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Substanzaktien : Billig schlägt Wachstumsfantasie

Auch wenn die bekannte Fotosparte lang Geschichte ist - Agfa bietet mit Technik und Substanz für manche ein attraktives Investment. Bild: AFP

Alles redet von einer Rückkehr zu Substanzaktien. Für den Vermögensverwalter BWM ist es nur die Rückkehr zur Normalität.

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          Die in der Aktienanlage häufig umstrittene Frage, womit man denn nun besser fahre, mit Sub­stanz- oder Wachstumswerten, hat Georg von Wyss für sich klar entschieden. Der Vorstandsvorsitzende des Schweizer Vermögensverwalters BWM lässt daran keinen Zweifel: „Substanzwerte sind Wachstumswerten langfristig überlegen.“ Investoren schätzten nun einmal billige Aktien, sagt er, und verweist auf Untersuchungen, wonach der Wert amerikanischer Substanzaktien in den vergangenen 50 Jahren um mehr als 20 Prozent gestiegen ist, während es der breite Markt auf 16 Prozent bringt.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was nach nicht viel klingt, hat in 50 Jahren enorme Auswirkungen. Aus 100 Dollar in Substanzwerten wurden so 2,7 Millionen Dollar, am breiten Markt investiert bescheidene 181.000. Warum dann also das große Interesse an Wachstumswerten? „Spekulationsblasen funktionieren doch immer nach demselben Muster“, sagt von Wyss. „Alte Industrien haben keinen Sex-Appeal, während neue Erfindungen immer den Eindruck erwecken, die Welt wäre ganz neu.“ Das sei schon immer so gewesen. Schon Eisenbahn und Telegrafie hätten seinerzeit die Menschen in Aufregung versetzt.

          „Was immer wieder verwechselt wird, sind der technische Wandel und die Grundsätze des Investierens“, sagt von Wyss. Letztere änderten sich aber durch technische Neuerungen nicht. Bisweilen aber können aktuelle Entwicklungen den Blick auf diesen Zusammenhang verstellen. So hatten Substanzwerte zwischen 2014 und 2020 eine harte Durststrecke, in der der Anteilswert des hauseigenen Classic Global Equity Fund zu Beginn der Corona-Krise genauso hoch war wie sechs Jahre zuvor und dann um 35 Prozent fiel.

          Classic Value Equity Fund €

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          Substanzwerte seien eben nicht gefragt gewesen. Aber man sei auch in sogenannte Value Traps gegangen. So habe man zu früh geglaubt, die regulatorischen Anforderungen der EZB an die italienischen Banken seien bewältigt, und hatte deswegen in Aktien der Bank Monte dei Paschi investiert. Den Vorwurf macht von Wyss allerdings hier dem Regulator. Aber auch mit dem britischen Pannendienst AA hatte man zu leiden, dessen Mittelzuflüsse man seinerzeit überschätzt habe. Seitdem sei man im Umgang mit Bilanzen strikter geworden.

          „Allerdings macht es das nicht einfacher“, gesteht von Wyss ein. „Denn viele interessante Unternehmen sind hoch verschuldet.“ Aber mit Unternehmen mit guten Bilanzen sei es nun einmal sicherer. Allerdings wird sich der Vermögensverwalter nicht darauf einlassen, hier von Qualitätsaktien zu sprechen. Was heiße das denn schon, fragt er und nennt ein Beispiel: So sei der Autokabelspezialist Leoni eigentlich ein gutes Unternehmen. Doch schlechtes Management in einem neuen Werk in Mexiko habe die Verschuldung anschwellen lassen. Demnach sei das Controlling wohl nicht gut gewesen.

          Vom Einbruch in der Corona-Krise hat sich der BWM-Fonds erholt und seinen Wert seitdem mehr als verdoppelt. „Vom sogenannten Reflation Trade haben wir natürlich massiv profitiert, wobei das eigentlich nur heißt, die während der Krise stark gefallenen Aktien europäischer Hersteller von zyklischen Konsumgütern statt großen Technologieaktien zu kaufen.“ Von Wyss sieht darin nicht etwa einen Trend zu Sub­stanzwerten, sondern die Rückkehr zur Normalität. Jetzt zähle wieder die Bewertung. Natürlich sei auch die von Substanzwerten gestiegen, aber es gebe noch unterbewertete Titel. Nicht mehr wie Sand am Meer wie vor einem Jahr, aber man könne noch selektiv kaufen.

          Für aussichtsreich hält er etwa Supermärkte, Autozulieferer oder Aktien aus dem IT-Service. Das Thema Nachhaltigkeit macht ihm eigenen Worten zufolge keine Sorgen. Auch alte Industrien könnten sich darauf einstellen, etwa wenn Agfa seine Erfahrungen aus der längst verblichenen Filmproduktion zur Herstellung von Membranen für die Wasserstoffproduktion nutze. Der hauseigene Fonds habe jedenfalls sehr gute Noten, wobei von Wyss so manches Kriterium etwas sonderbar findet, etwa wenn die Beherrschung eines Unternehmens durch eine Familie negativ gewertet werde, wo diese doch öfter langfristig dächten als professionelle Manager.

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