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Kaum Fortschritte : Südamerikas Börsen lahmen

  • -Aktualisiert am

Brasiliens Präsident Bolsonaro Bild: dpa

Brasilien wartet auf wichtige Reformen, während Argentinien gegen Rezession und Inflation kämpft. Auch Trumps Handelspolitik ist nicht hilfreich.

          Auch Südamerikas Aktienmärkte werden von dem Zollangriff des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gegen China belastet. Chile und Peru hätten aufgrund ihrer starken Exportorientierung wohl am meisten unter einem möglichen Handelskrieg zwischen Amerika und China zu leiden. Südamerikas Börsen lahmen allerdings schon seit Monaten. Gründe dafür sind vor allem die schwache Entwicklung in Brasilien und die Krisenstimmung in Argentinien. In Brasilien, dem größten Aktienmarkt der Region, reibt sich der ultrarechte Präsident Jair Bolsonaro in ideologischen Grabenkämpfen um die Bildungs- und Kulturpolitik auf, statt im Parlament Mehrheiten für überfällige Wirtschaftsreformen zu suchen. Vor allem die Rentenreform, die als unerlässlich für die Sanierung der Staatsfinanzen gilt, kommt langsamer als erwartet voran.

          Und selbst wenn die Rentenreform schließlich ohne allzu große Abstriche am Regierungsentwurf verabschiedet werden sollte, wird sie nur jährliche Einsparungen in Höhe von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bringen, kalkuliert der Investmentbanker und ehemalige Zentralbankchef Armínio Fraga. Ein fünfmal so großes Volumen an Einsparungen oder Zusatzeinnahmen sei jedoch erforderlich, um den Staatshaushalt langfristig auszugleichen, schätzt Fraga. Doch Staatschef Bolsonaro sorgt sich anscheinend mehr um Zucht und Ordnung in der brasilianischen Gesellschaft und um die Versorgung „anständiger“ Bürger mit reichlich Waffen und Munition.

          An der Börse sorgte der unberechenbare Bolsonaro kürzlich für Verdruss, als er sich in die Preispolitik des staatlich kontrollierten Ölkonzerns Petrobras einmischte und die Rücknahme von Erhöhungen der Treibstoffpreise forderte. Nach starken Kursverlusten für Petrobras und vermutlich ernsten Ermahnungen seiner Wirtschaftsberater ruderte Bolsonaro allerdings rasch zurück.

          Konjunktur kommt nur langsam in Schung

          Trotz der latenten Gefahr weiterer Einmischungen der Regierung ist Petrobras der erklärte Favorit der meisten Analysten in Brasilien. Vor allem der Verkauf von nicht strategischen Unternehmensteilen zum Abbau der Schulden wird gelobt. Auch der Bergbaukonzern Vale wird trotz der verheerenden Dammbruch-Katastrophe im vergangenen Januar von vielen Häusern weiterhin zur Anlage empfohlen. So zynisch es klingen mag, die Produktionsausfälle infolge des Dammbruchs konnten durch Preiserhöhungen aufgrund just dieser Angebotsverknappung ausgeglichen werden. Schließlich ist Vale der weltgrößte Exporteur von Eisenerz.

          Brasiliens Konjunktur kommt wesentlich langsamer als erwartet in Schwung. Die Großbank Itaú hat ihre Prognosen für das Wachstum 2019 auf nur noch 1,3 Prozent gesenkt. Zum Jahreswechsel hatte sie noch 2,5 Prozent Wachstum erwartet. Die von dem Forschungsinstitut FGV ermittelten Vertrauensindikatoren haben sich ab März in allen Wirtschaftszweigen deutlich verschlechtert, selbst das Gespenst einer abermaligen Rezession geht um.

          Solange in Brasilien weder das Wirtschaftswachstum noch die Reformen in Gang kommen, werden sich vor allem ausländische Anleger weiter zurückhalten, schätzt Will Landers, neuer Chef des Aktiengeschäfts der brasilianischen Investmentbank BTG. Landers, der sich zuvor 17 Jahre lang für den Vermögensverwalter Black Rock um Lateinamerika gekümmert hatte, sieht allerdings gute Aufholchancen für Brasiliens Aktienmarkt. Sollte Brasilien in den Reformen seine Hausaufgaben machen, könnte das Amazonasland sogar in Schwung kommen, wenn sich die Konjunktur im Rest der Welt abkühle.

          Argentinien unter Druck

          Gemäß dem MSCI-Brasilien-Index stagnieren Brasiliens Aktienkurse in Dollarwerten auf dem Vorjahresniveau. Das ist freilich immer noch deutlich besser als die Kursentwicklung im Nachbarland Argentinien. Dort hat der MSCI-Index in einem Jahr rund 36 Prozent verloren. Argentiniens Wirtschaft findet nur mühsam aus der Rezession. Und trotz der eingebrochenen Inlandsnachfrage hat die Inflation im März abermals angezogen. Die Jahresrate von 55 Prozent ist die höchste seit Argentiniens Hyperinflation zu Beginn der neunziger Jahre.

          Was die Märkte jedoch besonders schockt, sind die wachsenden Chancen der Ex-Präsidentin Cristina Kirchner auf ein Comeback bei den Wahlen im Oktober. Kirchner hatte in ihrer Regierungszeit (2007 bis 2015) die Unternehmen durch Preiskontrollen sowie Devisen- und Handelsbeschränkungen gegängelt. Laut jüngsten Umfragen liegt die Linkspopulistin in der Wählergunst vor dem liberal-konservativen Amtsinhaber Mauricio Macri. Am Devisen- und Finanzmarkt führte das zu heftigen Turbulenzen. Dies erschwert gleichsam die Erholung der Konjunktur und könnte so die Wahlchancen Kirchners zusätzlich stärken.

          Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, unterstützt der Internationale Währungsfonds (IWF) den amtierenden Präsidenten Macri nach Kräften – offenbar auf höchste politische Order der wichtigsten Anteilseigner des Fonds. Macris Bemühungen um gute Beziehungen zu Donald Trump und anderen einflussreichen Regierungschefs zahlen sich in der heutigen Notlage aus.

          Seit einem Jahr hängt Argentinien vollständig am Tropf des Währungsfonds. Und quasi im Monatsrhythmus macht der IWF seinem Hauptkunden neue Konzessionen. Zuletzt gab der IWF grünes Licht für Interventionen der Zentralbank am Devisenmarkt zur Stützung des Pesos, obwohl der Fonds grundsätzlich auf frei schwankende Wechselkurse schwört. In kaum einem anderen Land dreht sich die Spirale von Abwertung und Inflation so schnell wie in Argentinien. Die Stabilisierung des Wechselkurses ist darum das wichtigste Ziel der Regierung im Vorfeld der Wahlen. Der Freibrief des IWF brachte in den letzten Tagen Erleichterung für die Macri-Regierung und eine kräftige Erholung der Kurse von Aktien, Anleihen und Währung Argentiniens.

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