https://www.faz.net/-gv6-9jcv2

Hauptversammlung : Thyssen-Krupp-Aktionäre zweifeln an den Konzernplänen

  • Aktualisiert am

Der Stahlkonzern Thyssen-Krupp will unter anderem seine Aufspaltung vorantreiben. Bild: dpa

Thyssen-Krupp-Chef Guido Kerkhoff will den Konzern aufspalten und so das Geschäft auf Rendite trimmen. Nicht nur Kleinaktionäre äußern auf der Hauptversammlung große Zweifel an den Plänen.

          Ein Jahr vor der Abstimmung über die geplante Konzernaufspaltung muss Thyssen-Krupp-Chef Guido Kerkhoff bei den Aktionären noch viel Überzeugungsarbeit leisten. „Mit der Aufspaltung in ein Werkstoffgeschäft und ein Industriegütergeschäft und dem Glauben daran, dass dadurch alles von allein besser wird, ist es nicht getan“, kritisierte Winfried Mathes von Deka Investment am Freitag auf der Hauptversammlung in Bochum. „Wie die Zahlen des abgelaufenen Geschäftsjahrs zeigen, ist Wettbewerbsfähigkeit das Hauptthema“, fügte er hinzu. Kerkhoff kündigte an, die Sparten auf Vordermann und das Stahl-Joint-Venture mit Tata Steel in trockene Tücher zu bringen.

          “Nach der Teilung werden wir mittelfristig deutlich höhere Ergebnis-, Cash- und Wertbeiträge erzielen“, betonte der Manager vor den rund 1200 Anlegern im RuhrCongress. „Damit sollten dann wieder höhere Dividenden möglich sein.“ Kerkhoff war viele Jahre Finanzchef bei Thyssen-Krupp, bevor er im vergangenen Sommer die Nachfolge des im Streit mit Investoren zurückgetretenen Heinrich Hiesinger übernahm. Nun kündigte er an, der Fokus liege auf drei Themen:

          Er werde die Schlagkraft der Geschäfte verbessern, das Stahl-Joint-Venture mit Tata vorantreiben und die Aufspaltung des Konzerns umsetzen. Kerkhoff will das Unternehmen in einen Industriegüter-Konzern und einen Werkstoff-Konzern aufteilen. Zur Industrials AG sollen neben den Aufzügen das Autozuliefergeschäft und der Kernanlagenbau gehören. In der Materials AG sollen der Werkstoffhandel, die Anteile des Konzerns am Stahl-Joint-Venture mit Tata und das Marinegeschäft gebündelt werden. „Die Teilung reduziert die Komplexität und macht uns schneller und flexibler“, betonte Kerkhoff. „Getrennt sind wir stärker.“

          Die Skepsis ist im Saal nicht zu überhören

          Doch die Skepsis war im Saal nicht zu überhören. Der Geschäftsführer des Aktionärsschützerverbandes DSW, Thomas Hechtfischer, erinnerte an die hohen Kosten der Aufspaltung. Thyssen-Krupp hat erklärt, dass die Belastungen im „höheren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich“ liegen werden. „Das ist schon ein dickes Pfund, das Sie schultern müssen“, sagte Hechtfischer. Ein anderer Redner monierte: „Sie haben zu sehr den Markt aus den Augen verloren und sich zuviel mit sich selbst beschäftigt.“

          Rückschläge könne es weiter geben, machte Kerkhoff deutlich. So habe die Autozuliefersparte zwar gute Wachstumschancen. „Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die Autokonjunktur nicht noch stärker eintrübt.“ Das Auftaktquartal werde insgesamt schwächere Ergebnisse zeigen als im Vorjahreszeitraum, räumte er zudem ein. „Wir liegen aber voll im Rahmen unserer Guidance.“

          Der Konzern legt am 12. Februar die Zahlen für das erste Vierteljahr des Geschäftsjahres 2018/19 (per Ende September) vor. Im Gesamtjahr will man im fortgeführten Geschäft, das heißt ohne Stahl, ein bereinigtes Ebit von über eine Milliarde Euro nach zuvor 706 Millionen Euro eingefahren.

          Der in den vergangenen Monaten schwächelnde Kurs der Aktie legte am Freitag zeitweise um mehr als fünf Prozent zu. „Keine negativen neuen Nachrichten sind gute Nachrichten“, sagte ein Händler. „Die Leute sind erleichtert, dass das Ergebnis im Rahmen der Erwartungen blieb und sich die Lage nicht noch weiter eingetrübt hat“, ergänzte ein anderer. Die aktuellen Kursgewinne können aber über die schwache langfristige Entwicklung der Aktie nicht hinwegtäuschen:

          THYSSENKRUPP

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Wer seit zehn Jahren Aktionär des Stahlkonzerns ist, hat in dieser Zeit aus einer Anlagesumme von beispielsweise 10.000 Euro gerade einmal 10.890 Euro machen können. Und wer in den beiden vergangenen Jahren meinte, mit Thyssen-Krupp Geld verdienen zu können, sieht beim Blick in das eigene Depot, dass dies eine kostspielige Fehleinschätztung mit hohen Verlusten war. Aus 10.000 Euro wurden auf Sicht der vergangenen zwei Jahre 6.604 Euro.

          Da hilft es auch wenig, dass die Aktie derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11 günstig bewertet ist und der Konzern die Dividende unverändert bei 15 Cent je Aktie belassen möchte. Analysten sind ebenfalls gespalten. Während Jefferies in einer jüngeren Studie zum Kauf der Aktie rät und ein Kursziel von 23 Euro sieht, reicht es bei den Experten von Barclays Capital in einer Studie vom Dezember 2018 nur zur Empfehlung „verkaufen“  mit einem Kursziel von 14,50 Euro. Angesichts der Rezessionsrisiken sei eine gewisse Vorsicht im Sektor der zyklischen Investitionsgüter angebracht, schrieb damals Lars Brorson von dem Analystenhaus.

          Für viele ist Thyssen-Krupp nicht nur ein Investment

          Derweil bemühte sich Thyssen-Chef Kerkhoff sich bei dem Treffen in der vom Strukturwandel gebeutelten Ruhrgebietsstadt, die Anleger nicht nur mit Zahlen und Versprechen zu überzeugen. „Ich weiß: Für viele hier im Saal ist Thyssen-Krupp mehr als ein Investment.“ Viele hätten früher für Thyssen, Krupp oder Hoesch gearbeitet. „Viele von Ihnen stammen aus dem Ruhrgebiet. Und viele sind unserem Unternehmen schon seit Jahren oder Jahrzehnten eng verbunden. Das eint uns. Auch für mich ist Thyssen-Krupp mehr als eine Aufgabe.“

          Der Niedersachse kam damit bei den meisten Rednern gut an. „Ich bin sicher, dass Kerkhoff der richtige Mann ist“, sagte ein Kleinaktionär. Nach den Chaostagen des vergangenen Jahres sei es nun wichtig, dass Ruhe einkehre, betonte ein anderer Redner. „Ruhe ist erste Aktionärspflicht.“ Niemand wolle ein Scherbengericht. Kerkhoffs Vorgänger Hiesinger bekam hingegen wegen der kassierten Abfindung von mehr als vier Millionen Euro sein Fett weg. „Man kann nicht Wasser predigen und Wein trinken“, beklagte ein Redner. Die Abfindung sei viel zu hoch. „Es hat ein starkes Geschmäckle, wenn man immer Bescheidenheit predigt.“

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

          Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.