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Tendenz zum Überangebot : Dem Gaspreis ist derzeit nicht zu helfen

Die Möglichkeit, Erdgas per Schiff zu transportieren, hat den Gasmarkt seit einigen Jahren deutlich verändert. Bild: dpa

Während der Ölpreis zu Jahresbeginn zunächst eine Rally hingelegt hatte, fällt der Preis für Erdgas beständig. Das hat mit fundamentalen Unterschieden zwischen den Märkten zu tun.

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          Bei allem Klagen über hohe Energiepreise – wer in Deutschland mit Erdgas heizt, hat zumindest statistisch ein paar gute Jahre hinter sich. Seit 2014 ist der Preis 6,68 Cent je Kilowattstunde auf 6,07 Cent im Vorjahr gefallen. Das sind immerhin jährlich knapp 2,5 Prozent weniger, die Verbraucher fürs Heizen ausgeben mussten. Im selben Zeitraum hatten es die Besitzer von Ölheizungen besser, weil die Preise seitdem stärker gefallen sind.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dieses Jahr scheint es für die Gasheizer besser zu laufen. Während der Ölpreis trotz des jüngsten Preisrückgangs immer noch um 14,5 Prozent über dem Niveau des Jahresanfangs liegt, ist der Preis für Erdgas um gut 20 Prozent gefallen.

          Das könnte zunächst verwundern, denn immerhin versuchen immer mehr Länder, den Verbrauch von Erdöl und Kohle, vor allem im Bereich der Energieerzeugung einzuschränken, allen voran etwa China, dessen Nachfrage immer für einen Preisanstieg eines Rohstoffs gut ist. Auch das heiße Wetter sollte den Gaspreis nach oben treiben. In Mitteleuropa mag man das derzeit noch nicht so recht nachvollziehen können, doch die Durchschnittstemperatur der Erde (einschließlich der Ozeane) lag im Mai bei 15,63 Grad und damit 1,67 Grad über dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts, so das Nationale Zentrum für Umweltinformation in den Vereinigten Staaten. Die Mai-Monate der vergangen fünf Jahre waren insgesamt die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880, und neuen der heißesten mai-Monate gab es seit 2010.  

          Es wurde kein Wertpapier gefunden!

          Denkt man bei Gas nur ans Heizen, scheint das kontraintuitiv, doch da in den Vereinigten Staaten Gaskraftwerke einen bedeutenden Anteil an der Stromerzeugung haben, stiegt der Gasverbrauch, wenn die Klimaanlagen auf höheren Touren laufen. Indes machte sich der Temperaturanstieg nicht nur in Europa nicht so bemerkbar, sondern auch im Westen der Vereinigten Staaten und Teilen Kanadas, in denen es kühler blieb als sonst. Und was man nicht vor Augen hat, existiert auch nicht, und macht sich auch nicht im Gaspreis bemerkbar – der übrigens kurzzeitig stieg, aber eben nur kurz.

          Doch fundamental üben einige Faktoren langfristigen Druck auf den Preis von Erdgas aus. Zum ersten ist Gas nicht knapp oder zumindest deutlich weniger als Erdöl. Ende 2018 überstiegen die nachgewiesenen Reserven den Verbrauch um rund das Fünfzigfache, wohingegen es bei Erdöl nur der Faktor 18 ist. Das Verhältnis von Erdgasproduktion zu Erdgasverbrauch tendiert schon seit 1970 zu einer leichten Überproduktion, wohingegen die Erdölproduktion letztmals 1980 über dem Verbrauch lag.

          BRENT

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          In den vergangenen Jahren hat sich die Knappheit eher verringert. Durch die Gewinnung von Schiefergas ist die Bedeutung de4r Vereinigten Staaten als Erdgasproduzent wieder gestiegen. Durch die vergleichsweise neue Möglichkeit verflüssigtes Erdgas per Schiff zu transportieren hat sich auch die Ausfuhr amerikanischen Erdgases drastisch erhöht. Exportierten die Vereinigten Staaten 2015 noch 700 Millionen Kubikmeter Flüssiggas, waren es 2018 28,4 Milliarden – ein Anstieg um den Faktor 40 und deutlich mehr als der Export der Jahre 2000 bis 2015 insgesamt. Auch Russland und Australien haben die Ausfuhr deutlich gesteigert. Aber auch etwa Trinidad und Tobago führte 2018 viermal so viel Erdgas aus wie im Jahr 2000. Insgesamt ist der Flüssiggashandel seit 2015 um 28 Prozent gestiegen.

          Und dann ist es mit den Nachfragehoffnungen dank des Handelskonflikt auch nicht mehr so weit her, besonders wenn es um China geht. Seit Mitte 2017 stagnieren die Importe, nicht zuletzt weil China die eigen Produktion seit 2008 verdoppelt hat. Außerdem kauft China seit August 2018 schon im Grunde kein amerikanisches Erdgas mehr.

          Für die aktuell schwache Entwicklung des Erdgaspreises gibt es dagegen noch einen einfachen Grund. Während für den Ölpreis die Weltkonjunktur einer der wesentlichen Bestimmungsgrößen ist, wird der Erdgaspreis in viel höherem Maß vom Wetter beeinflusst. Nicht zuletzt deswegen schwankt er kurzfristig um einiges mehr als der Ölpreis. Im vergangenen Jahr als der Ölpreis deutlich anstieg blieb der Gaspreis tendenziell konstant. Kurz nachdem aber der Ölpreis dann deutlich einbrach, stieg der Gaspreis wiederum um mehr als 50 Prozent, weil sich in den Vereinigten Staaten ein kalter Winter abzuzeichnen schien.

          Dieses Bewegung nach oben war dann aber schnell passé. Den stärkeren Preisanstieg hat der Gaspreis per saldo aber bis heute noch nicht ganz abgebaut, so dass er gegenüber September 2018 immer noch etwas weniger stark gefallen ist als der Ölpreis.

          Bei einem aktuellen Gaspreis von 2,35 Dollar für die britische Thermaleinheit (etwa 26,4 Kubikmeter) gehen Analysten nichtsdestoweniger von steigenden Preisen aus und prognostizieren für das dritte Quartal einen Preis von 2,88 und für 2020 von 3,02 Dollar. Allerdings hatten sie zuletzt ihre Prognosen reduziert. Zudem liegt der Gaspreis damit weiter deutlich vom langfristigen Durchschnitt von 3,876 Dollar entfernt. Rechnet man Preisspitzen heraus, liegt der mittlere Preis bei rund 3 Dollar. Das heißt, die Analysten rechnen mit einer Tendenz zurück zum historischen Durchschnitt.

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