https://www.faz.net/-gv6-9rfym

Traditionsunternehmen : Der heiße Kampf um Osram

Geht Osram ein Licht auf? Bild: Reuters

Zwei Gruppen streiten um die Traditionsfirma Osram. Der Countdown läuft, jetzt haben die Aktionäre das Wort.

          3 Min.

          Der Countdown läuft. Wenige Tage noch, dann entscheidet sich, wie es mit dem Traditionsunternehmen Osram weitergeht. Wenige Tage, in denen sich die Aktionäre des Lichtkonzerns entscheiden müssen, ob sie das Angebot des österreichischen Sensorherstellers AMS annehmen und ihm ihre Aktien für den Stückpreis von 38,50 Euro andienen. Oder ob sie die Offerte der amerikanischen Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle Group von 35 Euro je Aktie annehmen. Oder ob sie bis zum 1. Oktober nichts tun, so dass die von AMS gerade auf 62,5 Prozent gesenkte Mindestannahmequote verfehlt wird und diese Übernahme im Volumen von 4,2 Milliarden Euro platzt.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bloß nicht, meint AMS-Chef Alexander Everke: „Es wäre falsch, wenn es nicht klappen würde.“ Es biete sich „die unglaubliche Chance, einen europäischen Champion zu schaffen“. Dass Osram, das seine Gewinnprognosen zwischen März 2018 und Frühjahr 2019 drei Mal senken musste, von allein wieder zurück zu alter Stärke findet, bezweifelt Everke. Vielen Profi-Investoren geht es ähnlich.

          Ob genügend Aktionäre die Botschaft hören und den Verlockungen erliegen? Was die Profi-Anleger angeht, so haben die Österreicher nach einer zweiwöchigen Reise um die halbe Welt angeblich durchweg positive Reaktionen erhalten. Öffentlich halten sich die Investoren aus der höchsten Gewichtsklasse noch zurück. Man könne und wolle sich nicht äußern, heißt es vom Vermögensverwalter Allianz Global Investors (AGI), mit fast zehn Prozent Anteil der größte Osram-Aktionär. Das schon Anfang Juli eingereichte Angebot von Bain und Carlyle hat AGI bereits rundweg abgelehnt.

          Einige Zweifel

          An Empfehlungen, das Angebot der Österreicher anzunehmen, mangelt es nicht. Doch sind sie oft mit Vorbehalten verbunden. Vorstand und Aufsichtsrat von Osram raten ihren Aktionären zwar, die Offerte anzunehmen, allerdings nur mit viel Weh und Ach. Wie das künftige Geschäft aussehen soll, an welchen Standorten wie gearbeitet wird und wie Synergien von 300 Millionen Euro im Jahr erzielt werden sollen, daran gibt es einige Zweifel. Auch Marktbeobachter sind hin- und hergerissen. Die Nord / LB beispielsweise rät Osram-Aktionären, das Angebot anzunehmen – „sofern Bain und Carlyle nicht noch nachbessern“, wie der zuständige Analyst Wolfgang Donie sagt. Das Angebot der Amerikaner biete Osram schließlich „mehr unternehmerischen Spielraum“.

          Es wird gemunkelt, dass Bain gemeinsam mit dem Finanzinvestor Advent als neuem Partner bis zum 1. Oktober ein besseres Angebot machen könnte als AMS. Damit würde sich der Übernahmekampf verlängern. Ein absehbar größeres Risiko liegt für die Österreicher darin, dass Osram-Aktionäre die Frist tatenlos verstreichen lassen. Zumindest kurzfristig würden sich die Anteilseigner damit wohl selbst schaden. Ist doch davon auszugehen, dass der Osram-Aktienkurs, der sich erst durch die Übernahmeangebote erholte, nach einem Scheitern wieder deutlich fiele.

          Es gibt genügend wankelmütige Aktionäre

          Auf der Zielgeraden mobilisiert AMS alle Kräfte, um gleichgültige oder wankelmütige Osram-Aktionäre für sich zu gewinnen. Alles unter dem Motto: Gemeinsam sind wir stark – und viel stärker als der Rest. „Wir können künftig Märkte erschließen, die Osram und AMS allein gar nicht erschließen könnten“, sagt AMS-Chef Everke. Dass es eine praktische Logik hat, führende Firmen der Lichterzeugung und der Lichtsensorik zusammenzuführen, zeige sich bei Smartphones und Autos. Osrams Micro-LED, die Handydisplays mit wenig Strom zum Strahlen bringen, gepaart mit unsichtbar integrierten AMS-Sensoren beispielsweise zur Gesichtserkennung, wäre eine Technologie, die wohl ihresgleichen sucht. Auch bei den Autos könnten Lampen und Sensoren künftig eins werden.

          OSRAM LICHT AG NA O.N.

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          So stark die Technik erscheint, so schwach ist derzeit der Markt dafür. Verbraucher kaufen nicht mehr so viele neue Smartphones, sondern bleiben ihren alten Geräten länger treu. Und die Absatzschwäche von Automobilherstellern ist hinreichend beschrieben. Dass das Wachstum in den beiden Branchen mau ist, ficht den AMS-Chef im Gespräch mit der F.A.S. nicht an. „Für uns ist das positiv“, behauptet Manager Everke: „Unsere Kunden suchen nach hochtechnologischen Möglichkeiten, damit sich ihre Smartphones oder Autos von Mitbewerbern abheben.“

          In den vergangenen drei Jahren ist der Sensorik-Spezialist zwar stark gewachsen. Trotzdem betragen seine Umsatzerlöse nur rund ein Drittel von Osram. Das bedeutet: Die kleinere Firma aus dem 6000-Seelen-Ort Premstätten bei Graz will sich die größere aus München einverleiben. Gegen diese David-Goliath-Situation läuft der Osram-Betriebsrat Sturm. Ihm missfallen nicht nur der geplante Abbau von Hunderten Stellen am Stammsitz und der vorgesehene Verkauf der Digitalsparte, sondern er findet den ganzen Übernahmeversuch von AMS „selbstgefährdend“. Über so viel vergiftete Fürsorge kann sich Everke nur wundern: „Unser Führungsteam ist erfahren, es weiß, wie man eine Transaktion stemmt.“ Es wäre nicht die erste, aber die größte.

          Die Finanzierung der Übernahme ist weitgehend durchgeplant. Zur Refinanzierung der Kredite soll eine Kapitalerhöhung über 1,5 Milliarden Euro dienen. So etwas kommt bei Aktionären gewöhnlich nicht gut an, weil ihre Anteile verwässert werden. Aber laut Everke gab es „positive Rückmeldung“: „Wir glauben, dass wir die Kapitalerhöhung durchkriegen.“

          Bleiben die Osram-Aktionäre. Bei allen Wackelkandidaten kann sich AMS auf einen verlassen – auf sich selbst. Die Österreicher kaufen eifrig Osram-Aktien, haben nun einen Anteil von drei Prozent. Fehlen also noch 60 Prozent.

          Weitere Themen

          Bezahlen in Zeiten von Corona

          Schub für die Karte : Bezahlen in Zeiten von Corona

          Durch die Krise ändern sich auch unsere Gewohnheiten, was unser Verhalten an der Kasse angeht. Es wird immer häufiger kontaktlos gezahlt, dagegen wird Bargeld lieber gehortet.

          Weiter stabil erwartet

          Aktenmärkte : Weiter stabil erwartet

          Der Aktienmarkt scheint sich am Mittwoch weiter zu stabilisieren und endlich einmal keine großen Sprünge machen zu wollen. Was hilft, ist die Kraft der Ignoranz.

          Topmeldungen

          In der indischen Stadt Ahmedabad nimmt ein Arzt einen Abstrich von einem möglicherweise erkrankten Patienten.

          Indien : Die Apotheke der Welt öffnet ihre Tür

          Nach den Drohungen des amerikanischen Präsidenten exportiert Indien nun doch wichtige Corona-Medikamente an bedürftige Länder. Die Tür zur Apotheke der Welt ist aber nur einen Spalt breit geöffnet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.