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Hohe Inflationsraten : Spendable Regierungen schwächen Osteuropas Währungen

Mit dem ungarischen Forint geht es vor allem bergab (Symbolbild). Bild: Reuters

Während der Pandemie beschleunigte sich die Geldentwertung in den ostmitteleuropäischen EU-Staaten ohne den Euro. Wie stabil stehen die Währungen dieser Länder nun da?

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          Keine Angst vor Deflation. Den Rat gab dieser Tage Peter Brezinschek, der Chefanalyst der Raiffeisen Bank International (RBI) in Wien. Er bezog sich auf „die empirische Evidenz in vielen Ländern Zentral- und Osteuropas“. Von 2014 bis 2016 seien Preisänderungsraten in Polen, Ungarn, der Slowakei, Rumänien und weiteren Ländern Ostmitteleuropas länger als drei Jahre negativ ausgefallen – bei Verbraucher- noch stärker als Produzentenpreisen. Dennoch hätten die Länder in der Zeit ein überdurchschnittliches Wachstum begonnen, begleitet von starken Lohnerhöhungen. „Ein negativer Effekt der fallenden Preise auf die Kaufentscheidungen oder eine negative Preis/Lohn-Spirale konnte somit nirgends identifiziert werden.“

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Heute ist die Lage anders. Während die Inflation im Euroraum negativ ist, hat sie in den zwar zur EU gehörenden, nicht aber dem Euro angeschlossenen Währungsräumen angezogen – über das von den Notenbanken erwünschte Maß hinaus. In Polen, der größten Wirtschaft Mittelosteuropas liegt die Inflation bei 2,9 Prozent und damit über der weiterhin angestrebten Zielmarke von 2,5 Prozent. Auch wenn der jüngst leichte Rückgang nach Auffassung der Commerzbank-Analysten darauf hindeutet, „dass sich die lange erwartete inflationsdämpfende Wirkung der Pandemie nun doch noch endlich bemerkbar macht“, halten sie es für möglich, dass die Falken im Zentralbankrat auf Zinserhöhungen hinarbeiten, in Richtung des alten Satzes von 1,0 Prozent von derzeit 0,1 Prozent. Dem Zloty könnte dies Auftrieb geben. Zum Euro pendelt die Währung seit ihrer Erholung vom Corona-Schock seit etwa sechs Wochen zwischen 4,38 und 4,42 Zloty, zuletzt allerdings eher am oberen Niveau.

          Aus der tschechischen Notenbank, die ihren Leitzins auf 0,25 Prozent hält, waren zuletzt trotz steigender Inflation von 3,4 Prozent im Juli andere Töne zu vernehmen. Ratsmitglied Tomáš Holub hält stabile Leitzinsen sogar bis Ende 2022 für wahrscheinlich. Sorgen macht der Zentralbank, die als die unabhängigste Mittelosteuropas gilt, in Prag die Schuldenpolitik der Regierung. Die hatte am Mittwoch eine Extrazahlung für Tschechiens Rentner gebilligt. Jeder Rentner soll einmalig 5000 Kronen (etwa 190 Euro) erhalten. Den Staat kostet das, wenn das Parlament zustimmt, umgerechnet 550 Millionen Euro. Zusammen mit der im Wahljahr 2021 geplanten Einkommensteuersenkung brächen Einnahmen über 2,8 Milliarden Euro weg, was Zentralbankgouverneur Jiří Rusnok kritisierte. Er ist besorgt, dass dies zu längerfristigen Einnahmenausfällen des Staates und mithin zu einer höheren Verschuldung führt. Die Krone tendierte zuletzt etwas leichter, um 26,30 Krone je Euro, nach Kursen von weniger als 26,10 Kronen je Euro Mitte August.

          Ratingagentur droht Rumänen

          In Ungarn ist die Wirtschaft im zweiten Quartal um 13,6 Prozent stärker als erwartet und tiefer als in den Nachbarländern eingebrochen. „Schockierend“ empfanden das die Analysten der ING. Schon vorher kannte der Forint nur eine Richtung: abwärts. Seit Anfang August hat er sich von 344 auf 357 Forint je Euro abgeschwächt. Die DZ Bank macht die gewachsenen Wachstumssorgen „bei einem zugleich deutlich zugenommenen Preisdruck“ für die Verunsicherung der ungarischen Landeswährung verantwortlich. Ein anderer, oft genannter Grund ist das mangelnde Vertrauen der Märkte in die Bereitschaft der Zentralbank, Zinsen irgendwann wieder anzuheben. Im Juli lag die Jahresinflation bei 3,8 Prozent, nach 2,8 Prozent im Juni. Wegen der Rezession, dem Haushaltsdefizit und dem Anleihekaufprogramm der Notenbank, die sich auf Swap-Abkommen mit der EZB und anderen Notenbanken stützen kann, senkten die RBI-Experten ihre Prognose leicht auf 355 statt 350 Forint je Euro zum Jahresende.

          In Rumänien spitze sich die politische Krise zu Wochenbeginn ausnahmsweise nicht weiter zu, weil die oppositionelle PSD für das angekündigte Misstrauensvotum gegen die Minderheitsregierung nicht genügend Abgeordnete ins Parlament brachte, um überhaupt abstimmen zu können. Finanzpolitisches Ungemach droht dennoch im Laufe der derzeit stattfindenden Haushaltsberatungen, weil die PSD (vor Kommunalwahlen Ende September und den Parlamentswahlen zum Jahreswechsel) auf einer Rentenerhöhung um 40 Prozent beharrt und „Risikozuschläge“ für Lehrer und anderes Schulpersonal verlangt. Die Regierung hatte diese zuletzt auf 14 Prozent begrenzt. Analysten warnen deswegen schon seit langem vor latenten Gefahren für die dauerhafte Stabilität des Staatshaushaltes. Der war schon vor der Corona-Pandemie so defizitär, dass die EU-Kommission Mahnschreiben versandte. Bankexperten rechnen nun aber im Falle einer starken Rentenerhöhung mit der bisher vermiedenen Abwertung des Staatsratings auf einen „Non-Investment“-Status.

          Einstweilen verlängerte die EZB diese Woche ihre der Notenbank gewährten Eurokreditlinien. Sie laufen nun bis Ende Juni 2021, ein halbes Jahr länger als bisher verabredet. Die Inflationsrate lag im Juli bei 2,8 Prozent, der rumänische Währung Leu verbilligte sich seit Anfang August von 4,832 auf 4,842 Leu je Euro.

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