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Beirat legt Pflichtenheft vor : Wie die Banken nachhaltiger werden sollen

Die Frankfurter Skyline: Kann sich die Finanzmetropole zu einem Vorreiter für Sustainable Finance entwickeln? Bild: Helmut Fricke

Nach langen Diskussionen hat der Sustainable Finance Beirat der Bundesregierung einen umfangreichen Bericht veröffentlicht. Ein Pflichtenheft für die Banken, aber auch für ihre Kunden.

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          Heterogen und interdisziplinär – so beschreibt der Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung seine Zusammensetzung. Damit sind die 38 Mitglieder aus der Finanz- und Realwirtschaft, der Zivilgesellschaft und Wissenschaft gemeint. Im Juni 2019 ins Leben gerufen, hat der Beirat nach anderthalb Jahren – und auch einiger Kritik – am Donnerstag seinen ersten umfangreichen Empfehlungskatalog veröffentlicht, um den Finanzplatz der Bundesrepublik nachhaltiger zu gestalten. 31 Vorschläge auf 132 Seiten verteilt, sollen „Deutschland zu einem der führenden Sustainable-Finance-Standorte“ machen. Doch ist das auch gelungen?

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Inken Schönauer

          Redakteurin in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Aus Sicht des Beirats allemal. Das Wort „stolz“ fiel in diesem Zusammenhang besonders häufig. Auch Gerald Podobnik von der Deutschen Bank ist stolz auf den Bericht. Die Arbeit im Beirat sei ein Ringen zwischen verschiedenen Stakeholdern und Persönlichkeiten gewesen, das Ergebnis sei jedoch weit mehr als der kleinste gemeinsame Nenner.

          Dabei hebt der Finanzvorstand der Unternehmensbank, der als einer der Praktiker im Beirat gilt, besonders die Einigung auf eine nachhaltige Berichterstattung hervor. Aktuell existiert weder Einheitlichkeit noch die Verpflichtung dazu, ökologische oder soziale Kriterien in der Berichterstattung zu berücksichtigen. Damit soll nun Schluss sein. Allein neun der 31 Empfehlungen des Beirats beziehen sich auf das ESG-Reporting. Das Kürzel steht dabei für die drei Ebenen der Nachhaltigkeit: die Umwelt, das Soziale und die Grundsätze guter Unternehmensführung.

          Berichtspflicht ausgeweitet

          Von solch einer ESG-Berichtspflicht wären dann alle Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern betroffen – und das unabhängig von ihrer Rechtsform. Die Verpflichtungsanforderung hat der Beirat damit nach oben geschraubt: Es müssten dann tendenziell mehr Unternehmen über etwa CO2-Emissionen oder soziale Faktoren berichten und auch solche, die nicht börsennotiert sind. Allzu viel Zeit können sich die Betroffenen damit nicht mehr lassen, wenn es nach dem Beirat geht. So sollen die Unternehmen ein mögliches ESG-Reporting schon ab dem Geschäftsjahr 2022 umsetzen.

          Finanzinstitute seien darauf angewiesen, standardisierte Informationen zu ESG-Risiken und -Chancen zu erhalten, sagt Karsten Löffler von der Frankfurt School of Finance & Management und Vorsitzender des Sustainable-Finance-Beirats. Das Thema Berichterstattung sei im Beirat sehr intensiv diskutiert worden, aber auch sehr konstruktiv.

          Der Suststainable-Finance-Beirat der Bundesregierung
          Der Suststainable-Finance-Beirat der Bundesregierung : Bild: Bundesministerium der Finanzen

          Zu hoher Aufwand?

          Bedenken, dass eine detaillierte nachhaltige Berichterstattung kleinere Unternehmen benachteilige, da sie nicht die notwendigen Ressourcen dazu hätten, hält Löffler dagegen für „auf den ersten Blick vom Aufwand her zwar verständlich, vom Nutzen her aber für sehr kurzsichtig“. Schließlich liege das nachhaltige Reporting im eigenen Interesse von kleineren und mittelständischen Unternehmen. Finanzinstitute verlangten ohnehin schon danach, um die ESG-Risiken besser einsehen zu können, so Löffler. Und auch große Konzerne fordern von ihren Zulieferern bereits ein genaues Bild darüber, wie nachhaltig in ihrer Lieferkette gewirtschaftet werde.

          Die Diskussion um kleine und mittelständische Unternehmen sei zentral gewesen, sagt auch Podobnik. Daher seien die Anforderungen an sie auch nicht so hoch, wie an größere Konzerne. Ein großes Problem sei dabei die Verfügbarkeit von Daten, sagt Podobnik. Abhilfe soll eine digitale, zentrale, öffentliche und kostenlose Rohdatenbank für ESG-Daten schaffen, die im Bericht vorgeschlagen wird.

          Es gebe viele qualitative Metriken für die ESG-Berichterstattung, sagt Podobnik, aber zu wenige quantitative Kennzahlen zur Messung von Nachhaltigkeit. Zur Orientierung schlagen die Mitglieder des Beirats daher sogenannte KPI (Key Performance Indicators) vor.

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