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Technische Analyse : Die Krise der europäischen Banken

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Italien - nicht Griechenland: Besucher in Rom Bild: AP

Italien ist nicht Griechenland, aber Italien könnte Griechenland werden.

          Wird Italien ein zweites Griechenland? Italien ist nicht Griechenland, aber Italien könnte Griechenland werden. So wird man das, was wir vor ein paar Tagen rund um die Regierungsbildung in Italien erlebt haben, wohl auch zusammenfassen können. Nackte Panik herrschte vor allem an den Anleihe- und Währungsmärkten. Deutsche Anleihen schossen nach oben, und italienische gingen in die Knie. Der Euro machte nicht nur einen Hofknicks, sondern gleich mehrere hintereinander und steht wenigstens aus technischer Sicht nun fast schon mit dem Rücken zur Wand. Solche Charts machen alles Mögliche – nur keinen Spaß.

          Den Vogel schossen aber die europäischen Banken ab. Aus ohnehin schon ziemlich spaßbefreiten Kursentwicklungen wurden in den letzten beiden Maiwochen mancherorts Krisen-Charts. Gut zu sehen ist dies am europäischen Leitindex für den Bankensektor – am Eurostoxx Banken. Derzeit ist er eher ein Leid-Index; wirklich erholt hat er sich seit und von der großen Finanzkrise vor 10 Jahren kaum. Vergleicht man diesen Chart beispielsweise mit denen der Technologie-Indizes, dann kann sich schon mal das kalte Grausen breitmachen.

          Wesentlicher Bestandteil unseres Wirtschaftssystems

          Nun könnte man diese Entwicklung mit der Bemerkung „Banken sind out“ und „Technologie ist in“ abtun und zur Tagesordnung übergehen. Vielleicht läge darin sogar mehr als ein Körnchen Wahrheit. Schließlich sind Banken für uns lange nicht mehr das, was sie mal waren. Man merkt das schnell, wenn man kurz überlegt, was uns vor 20 oder 30 Jahren in eine Bank geführt hat und was heute passieren muss, damit wir dorthin gehen. Aber Banken sind nun einmal wenigstens derzeit noch Banken und damit ein ganz wesentlicher Bestandteil unseres Wirtschaftssystems. Wird auch nur eine größere unter ihnen notleidend, dann dürften wir uns auch heute noch und auch auf absehbare Zeit schnell mit dem konfrontiert sehen, was uns seit 2008 als „systemisches Risiko“ nur allzu bekannt ist.

          Ohne nun solch einer Entwicklung das Wort reden zu wollen: Charts wie der aktuelle des Eurostoxx Banken haben schon einen ganz besonderen Charme. In wenigstens zwei von drei Fällen ist eine Mischung aus einem etablierten langfristigen Abwärtstrend, ebenso langfristiger relativer Schwäche allen anderen Branchen gegenüber und einem nicht richtig rundlaufenden Gesamtmarkt ein relativ klarer Hinweis auf mögliche weitere signifikante Kurseinbußen. Die müssen nicht unmittelbar erfolgen. Vielmehr ist Panik, wie sie so manchen Investor angesichts der (drohenden) Entwicklungen in Italien vergangene Woche befiel, oft ein gutes Indiz dafür, dass nun erst einmal Ruhe im Karton und der Boden für eine nennenswerte Erholung bereitet ist.

          Im Regelfall kann aber eine solche Entspannung die grundsätzliche Entwicklung nicht umkehren. Früher oder später werden wir uns in den nächsten Monaten – wohl oder übel – wieder mit deutlich nachgebenden Bankaktien konfrontiert sehen. Für den Eurostoxx Banken rechne ich mittelfristig und damit wohl noch für 2018 mit weiteren Verlusten in Bereichen von 10 Prozent bis 15 Prozent und damit einem Rückfall auf Niveaus um rund 100 Punkte (aktuell notiert der Index bei etwa 113 Punkten.) Die gute Nachricht: Solange der noch deutlich darunterliegende Unterstützungsbereich bei 88 Punkten nicht ernsthaft in Gefahr gerät, ist in meinen Augen eine Finanzkrise 2.0 zwar denkbar, aber nicht wahrscheinlich.

          Die Sache mit dem Euro

          Um auf den schon einleitend erwähnten, aber nicht abgebildeten Chart des Euro gegenüber dem Dollar zurückzukommen: Er findet in Bereichen zwischen 1,15 und 1,17 Dollar außergewöhnlich gute Unterstützung. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zone erhöhter Aufnahmebereitschaft dieser Qualität schon im ersten Anlauf unterboten wird, notiert nahe null. Auch deshalb ist damit in der nächsten Zeit nicht zu rechnen. Im Gegenteil: Die begonnene Erholung oder Stabilisierung dürfte sich noch länger fortsetzen. Wahrscheinlich müssen wir uns in den nächsten Wochen mehr Sorgen um unsere Kicker machen als um den Euro.

          Irgendwann im oder spätestens nach dem kalendarischen Sommer 2018 dürfte sich das aber wieder ändern. Das entscheidende Problem aus technischer Sicht ist, dass der Euro so schnell so weit zurückgekommen ist. Üblicherweise zeichnen sich langfristig intakte Aufwärtstrends gerade dadurch aus, dass sie langsamer korrigieren, als sie zuvor gestiegen sind. Genau dies ist beim Euro gegenüber dem Dollar nicht der Fall. Auch wenn also Europa mit der neuen italienischen Regierung nicht gleich untergehen wird: Wir müssen damit rechnen, dass nicht nur die nächsten Monate, sondern die nächsten ein bis zwei Jahre für den Euro eine harte Zeit werden dürften, in der er wenig nach oben und eher mehr nach unten gehen wird. Kurse um 1,10 Dollar und auch schon mal ein wenig darunter sind für diesen Zeitraum nach dem heutigen Stand meiner Einschätzung nach nicht aus der Welt.

          Italien wird also nicht Griechenland werden, aber eben auch nicht Deutschland. Und blickt man auf die unterschiedlichen Mentalitäten, also auf all das, was wir aneinander schätzen, dann ist dies wahrscheinlich genau eines: Gut so!

          Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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