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Neuer Fed-Chef : Powell beeindruckt die Märkte nicht nachhaltig

Der neue Fed-Chef Jerome Powell lässt den Dollarkurs nicht fliegen. Bild: AFP

Die erste Anhörung des neuen Vorsitzenden der Fed lässt zunächst den Dollarkurs und die Anleiherenditen leicht steigen. Aber der Optimismus Powells erzeugt keine drastische Reaktion. Eine andere Nachricht: Ausländer kaufen wieder amerikanische Staatsanleihen.

          Vor Jerome Powells erster Anhörung vor dem amerikanischen Kongress waren an den Finanzmärkten viele Spekulationen zu hören: Würde Powell als neuer Vorsitzender der Federal Reserve (Fed) einen anderen Kurs ankündigen als seine Vorgängerin Janet Yellen? Manche Beobachter horchten auf, als Powell die Bedeutung geldpolitischer Regeln betonte, da Kritiker der amerikanischen Geldpolitik seit langem eine fehlende Bindung an feste Regeln beklagen. Aber Powell vertiefte das Thema nicht. Am interessantesten für die Teilnehmer an den Finanzmärkten erwies sich Powells Vertrauen in die Stärke der amerikanischen Wirtschaft, die er zumindest auf Sicht von zwei Jahren auf einem robusten Wachstumspfad sieht. Aus Sicht des neuen Vorsitzenden der Fed ist die derzeitige Politik der Fed der Lage angemessen, aber er gab auch zu erkennen, dass die Notenbank ihren Kurs verschärfen könnte, falls mit einer Überhitzung der Wirtschaft die Inflationsgefahren deutlich zunehmen würden.

          Diese Äußerungen reichten für einen leichten Anstieg des Dollarkurses an den Devisenmärkten und einen ebenso leichten Anstieg der Renditen an den Anleihemärkten. Aber dramatisch fielen die Reaktionen nicht aus. Ein Euro kostete am Mittwochvormittag vorübergehend mit 1,2199 Dollar so wenig wie seit Mitte Januar nicht mehr. Allerdings ist die Abwertung des Euros nur zu einem Teil auf Äußerungen Powells zurückzuführen; ein weiterer Grund ist in einer unerwartet niedrigen Inflationsrate in der Eurozone zu suchen. Nach einer Vorausschätzung von Eurostat dürfte die Inflationsrate im Februar 1,2 Prozent betragen. Die Europäische Zentralbank strebt eine Inflationsrate von knapp unter 2 Prozent an.

          Nächster Zinsschritt im März erwartet

          „Weitere graduelle Erhöhungen der Leitzinsen werden am besten das Erreichen unserer beiden Ziele befördern“, sagte Powell für die Fed in Washington. Die vom Gesetzgeber der Fed vorgegebenen Ziele sind Geldwertstabilität, die von der Fed mit einer Zielrate für die Güterpreisinflation von 2 Prozent gleichgesetzt wird, sowie ein hoher Beschäftigungsstand in der amerikanischen Wirtschaft. Bisher erwarten viele Marktteilnehmer im laufenden Jahr drei Erhöhungen der kurzfristigen Leitzinsen in den Vereinigten Staaten, aber es mehren sich Stimmen aus dem Markt, die auch vier Erhöhungen für plausibel halten. Der nächste Zinsschritt wird für die März-Sitzung der Fed vorausgesagt.

          Die Leitzinsphantasie beflügelt vor allem die Renditen kurzlaufender amerikanischer Staatsanleihen, läuft aber dem Rest des Marktes voran. Der Renditeabstand zwischen zweijährigen Staatsanleihen (2,26 Prozent) und zehnjährigen Staatsanleihen (2,88 Prozent) ist im historischen Vergleich derzeit sehr niedrig. Nach einer traditionellen Interpretation spricht eine niedrige Differenz zwischen langfristigen und kurzfristigen Renditen für die Möglichkeit einer Konjunkturschwäche, aber nicht nur Powell zeigt sich derzeit mit Blick auf Daten aus der amerikanischen Wirtschaft für die Konjunktur zuversichtlich.

          „Der Aufschwung ist – gemessen an den Verhältnissen in den Vereinigten Staaten – schon sehr alt. Er dauert inzwischen fast zehn Jahre. Das ist fast so lang wie die Erholung in den neunziger Jahren und länger als die Zyklen in den achtziger und in den zehn Jahren nach 2000“, meint der Chefvolkswirt der deutschen Fondsgesellschaft Assenagon, Martin Hüfner. „In einem solchen Alter muss er nicht gleich sterben und in einer Rezession enden. Er kann aber kraftloser werden. Die Wachstumsraten können zurückgehen. Das wäre für die Kapitalmärkte auch nicht schön.“ Hüfner ist aber nicht pessimistisch gestimmt: „Alles in allem gibt es also viele Risiken für die Konjunktur. Man sollte sie nicht unterschätzen. Wenn ich sie mir allerdings im Einzelnen anschaue, dann ist darunter kein einziges, das mir wirklich schlaflose Nächte bereiten würde.“

          Interesse an amerikanischen Staatsanleihen

          Normalerweise würde man angesichts der amerikanischen Wirtschaftslage eine deutlich höhere Rendite zehnjähriger Staatsanleihen erwarten. Aber nachdem die Rendite vor einer Woche einen Stand von 2,95 Prozent erreicht hatte und viele Marktteilnehmer ein rasches Überschreiten der Marke von 3 Prozent prophezeiten, fiel die Rendite wieder leicht zurück.

          Offenbar sind wieder mehr ausländische Anleger im Markt. Analysten der Investmentbank Morgan Stanley wenden sich in einer neuen Studie jedenfalls gegen die gelegentlich zu hörende These, in der jüngeren Vergangenheit hätten ausländische Anleger ihre Bestände an amerikanischen Staatsanleihen verringert. „Die Schwäche des Dollars während des Jahres 2017 verlieh dieser Geschichte Glaubwürdigkeit“, heißt es in einer Analyse. „Auch die im Vergleich schwache Entwicklung der amerikanischen Staatsanleihen im Vergleich zu Staatsanleihen aus Deutschland, Großbritannien und Japan zu Beginn des Jahres 2018 schien diese Interpretation zu stützen.“

          Die von Morgan Stanley genannten Zahlen widersprechen solchen Interpretationen: „In Wirklichkeit stockten ausländische Anleger im Jahre 2017 ihre Bestände an amerikanischen Staatsanleihen um 20 Milliarden Dollar auf.“ Und in den vier Wochen seit dem 24. Januar 2018 hätten die Bestände der Ausländer sogar um 58 Milliarden Dollar zugelegt. „Unseres Erachtens sollten die gestiegenen Renditen genügend Interesse für amerikanische Staatsanleihen wecken, so dass ein größeres Angebot an neuen Papieren Aufnahme findet“, lautet die Schlussfolgerung.

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