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Traditionsbank unter Druck : Das Leid der Fürsten

Hilft striktes Kostenmanagement tatsächlich, schwierige Zeiten zu überstehen ? Der traditionsreichen Fürstlich Castell’schen Bank macht die Niedrigzinsphase besonders zu schaffen.

          Wenn die älteste Bank Bayerns Filialen schließt, dann ist das mehr wert als eine Randbemerkung. Die Fürstlich Castell’sche Bank, die von Würzburg aus ein Filialnetz in Franken betreibt und in ganz Deutschland eine gehobene Kundschaft in der Vermögensverwaltung betreut, gehört zwar zu den eher kleinen Privatbanken Deutschlands – aber doch zu denjenigen mit einer großen Tradition und einem nicht minder hohen Anspruch. Jetzt ist sie offenkundig eines der Institute, die spürbar unter der Niedrigzinsphase leiden – und das hängt mit den Besonderheiten ihres Geschäftsmodells und gerade auch mit ihrer Geschichte zusammen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gegründet wurde die Bank im Jahr 1774, um Bauern aus Franken unter dem Schutze des alten Adelsgeschlechts – Ahnherren derer zu Castell tauchten erstmals 1057 in den Archiven auf – in schwieriger Zeit mit Kredit zu versorgen. Die Bank vergleicht sich deshalb gern auch mal mit den Raiffeisenbanken und ihrer Idee der Hilfe zur Selbsthilfe für die Landwirtschaft.

          Bis heute gehört das Institut den beiden adeligen Familien Castell-Castell und Castell-Rüdenhausen, die sich 1803 durch eine Erbteilung in die beiden Linien aufgespalten hatten. Eine weitläufige Verwandtschaft ergibt sich auch zur fränkischen Bleistift-Dynastie Faber-Castell, die 1898 durch die Hochzeit eines Vorfahren mit der Freiin Ottlilie von Faber entstanden war. Während die Bank gern die Bleistifte der Faber-Castells benutzt, schenkt die Bleistift-Linie bisweilen den Wein der Bank-Inhaber aus, und die Bank wiederum nutzt auch schon mal das Schloss der Bleistift-Fabrikanten.

          Wenn es um Geld geht, herrscht Misstrauen

          Aus der Geschichte der Bank ergibt sich eine starke Einlagenlastigkeit. Die Bank nutzte die Filialen, um Spareinlagen einzusammeln und diese dann an regionale Unternehmen als Kredit auszureichen. In der Finanzkrise war es ein großer Vorteil, hohe Einlagen zu haben, erinnern sich Eigentümer und Vorstandsmitglieder. Damals liehen sich die Banken aus gegenseitigem Misstrauen nur ungern über Nacht Geld. Regional verwurzelte Institute mit großen Einlagen waren die Könige. Heute aber versuchen viele Banken, sich die Einlagen vom Hals zu halten. Wer Überschüsse bei der Europäischen Zentralbank hält, zahlt dafür 0,4 Prozent Negativzinsen. Je weniger man davon hat, desto besser.

          Zugleich gibt es diverse Gründe, warum das Kreditgeschäft nicht mehr so attraktiv ist. Weil alle Banken versuchen, möglichst wenig Geld bei der EZB zu halten, können sich die Kreditnehmer die Angebote aussuchen. Mancher Bank sei es lieber, Kredite zu einem Prozent auszureichen, als 0,4 Prozent bei der EZB zu zahlen, berichten die Manager der Fürstlich Castell’schen Bank. Aber solche Kredite seien langfristig nicht kostendeckend, da mache man nicht mit. Ähnlich wie es nicht sinnvoll gewesen sei, dass manche Banken seinerzeit kostenlose Girokonten eingeführt hätten. Wenn man Kunden erst einmal an unrealistische Preise gewöhnt habe, sei es schwer, später wieder mehr von ihnen zu verlangen.

          In der Gewinn-und-Verlust-Rechnung fürs vergangene Jahr sieht man, dass sowohl der Zins- als auch der Provisionsüberschuss der Bank zurückgegangen ist. Die Bank hatte schon in den vergangenen Jahren versucht, ihre Einnahmen aus Wertpapier-Provisionen zu steigern. Der Anteil hatte auch schon zugenommen. Offenbar gibt es aber auch da Grenzen; unter anderem durch die aufwendigen Dokumentationsvorschriften in der Wertpapierberatung für Privatkunden etwa beim Telefonverkauf scheint sich das Wertpapiergeschäft nicht beliebig steigern zu lassen. Die traditionelle Kundschaft der Bank ist aber wohl auch eher konservativ und etwas vorsichtig, was Aktien angeht.

          Was sich hinter „sonstige betriebliche Aufwendungen“ verbirgt

          Der Jahresüberschuss konnte zwar um rund ein Fünftel auf 2,82 Millionen Euro gesteigert werden. Dahinter steckten aber vor allem niedrigere „sonstige betriebliche Aufwendungen“: die Kosten für einen spektakulären Betrugsfall, die verarbeitet werden mussten. Ein (leitender) Mitarbeiter der Bank hatte unter anderem Wertpapiere auf dem Farbkopierer vervielfältigt und als sogenannte „Tafelgeschäfte“ mit „effektiven Stücken“ an Kunden verkauft. Möglicherweise waren auch die Motive der Kunden, diese Geschäfte einzugehen, nicht in jedem Fall über alle Zweifel erhaben.

          Der Mann wurde verurteilt, und die Bank übernahm zumindest einen Teil des Schadens für ihre Kunden. 5,6 Millionen Euro wurden 2017 als Aufwendungen verbucht und noch mal 1,8 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Viel Geld also; ob die Bank später vom Verantwortlichen womöglich etwas zurückholen kann, ist zumindest unklar.

          Was aber bedeutet es strategisch für eine einlagenlastige Bank wie die Fürstlich Castell’sche, wenn die Zinsen jetzt auf sehr lange Zeit sehr niedrig bleiben sollten? Im Augenblick setzt sie offenbar auf striktes Kostenmanagement. Drei Filialen wurden Anfang dieses Jahres geschlossen. Und wohin die Reise für das übrige Filialnetz gehe, werde man sich anschauen müssen, deutete Vorstandsmitglied Klaus Vikuk an.

          Ein neuer „Generationenfonds“ solle die traditionell konservative Ausrichtung der Anlagestrategie der Bank um ökologische und ethische Aspekte bereichern, sagte Vorstandsmitglied Pia Weinkamm. Als Inhaber sprachen Ferdinand Fürst zu Castell-Castell und Otto Fürst zu Castell-Rüdenhausen zwar von „robusten Ergebnissen in schwierigem Umfeld“. Der Vorstandsvorsitzende Sebastian Klein skizzierte aber auch seine Vision: Wenn mit Fremdkapital für Unternehmen, also Krediten, in einem dauerhaften Niedrigzinsumfeld nicht mehr viel zu verdienen sei, müsse die alte Bank eben einen neuen Schwerpunkt setzen – sie müsse den Unternehmen Eigenkapital anbieten, also Aktien.

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