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Tilgung besteuert : Quellensteuer nach polnischer Art

Es grünt in Warschaus Innenstadt. Mancher Anleger ist Warschau indes nicht grün. Bild: dpa

Böse Überraschung für einen deutschen Anleger. Polen erhebt Steuern nicht nur auf die Zinsen, die es für Staatsanleihen zahlt, sondern auch gleich für die Tilgung.

          Der deutsche Anleger ist viel zu vorsichtig. Zum einen scheut er die Risiken von Aktien, zum anderen traut er sich nicht ins Ausland. Doch leider gibt es immer wieder Einzelfälle, die vom Kauf ausländischer Wertpapiere abhalten. Ein Anleger, dessen Name der Redaktion bekannt ist, hat mit polnischen Staatsanleihen eine Enttäuschung erlebt, die er zum Zeitpunkt des Erwerbs nicht auf der Rechnung haben konnte.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der polnische Fiskus erhob bei der Tilgung der Staatsanleihen zum 25. April 2015 auch auf die Tilgungssumme die Quellensteuer von 20 Prozent. Das war ein Betrag von mehr als 4000 Euro, wodurch die Anlage trotz des Zinsvorteils zu einem Verlustgeschäft wurde. Als er die Abrechnung seiner Wertpapierplattform S-Broker in den Händen hielt, staunte der Anleger nicht schlecht.

          Nur wer vorab befreit ist, zahlt nicht

          Als er nachfragte, bekam er folgende Antwort von dem Sparkassen-Broker: „Eine Bemessung der polnischen Quellensteuer am tatsächlichen Ertrag erfolgt nur dann, wenn die umfangreichen Vorschriften des Staates Polen hinsichtlich einer möglichen Vorabbefreiung erfüllt sind. Werden diese Vorschriften nicht erfüllt, wird speziell bei Tilgungen von polnischen Schatzwechseln und Staatsanleihen der gesamte Zuflussbetrag mit Quellensteuer belastet.“

          Auf Anfrage dieser Zeitung bestätigt der S-Broker diese Auskunft mit dem Hinweis, dass sich bezogen auf den konkreten Kundenfall das Verfahren zur Berechnung der Steuerermäßigung auf Schatzwechsel und Staatsanleihen mit Wirkung zum 1. Juli 2014 geändert habe. Die Staatsanleihen des Anlegers lagen bei der polnischen Bank Handlowy, der Abwicklerbank für den Zentralverwahrer Clearstream, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Börse.

          Alle Verantwortung liegt beim Kunden

          Die Regelungen des polnischen Staates sind für Privatanleger abschreckend. Der von der Quellensteuer betroffene Anleger wandte sich in seiner Angelegenheit an Steuerberater, an die Finanzaufsicht Bafin und an das Bundeszentralamt für Steuern. Doch die erhoffte Unterstützung in seiner Angelegenheit blieb aus. Seine bittere Erkenntnis: „Da selbst Steuerberater daran scheitern, einen so offensichtlichen Anspruch einzufordern, kann ich Privatanleger nur davor warnen, polnische Staatsanleihen bis zur Endfälligkeit zu halten.“

          Ein S-Broker-Sprecher wies darauf hin, dass es sich hier um einen sehr seltenen Fall handele. Unter den Kunden des Wertpapierdienstleisters sei das Problem der Quellensteuer auf die Tilgung so gut wie gar nicht verbreitet. Eine Nachfrage dieser Zeitung unter Anlegerschutzvereinigungen und auf Kapitalanlagen spezialisierten Anwälten ergab eine ähnliche Einschätzung.

          Der S-Broker bietet weder eine Quellensteuer-Vorabbefreiung noch einen Service zur Rückerstattung an. „Die Verantwortung für steuerliche Belange liegt allein in Kundenhand“, erklärte der S-Broker-Sprecher. Auf Anfrage werde den Kunden die für das Erstattungsverfahren notwendigen Dokumente zur Verfügung gestellt, die sie nicht eigenständig einfordern könnten.

          Eine solche Antwort des S-Brokers hat der Anleger nun erhalten, und die ersten Zeilen lesen sich alles andere als ermutigend: „Um die polnische Quellensteuer erstatten lassen zu können, bedarf es erheblichen Aufwands, welcher auch mit erheblichen Kosten verbunden ist.“ Da viele Formulare in die polnische Sprache übersetzt werden müssen, kann der Aufwand schnell 1000 Euro übersteigen. Allein eine Zahlstellenbestätigung über die einbehaltene Steuer, das sogenannte Formular ZPP-1 in polnischer Sprache, kostet 500 Euro. Hinzu kommt noch die Mehrwertsteuer.

          Nach Angaben des S-Brokers erheben externe Stellen diese Gebühren. Diese reicht der Wertpapierdienstleister an den Kunden weiter. Wie lange der Prozess dauert, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen. Es ist aber nachvollziehbar, wenn Privatanleger nach diesen Erfahrungen Wertpapierkäufe im Ausland, sogar in EU-Mitgliedsländern scheuen.

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