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Trotz Diesel-Skandal : Autoaktien haben ihren Reiz

Weltmarktführer. Wie lange noch? Bild: Victor Hedwig

Diesel-Skandal, Fahrverbot, Kartellverdacht – die Autobranche steckt in Schwierigkeiten. Doch zu Weltuntergangsstimmung besteht kein Anlass. Was sagen die Kurse?

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          Die Gefahr lauert in Halle 3.1 des Frankfurter Messegeländes. Dort wird in zehn Tagen im Rahmen der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) über die Mobilität der Zukunft diskutiert. In der „New Mobility World“ geht es um selbstfahrende Autos, Internet im Auto, grüne Städte und – Elektromobilität. Sie macht die deutsche Autoindustrie nervös, denn es ist keineswegs ausgemacht, dass die Hersteller auch in Zukunft global führend bleiben werden. Elektroauto-Pionier Tesla macht kräftig Druck.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So versuchen die deutschen großen drei – VW, Daimler und BMW – mit Milliardeninvestitionen sich auf die neue Zeit vorzubereiten. Mit ungewissem Ausgang. Der jahrzehntelange deutsche Vorsprung in der Motoren- und Getriebetechnik wird dann womöglich nicht mehr gefragt sein, das Spiel beginnt bei null. Elektromotoren sind weniger komplex, das können auch andere Hersteller gut hinkriegen. Und bei der künftig so wichtigen Batterietechnik müssen die Deutschen sogar einem Rückstand hinterherlaufen. Pessimisten denken schon an das Schicksal der Firma Nokia, die in kurzer Zeit vom unumstrittenen Marktführer bei Handys zum defizitären Übernahmekandidaten wurde, als die Smartphones aufkamen.

          „Die Stimmung der Anleger gegenüber Autoaktien ist negativ“

          All das ist natürlich noch keine Gefahr für dieses oder nächstes Jahr. Aber die ständige Debatte darüber verunsichert schon jetzt viele Anleger. Daimler ist noch immer die beliebteste Aktie in deutschen Depots. Doch nun sind Autoaktien keine solide, unerschütterbare Langfristanlage mehr, wie sie es jahrzehntelang waren. Und auch aktuell machen sie wenig Freude. Der Verdacht illegaler Absprachen der drei Platzhirsche steht im Raum, es drohen Strafen. Aber über allem schwebt die Dieseldebatte. Manipulationen bei den Schadstofftests und mögliche Fahrverbote in den Innenstädten belasten. Die Verkäufe von Diesel gehen zurück und die Hersteller müssen auf „Dieselgipfeln“ Abhilfe versprechen.

          Das treibt die Diskussion über die Elektroautos an, die die deutschen Hersteller gern noch etwas vertagt hätten. Immer mehr Produzenten kündigen eigene E-Mobile an, Ende 2019 dürfte die Zahl der Modelle stark zunehmen. Auch die Wahrnehmung der Kunden ändert sich. Bisher wurden Elektroautos wegen hoher Kosten, fehlender Ladestationen und niedriger Reichweite nicht ernstgenommen, doch bei allen drei Punkten erwarten Experten in den kommenden drei bis vier Jahren schnelle Fortschritte. Tesla gilt unter jungen Leuten mittlerweile als die bessere Marke als die deutschen Premiumhersteller BMW oder Daimler.

          BMW ST

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          Auch wenn sich die Debatte noch nicht in den aktuellen Verkaufszahlen für E-Autos niederschlägt, so werden die nötigen Investitionskosten schon bald die Bilanzen belasten. „Die Stimmung der Anleger gegenüber Autoaktien ist negativ“, resümiert Stephen Reitman, Autoanalyst bei der französischen Bank Société Générale in London. Es fehlt einfach ein Grund für wieder steigende Kurse.

          Die bisherige Bilanz des Jahres ist traurig: VW fünf Prozent im Minus, BMW zwölf, Daimler sogar 13 Prozent Kursverlust seit Januar – während der Dax insgesamt um sechs Prozent zulegte. Er wäre sogar noch stärker gestiegen, wenn die Autoaktien nicht auch den Gesamtindex belastet hätten. Immerhin stehen die drei Hersteller für 15 Prozent des Börsenwertes aller 30 Dax-Mitglieder.

          Mutige Anleger wittern auch immer eine Chance

          Der Kursrückgang setzte nicht erst mit der jüngsten Diesel-Debatte ein. Ihre mehrjährigen Höchststände hatten die Aktien schon 2015 erreicht. Nach einer kurzen Erholung geht es seit Januar 2017 wieder bergab. Die ständige Diskussion über die elektrische Zukunft des Autos ist dabei nur ein Grund. Mindestens genauso wichtig: der starke Euro. Denn er verteuert die deutschen Fahrzeuge auf den Exportmärkten. Hinzu kommt, dass sich die Wachstumsaussichten für den Sektor eintrüben.

          DAIMLER

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          „Der Auto-Aufschwung ist weltweit schon acht Jahre alt und damit länger als früher üblich. Die Verkäufe sind dabei im Jahr doppelt so stark gewachsen wie vor der Finanzkrise, die Luft für weitere Zuwächse ist dünn geworden“, warnt Jürgen Pieper, seit vielen Jahren Autoanalyst bei der Frankfurter Privatbank Metzler. „In Nordamerika sinken die Autoverkäufe sogar. In Europa und in China, dem großen Treiber der vergangenen Jahre, gibt es zumindest keine Anzeichen, dass das Wachstum zunimmt.“ Hinzu kommen steigende Rohstoffpreise, zum Beispiel für Stahl.

          Aber wenn die Stimmung schlecht ist, wittern einige mutige Anleger auch immer eine Chance. Schließlich sind die Aktien so günstig wie nie. „Deutsche Autoaktien sind derzeit im historischen Vergleich sehr niedrig bewertet, sie erscheinen billig“, sagt Stephen Reitman von der Société Générale. Bei Volkswagen ist das besonders auffallend. Der Kurs spiegelt nur noch etwa die Hälfte des Buchwertes wider, das gibt es sonst in der Regel nur bei Unternehmen, die Verluste machen (und bei Banken). Davon ist VW aber weit entfernt, im zweiten Quartal 2017 verdienten die Wolfsburger 4,5 Milliarden Euro, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

          „Ich finde die Diesel-Diskussion übertrieben.“

          Auch am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zeigt sich, wie günstig Autoaktien sind. VW hat nur ein KGV von knapp fünf, das heißt der Aktienkurs spiegelt nur das Fünffache des für Ende 2018 erwarteten Gewinns wider. BMW und Daimler haben ein KGV von rund sieben. Das ist weit unter den früheren Niveaus und auch deutlich unter dem Durchschnitt der anderen Dax-Werte, der bei 13 liegt.

          Locken da also ein paar Schnäppchen? „Die Stimmung ist insgesamt zu pessimistisch. Die deutsche Autobranche wird nicht untergehen, die Geschäftszahlen zum zweiten Quartal waren ordentlich“, sagt Analyst Reitman. In der Tat, die Autobauer verbuchten von April bis Juni Milliardengewinne. Es gibt ein paar weitere Anzeichen, die die Weltuntergangsstimmung relativieren. So ist die Profitabilität vieler Hersteller auf einem Rekordstand, selbst bei VW sieht es gut aus, trotz der Lasten, die aus dem Diesel-Skandal entstanden sind. Außerdem gilt: Die deutschen Automobilhersteller sind finanziell sehr gut ausgestattet, sie sind also gerüstet für den anstehenden Wandel in der Branche. „Die Konzerne haben starke Bilanzen und erzielen jedes Jahr drei bis vier Milliarden Euro Barmittel“, betont Jose Asumendi von der amerikanischen Investmentbank JP Morgan.

          VOLKSWAGEN VZ

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          So relativieren sich auch die Belastungen aus der Diesel-Diskussion, etwa durch die vereinbarten Software-Updates, den Mobilitätsfonds, die Rabatte für Autokäufer und mögliche Kartellstrafen. „Ich finde die Diesel-Diskussion übertrieben. Die finanziellen Folgen daraus werden durch die immer noch gute Nachfrage kompensiert“, sagt Asumendi. Er weist darauf hin, dass zum Beispiel Daimler 2016 eine Kartellstrafe von einer Milliarde Euro wegen jahrelanger illegaler Absprachen bei Lastwagen zahlen musste. Das ist die höchste jemals verhängte Kartellstrafe der EU. Daimler konnte die Strafe aber ohne Mühe zahlen.

          Für die Autoaktien sprechen auch weiterhin die hohen Dividenden, der „Zins für Aktien“, wenn man so will. Die Dividendenrenditen, die die Ausschüttungen ins Verhältnis zum Aktienkurs setzen, liegen bei attraktiven etwa fünf Prozent für BMW und Daimler, nur VW fällt mit der Hälfte etwas ab.

          Gefahr durch die Grünen

          Als Favorit der Analysten gilt derzeit BMW. Im August empfahlen 53 Prozent von ihnen den Titel zum Kauf. Bei VW waren es 46 Prozent, bei Daimler nur 42 Prozent. „Aus unserer Sicht ist BMW unter den deutschen Herstellern am besten auf die E-Mobilität vorbereitet, da das Unternehmen wertvolle Lektionen aus der Marktreaktion auf das Modell i3 gelernt hat,“ sagt Stephen Reitman von der Société Générale. Das Stromauto i3 erfüllt bisher zwar nicht die Erwartungen.

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          Das könnte sich aber ändern, weil nun die Reichweite deutlich verlängert wird. Volkswagen hat durch die schiere Größe als zweitgrößter Hersteller der Welt einen großen Hebel, die Kosten zu senken und macht das auch erfolgreich. Aber bei Elektroautos ist VW etwas im Rückstand. Daimler war die erfolgreichste Autoaktie der vergangenen Jahre, wird aber 2018 kaum neue Modelle in hohen Stückzahlen präsentieren.

          Alle Hersteller warten nun gespannt auf die Bundestagswahlen. Kommen die Grünen in die Regierung, könnte die Diesel-Debatte an Schärfe zulegen und die Auflagen könnten härter und teurer werden. Ohne die Grünen ist vielleicht sogar hier mit einer Entspannung zu rechnen. So könnten die Autoaktien zumindest mal wieder einen kleinen Schub erhalten.

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