notenbank direkt durch Käufe anderer Währungen in den Devisenmarkt eingreife: „Und das haben weder die EZB noch die Fed noch die Bank von Japan in der jüngeren Vergangenheit getan.“

          Manipuliert Amerika auch?

          „Natürlich beeinflusst die Geldpolitik einschließlich der Anleihekäufe auch den Wechselkurs“, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg. Aber da die Geldpolitik der EZB gemessen am verhaltenen Inflationsdruck in der Eurozone nicht als übermäßig expansiv einzustufen sei, glaubt der Ökonom, könne man ihr nicht vorwerfen, sie „manipuliere“ den Wechselkurs.

          „Wenn überhaupt kann man eher auf Amerika schauen“, meint Schmieding. „Angesichts einer Kernrate der Verbraucherpreisinflation ohne Energie und Nahrungsmittel von zuletzt 2,3 Prozent ließe sich in den Vereinigten Staaten durchaus ein etwas rascheres Abschmelzen der Fed-Bilanz rechtfertigen – das würde den Kurs des Dollar sicherlich nicht schwächen.“

          Als „Ergebnis einer unterschiedlichen Geldpolitik“, nicht aber als „bewusste Manipulation“, sieht auch Timo Wollmershäuser, Ökonom am Münchner Ifo-Institut, den gegenüber dem Dollar geschwächten Euro. Er glaubt, wenn man sich die Kaufkraftparitäten anschaue, also die unterschiedliche Kaufkraft in Amerika und Europa, müsste der Euro eigentlich 1,30 Dollar kosten, und nicht 1,17 Dollar wie derzeit.

          Allerdings räumt er ein, dass die Einflussfaktoren auf Wechselkurse vielfältig und entsprechende Prognosen schwer seien. Von 2009 bis 2013 sei der Euro überbewertet gewesen, meint er. Mit dem Auslaufen der Anleihekäufe in Amerika und dem Beginn der Anleihekäufe in Europa habe sich das 2014 und 2015 geändert.

          Europa macht, was Amerika verlangt hat

          Ende 2016 mit der Wahl Trumps zum Präsidenten habe der Dollar dann in der Erwartung einer schuldenfinanzierten Ausgabenpolitik nochmal aufgewertet. Im Moment aber sei vor allem der Abstand im Zinsniveau bei zehnjährigen Staatsanleihen von rund 2,5 Prozentpunkten eine treibende Kraft zugunsten des Dollars.

          Es sei richtig, dass die großen Unterschiede der Geldpolitik der EZB und der amerikanischen Fed den Euro eher gedrückt und den Dollar gestärkt hätten, was Donald Trump missfalle, sagt Michael Heise, der Chefvolkswirt der Allianz. „Allerdings haben gerade die Amerikaner der EZB in den vergangenen Jahren nahegelegt, mehr zu tun, um das schwächliche Wirtschaftswachstum im Euroraum anzukurbeln – das ist durch gewaltige Anleihekäufe und Negativzinsen der EZB geschehen.“

          Wenn die EZB jetzt schneller und entschiedener eine Kehrtwende vollziehen sollte, würde das den Euro stärken, aber auch zur Verunsicherung an den Finanzmärkten und zu einer Konjunkturverlangsamung führen, meint Heise: „Ist es das, was Präsident Trump möchte?“

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